Die doppelte Mission der Roten Teufel

Von: Tobias Müller
Letzte Aktualisierung:
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Ein Land in Rot, Gold, Schwarz: Eigentlich ist in Belgien die Zeit der Separatisten. Die Nationalmannschaft aber, erstmals seit 1994 wieder für eine WM qualifiziert, ist wie eine Klammer, die das Land zusammenhält und trägt mehr zur Identifikation der Belgier bei als je zuvor. Foto: dpa
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Ein Land in Rot, Gold, Schwarz: Eigentlich ist in Belgien die Zeit der Separatisten. Die Nationalmannschaft aber, erstmals seit 1994 wieder für eine WM qualifiziert, ist wie eine Klammer, die das Land zusammenhält und trägt mehr zur Identifikation der Belgier bei als je zuvor. Foto: sport/Reporters
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Fan der Einheit, Fan der Nationalelf: Regierungschef Elio Di Rupo. Foto: stock/PanoramiC
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Ein Land in Rot, Gold, Schwarz: Eigentlich ist in Belgien die Zeit der Separatisten. Die Nationalmannschaft aber, erstmals seit 1994 wieder für eine WM qualifiziert, ist wie eine Klammer, die das Land zusammenhält und trägt mehr zur Identifikation der Belgier bei als je zuvor. Foto: sport/Reporters

Brüssel/Lontzen. Auf einmal steht Meester Joost im Fokus. Fast anderthalb Millionen Follower sahen vor ein paar Tagen das Foto des freundlich dreinblickenden Lehrers mit Poloshirt und Stirnglatze, das sein früherer Schüler Vincent Kompany auf Twitter veröffentlichte.

„Meester Joost, mein Lehrer im zweiten und sechsten Schuljahr“, signiert darauf ein rotes Trikot des belgischen Kapitäns. Begegnet sind sie sich im Rahmen einer Aktion, die sich „iedereen mee/ tous ensemble“ nennt. Alle machen mit, alle zusammen: Unter diesem Motto schickten belgische Schulkinder Postkarten an die Kicker, die sich zur Zeit den letzten Schliff für die WM holen.

Alle zusammen, das ist überhaupt so etwas wie das Leitmotiv von Vincent Kompany. Nicht nur, weil die Diables Rouges oder Rode Duivels einem alten Sprichwort zufolge den wackeligen belgischen Laden zusammenhalten. Der kickende Kitt, gewissermaßen, neben dem flüssigen (Bier), festem (Fritten) und kitschigem (Königshaus). Nein, Kompany, ein umtriebiges Tausendsassa, politisch interessiert und auch noch überdurchschnittlich eloquent, ist ein überzeugter Verfechter der belgischen Einheit. Was eine durchaus pikante Konstellation ist in diesen Tagen nach einer Wahl, die die flämischen Separatisten in Flandern ähnlich deutlich gewannen wie die Roten Teufel vor wenigen Tagen mit 5:1 ihr Testspiel gegen Luxemburg.

Geradezu sexy

Kompany, der sich via Twitter auch schon mal die flämischen Nationalisten in humorvoller Weise zur Brust nimmt, ist im Kreis der Nationalmannschaft nicht allein: Auch Trainer Marc Wilmots, zwischen aktiver und Trainerkarriere einst Senator für die liberale Partei Mouvement Réformateur (MR), ist an der Einheit Belgiens gelegen – „mit seinen Französisch-, Niederländisch- und Deutschsprachigen“. Natürlich ist es Zufall, dass die Renaissance des belgischen Fußballs, das sich nun einlösende Versprechen der „Goldenen Generation”, zusammen fällt mit dem Aufstieg der Nationalistenpartei N-VA.

Gleichsam haben die Roten Teufel durchaus ihren Platz in diesem Bezugsrahmen. 2012, wenige Tage nach dem Sieg der N-VA bei den Kommunalwahlen, machte das Team in Brüssel gegen Schottland einen großen Schritt Richtung Brasilien. Im weiten Rund des König- Balduin-Stadions tauchte in jener Nacht ein Plakat auf: „Bart, heute bist du alleine“, stand darauf in Anlehnung an N-VA- Chef Bart De Wever. Bis heute tragen die Roten Teufel diesen Geist der Gemeinsamkeit in sich, bringen die Fans in rot-gelb-schwarzen Utensilien zusammen, die noch nie eine Konjunktur hatten wie in diesen Tagen.

