Die alte Mentalität im Grenzgebiet wiederbeleben

Von: Udo Kals
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Junges Gebäude mit bewegter Geschichte: Das an der Maas und auf der Maasinsel stehende Gouvernement ist der Amtssitz des Gouverneurs wurde 1986 offiziell eröffnet; am 7. Februar 1992 wurde darin der Maastrichter Vertrag unterzeichnet. Foto: stock/Xinhua
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Der Limburger Gouverneur Theo Bovens arbeitet daran, dass das Grenzgebiet wieder zu seiner früheren Stärke findet. Foto: Dirk Müller

Maastricht. Gouverneur dürfen sich in den Niederlanden nicht viele nennen. Und von den zwölf Kommissaren des Königs, die den Provinzen vorstehen, nur einer: der in Limburg. Das hat historische Gründe, sagt Theo Bovens, der seit 2011 im Gouvernement genannten Provinzgebäude in Maastricht den Amtsgeschäften nachgeht.

Seitdem forciert der 54-jährige Christdemokrat die deutsch-niederländische Zusammenarbeit und versucht, das limburgische Selbstbewusstsein zu stärken.

Wie würden Sie Limburg derzeit beschreiben?

Bovens: Mein großes Problem ist, dass das Image von Limburg negativer ist als die Realität. Nur ein Beispiel: Die Arbeitslosenquote sinkt bei uns, im ganzen Land steigt sie noch immer. Generell gibt es bei uns eine hohe Lebensqualität und viele gute Jobs in Industrie, Wirtschaft und Hochschule – da ist viel passiert. Doch wir müssen die Menschen überzeugen, dass das Glas halb voll ist. Eine harte Arbeit.

Woran liegt das?

Bovens: Diese Mentalität ist historisch begründet. Die Limburger haben eine starke Identität. Das mag daran liegen, dass Limburg häufig und lange fremdbeherrscht war – von Franzosen, Holländern, Deutschen oder Österreichern. Das Gefühl, benachteiligt zu werden, hat sich bis heute gehalten.

Zurecht?

Bovens: Nein, das ist ein Vorurteil, zumindest für die vergangenen zwei Jahrzehnte. Da hat die niederländische Regierung nach dem Abbau vieler staatlicher Arbeitsplätze viel Geld nach Limburg gepumpt. Jetzt subventionieren wir andere Provinzen. Der Südosten der Niederlande mit Limburg und Brabant erwirtschaftet inzwischen 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In den Bereichen Chemie, Agro-Food und Logistik sind wir zumindest landesweit Spitze.

Dennoch ist die Provinz Limburg durch seine Randlage benachteiligt, oder?

Bovens: Sagen wir es so: Es ist ein ständiger Kampf mit dem in der Randstad zusammengefassten Gebiet um Amsterdam, Rotterdam, Utrecht und Den Haag. Vieles, was in Limburg passiert, wird in diesem Ballungsraum im Westen der Niederlande nicht wahrgenommen.

Wie wollen Sie das ändern?

Bovens: Wir müssen uns stärker positionieren und die aus der Grenzlage erwachsenen Chancen besser nutzen. Die Geschichte sagt, dass die Limburger sehr international sind. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde quer über die Grenzen geheiratet, eine meiner Großmütter stammt aus Aachen; im Bergbau arbeiteten Menschen aus vielen Ländern. Das war nie ein Problem. Nach dem Krieg wurde vieles renationalisiert. Ich versuche, die alte Mentalität wiederzubeleben. Die Globalisierung muss eine Kernkompetenz der Limburger mit ihrer Grenzidentität sein.

Bei den niederländischen Kommunalwahlen im März wurde in Maas­tricht die Senioren-Partei stärkste Kraft – gibt es einen Generationenkonflikt in Ihrer Provinzhauptstadt?

