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Die beiden Welten des Naturerklärers

Von: Valerie Barsig
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Hermann Carl in Aktion: Wenn er mit der „Rollenden Waldschule“ Kinder besucht, hat er ausgestopfte Tiere dabei, die die Kinder auf den Schoß bekommen und streicheln können. Morgen wird er mit dem Europäischen Sozialpreis ausgezeichnet. Foto: Andreas Gabbert
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Der „Dorfsheriff“: Wenn Hermann Carl gerade nicht als Naturführer unterwegs ist, arbeitet er als Polizist in Simmerath. Foto: Valerie Barsig

Simmerath/Eschweiler. Hermann Carl pendelt zwischen zwei Welten: In der einen ist er Polizist, Dorfsheriff, der ein offenes Ohr für alle Simmerather hat. In der anderen ist er Jäger und Naturführer. Einer, der Kindern die Natur näher bringen will

 Einer, der Kindern Hula-Röcke aus Farn steckt, sie Luchse und Eulen streicheln lässt und mit ihnen durch die Wälder in der ganzen Region zieht. Einer, der weiß, dass die Blüten des rosa Wiesenschaumkrauts schmecken „wie frischer Kohlrabi, und wenn man weiter darauf kaut so, als hätte man einen kleinen Zwerg im Mund, der einem Pfeffer hineingestreut hat“.

1953 ist Carl in Monschau geboren, im Haus seiner Eltern lebt er bis heute – mitten im Wald. Gemeinsam mit seinen drei Töchtern, seiner Frau, Pferden, Hunden und dem Wildschwein „Pumba“, das er großgezogen hat. Manchmal zieht er auch Rehkitze groß. Das war schon immer so: „Ich habe früher jeden Igel zahm gemacht, Kaninchen, Rehe – alles“, erzählt er.

Früher hatte seine Familie eine Hühnerfarm, die Stallgebäude sind bis heute erhalten, Hühner sind allerdings keine mehr da. Eigentlich wollte sein Vater Berufsjäger werden, fand kurz nach dem Krieg aber keine Stelle und machte kurzentschlossen die Farm auf seinem Grundstück auf. Ein Jagdrevier betreute er trotzdem. Die Ausflüge mit seinem Vater haben Carl geprägt. Auch durch seine Naturverbundenheit entstand später die „Rollende Waldschule“.

Seit 1995 zieht Carl mit über 100 Tierpräparaten durch Schulen, Behinderteneinrichtungen und Altenheime, um den Menschen dort die Natur zu erklären. Seit 2012 ist auf Initiative Hermann Carls und der Kreisjägerschaft Aachen außerdem das Erlebnismuseum „Lernort Natur“ in Monschau entstanden, das vergangenes Jahr eröffnet hat. Für sein Wirken erhält Carl nun den Europäischen Sozialpreis des Europavereins in Eschweiler.

In Carls Büro auf dem Polizeirevier in Simmerath empfängt den Besucher Vogelgezwitscher, und zwar zu jeder vollen Stunde. Eine Uhr über der Tür gibt die Stimmen der heimischen Vögel wieder. Um 13 Uhr ist es der Zaunkönig, der gerade zschilpt. An den Wänden hängen Urkunden und Auszeichnungen, das Naturführer-Diplom, Carl hat sogar den Verdienstorden der Bundesrepublik bekommen.

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat unterschrieben. Besonders stolz ist Carl allerdings auf das „Prädikat Kinderfreundlich“, das er von der Stadt Aachen bekommen hat. In der Jury sitzen auch Kinder, deshalb ist das die Auszeichnung, über die er sich am meisten gefreut hat, sagt Carl. An den Wänden hängen Fotos aus Südafrika und Namibia. Neunmal war er bereits dort. Wenn er davon erzählt, leuchten seine Augen. Auf seinem Computer steht eine ausgestopfte Bachstelze, von der Wand über einem Schrank blickt ein Turmfalke auf den Besucher herab.

Fragt man Carl, warum er eigentlich Polizist geworden ist, windet er sich. Persönliche Fragen scheinen ihm unangenehm. Lieber zeigt er die vielen Aktenordner, in denen er Fotos, Zeitungsartikel und viele, viele Briefe gesammelt hat, die ihm Kinder als Dankeschön geschrieben haben. Auch Lehrer erinnern sich gern an die Spaziergänge mit Carl: „Ich suchte nach einer Stelle, um den Bach trocken zu überqueren. Doch Herr Carl forderte mich kurzentschlossen auf, seinen Rücken zu besteigen“, schreibt einer.

Carl muss lachen: „Ja, daran erinnere ich mich. Ich habe vorher der ganzen Schulklasse eingebläut, Gummistiefel anzuziehen, weil ich wusste, dass wir einen Bach durchqueren müssen.“ Der Lehrer habe allerdings nicht daran gedacht. An viele solche Geschichten erinnert sich Carl gern zurück. „Es ist so viel zusammengekommen über die Jahre“, staunt er.