Geradezu sexy ist sie geworden, die belgische Trikolore, die einst für Seniorentouren zum Manneken Pis stand und, was Fußball betrifft, hölzerne Defensivrecken. Verantwortlich dafür ist eine bunte Truppe, deren Eltern nicht nur aus Flandern und Wallonien, sondern auch aus Kinshasa oder der Karibik stammen, Sympathie- und Hoffnungsträger im Sinne der Black- Blanc-Beur („Schwarz-Weiß-Butter, ein Slangwort für die Gesichtsfarbe nordafrikanischer Migranten) der französischen Weltmeister von 1998. Es ist es auch der eigene Hintergrund, der den Horizont dieser Mannschaft über den engstirnigen Regionalismus in Flandern oder den alten frankophonen linguistischen Dünkel hinaushebt.

Erfolge im Juniorenbereich künden schon seit einigen Jahren von dieser kickenden Renaissance. Ihre Wiege stand im Übrigen im Osten des Landes: schon in den 90er Jahren, als die belgische Liga international langsam, aber nachhaltig abgehängt wurde, beschloss man beim Traditionsclub Standard Lüttich, künftig auf die Jugend zu setzen. Notgedrungen, wie der technische Direktor Jean-François de Sart unumwunden einräumt: „Es ist die einzige Möglichkeit, als Club zu überleben. Junge Spieler auszubilden, sie in die erste Mannschaft zu bringen und dann in andere Ligen zu verkaufen.“ Die Titelgewinne von 2008 und 2009 bestätigten den Ansatz. Inzwischen liefern auch die Fußball- Schulen von Clubs wie Anderlecht oder Genk Talente am Fließband.

Wer dieser Tage durch Belgien zieht, trifft allenthalben auf die Konterfeis von Thibaut Courtois, Axel Witsel und Romelu Lukaku. Ob Bierdosen, Plakate oder Titelseiten, die Roten Teufel sind allgegenwärtig. Das gilt nicht nur für Brüssel, Lüttich oder Brügge. Auch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft fiebert man dem ersten WM-Auftritt Belgiens seit 2002 entgegen. Einer der fünf Fanclubs sei „mit einigen Hundert Leuten zum Testspiel gegen Luxemburg gefahren”, erzählt Herbert Hoen, Möbelhändler aus Lontzen. „Bei der WM organisieren sie Public Viewings in Eupen.“ Außenstehende müssen gar nicht erst auf die Idee kommen, dass die Fußballfans der DG vor einem Loyalitätskonflikt stünden: „Wir sind zwar deutschsprachig, aber Belgier.“ Wer sich in Ostbelgien auskennt, weiß: Niemand hier drückt der deutschen Mannschaft die Daumen.

Wie so viele hat sich Herbert Hoen, der just den AS Eupen durch die Aufstiegsrunde begleitete, bereits mit Fanartikeln eingedeckt: „Trikot, Fahne, alles in den Farben der Teufel. Wobei ich den Vorteil habe, dass ich auch noch Köln- Fan bin“, sagt und grinst. Ob er die Nationalmannschaft nun als besonders belgisch wahrnehme, in diesen Zeiten? „Ja“, sagt er. „Denn De Wever da oben“, er meint in Flandern, „der mag die Nationalmannschaft ja nicht so. Aber wir sehen das anders: für uns bedeuten die Roten Teufel, dass wir alle zusammen sind.“

Der Konter der N-VA

Der Fairness halber muss man ergänzen, dass sich selbst der flämisch-nationalistische Wahlsieger De Wever bereits positiv über dieses Team äußerte – einfach, weil er guten Fußball schätzt. Neulich aber, als die N-VA in Brügge ihren Wahlkongress abhielt, da konterte ein Parteikollege den einheitsliebenden Kompany. Dieser sei zwar ein hervorragender Fußballer, aber was seine gute Bildung betrifft, habe er sich beim flämischen Unterrichtssystem Brüssels zu bedanken. Und natürlich bei Meester Joost, der seinem berühmten Schüler und seiner Truppe nun die Daumen drückt.

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