Als Carl 15 Jahre alt war, starb sein Vater mit nur 52 Jahren. Zurück blieben er, seine drei Geschwister und seine Mutter – und die Hühnerfarm, die der Familie die Lebensgrundlage sichern sollte. Carls Kindheit war abrupt vorbei, er musste Geld verdienen. So kam er zur Polizei. Er wollte keinen Job, bei dem man permanent am Schreibtisch sitzen muss. Also ging er in den Streifendienst. Mit vielen Menschen in Kontakt zu sein, das ist ihm wichtig. Belastbar müsse man allerdings sein. Als Polizist erlebt man vieles, sagt Carl. Lustiges und Schönes, aber auch viel Elend. Das nehme man auch mit nach Hause. Todesnachrichten zu überbringen, das sei das Schlimmste.

Als Polizist habe man meistens mit Menschen zu tun, die sehr aufgeregt sind, zum Beispiel einen Unfall hatten, sagt er. Den ruhenden, ausgleichenden Pol dazu zu bilden, das gefalle ihm. Ohnehin ist Carl jemand, der gern etwas für Menschen tut, sie erfreut. Carl ist ein Kümmerer.

Als Polizist stehe er vielleicht mehr in der Öffentlichkeit als die vielen, vielen anderen Ehrenamtler, überlegt er. Vielleicht bekäme seine Arbeit deshalb so viel Aufmerksamkeit, gibt er sich bescheiden.

1992 bekam Carl sein Diplom als „Naturführer“. Als die Landesjägerschaft das Projekt „Lernort Natur“ ausrief und allen Jägern zwei Fahrzeuge zum Mieten anbot, wurde Carl aktiv: Mit einem Wagen und einem Anhänger, gewappnet mit ausgestopften Tieren, Blättern, Zapfen und Holz besuchte er zum ersten Mal die Schule in Monschau-Kalterherberg und tourte eine Woche zu weiteren Schulen der Region.

Die Aktion entwickelte sich zu einem Riesenerfolg: 22 Jahre später hat er 1130 Einsätze hinter sich, bei denen er 52 000 Kinder unterrichtet hat. Dazu kommen viele spontane Aktionen wie die, bei der er vier ältere Damen auf dem Anhänger auf einer eigens gebauten Bank aus Stroh in das Narzissental fuhr. „Da hab ich die vier an meinen Jeep gehängt, ins Jagdhorn geblasen und bin los“, erzählt Carl. „Das kostet einen nichts, bis auf ein wenig Benzin, und damit kann man Menschen so glücklich machen.“ Ein Tag kann bei Carl schon mal von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends dauern. Um das durchzuhalten, muss man seine Arbeit lieben. „Und man braucht eine starke Familie, die hinter einem steht.“

Auch für blinde Menschen macht er die heimische Tier- und Pflanzenwelt tastbar. Mit der Blindenschule in Düren arbeitet er schon lange zusammen. Lehrerin Annette Badur erinnert sich an die erste Begegnung mit Carl. „Man begegnet da einem Menschen, der sehr wach ist und seine Umgebung aufmerksam wahrnimmt.“ Carl mache seine Arbeit nicht nur mit Überzeugung, sondern habe die Themen absolut durchdrungen.

Gern erzählt er auch von seiner Arbeit mit dem Jugendtreff in Simmerath. Mit der Unterstützung der Jugendlichen dort arbeitet er mit behinderten Menschen. Eigens für Menschen im Rollstuhl hat Carl spezielle Schubkarren angefertigt, in denen sie bequem durch den Wald und das Venn geschoben werden können. Rollstühle sind zu breit für die Holzstege im Venn und die Reifen für matschigen Boden zu dünn. Sie bleiben einfach leicht stecken. Wenn Carl mit einer Rollstuhlgruppe unterwegs ist, kommt auch der Jugendtreff ins Spiel. Denn die jungen Menschen von dort helfen beim Schieben. „Viele empfinden sich als am Ende der Kette und sind frustriert. Sie denken, sie seien für viele Jobs nicht gut genug.“ Wenn Carl sie dann in die Arbeit mit Behinderten einbezieht, wandelt sich das Selbstbild, sagt Carl.

Durch die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen lernte auch der ehemalige Aachener Polizeipräsident Klaus Oelze Hermann Carl kennen. Carls Arbeit habe ihn beeindruckt, man habe sich über die Jahre immer wieder getroffen. „Vor Herrn Carl habe ich großen Respekt“, sagt Oelze. „Er ist einer von denen, die handeln, statt viel zu reden.“ Carl sei ein Altruist, jemand, der vollkommen uneigennützig ist. „Beinahe bekommt man ein schlechtes Gewissen, dass man selber nicht so viel tut wie er.“

Carl muss immer etwas zu tun haben. Stillsitzen, das ist nicht seine Sache. Das wird sich auch nicht ändern, wenn er im Januar in den Polizei-Ruhestand geht. Wenn er dann mal nicht mit der Waldschule unterwegs ist, wird er sich andere Aufgaben suchen. „Irgendwas am Haus ist ja immer zu reparieren“, sagt er.

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