Bovens: Nein, den sehe ich nicht. Zum einen war bei der Wahl landesweit eine Abkehr von den großen Parteien bemerkbar. Wobei in Limburg das Gefühl vielleicht besonders verbreitet ist, dass die Politiker in Den Haag sich zu wenig um die Grenzregion kümmert. Zum anderen zeigt das Wahlergebnis aber auch das Problem auf, dass in einer Studentenstadt wie Maas­tricht die Bevölkerung immer älter wird. Wenn eine Partei fast 15 Prozent holt, dann gibt es Bedürfnisse.

Die schleichende Vergreisung bleibt ein Thema?

Bovens: Es ziehen zu wenige junge Menschen zu uns, es gibt weniger Kinder und die Menschen werden immer älter, ja. Nach den Prognosen sinkt in den nächsten 25 Jahren die Bevölkerungszahl um 40 000 Menschen. Das ist eine generelle demografische Entwicklung. Aber der große Negativtrend der vergangenen Jahre, in denen sehr viele Menschen Limburg verlassen hatten, ist gestoppt. Das war für viele Jahre das große Problem. Es wird in Limburg keine leeren Viertel geben. Ganz sicher nicht. Und der Zuschlag für die Internationale Bauausstellung IBA wird wichtige Impulse geben.

Welche?

Bovens: Dieses Projekt wird vor allem für Heerlen, Kerkrade und die umliegenden Gemeinden sehr wichtig sein, die vom Strukturwandel stark betroffen waren. Lange Zeit herrschte eine negative Atmosphäre vor. Die IBA steht in den Startlöchern, damit die Menschen ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Landschaft und Städte müssen neu gestaltet werden. Die IBA kann ein großer Impuls sei, muss aber noch in die Köpfe der Menschen

Ist die Ratlosigkeit einem neuen Optimismus gewichen?

Bovens: Es stimmt, dass es vor fünf oder zehn Jahren bei Lokal- und Regionalpolitikern eine gewisse Panik gab. Das Wirtschaftswachstum brach ein, die Leute zogen weg, keine neuen Jobs wurden geschaffen. Ich glaube, dass wir nicht nur die Phase der Ratlosigkeit hinter uns gelassen haben. Wir haben das Steuer bereits herumgerissen: Die Wirtschaft wächst wieder, es ziehen wieder mehr Menschen nach Limburg als abwandern. Gleichwohl schließen in kleinen Dörfern auch heute noch Schulen oder Supermärkte – gerade diese Dinge bestärken das verbreitete Gefühl, dass Politik und Verwaltung das Problem nicht im Griff hätten. Es ist schwer, ein negatives Bild aus den Köpfen der Menschen zu bekommen.

Liegt die Zukunft für Sie im Westen oder im Osten?

Bovens: Ich glaube nicht, dass sie im Westen, in der Randstad, liegt. Für Limburg sind Nordrhein-Westfalen, aber auch Flandern und die Wallonie im Süden viel wichtiger.

Hört sich nach einer schwierigen Zukunft an, wenn man allein an die Sprachbarriere denkt.

Bovens: Natürlich ist die Sprache ein Schlüssel. Und wir versuchen, dem nachlassenden Interesse an der deutschen Sprache entgegenzuwirken. Die Euregio ist in den vergangenen Jahrzehnten zwar enger zusammengewachsen. Zur Oper fahren wir nach Lüttich, zur Kunstausstellung nach Genk oder Aachen. In Wirtschaft, Arbeitsmarkt, Handel gibt es die Grenzen noch immer. Das muss geändert werden – im Sinne aller Partner. Denn auch die deutsche Seite würde enorm profitieren. Wir haben jüngst eine Studie vorgelegt – und die belegt, dass durchlässigere Grenzen sowohl in Limburg als auch in NRW Zehntausende neue Jobs schaffen würden.

Aber für die Grenzpendler gibt es noch immer große Probleme?

Bovens: Das stimmt. Ob Renten- oder Krankenversicherungssystem – alles ist national geregelt. Es gibt keine europäische Harmonisierung. Dabei ist der Blick für solche Probleme in Den Haag oder Berlin nicht sehr geschärft. Wir arbeiten daran, dies zu verändern. Doch wir haben noch nicht alles erreicht.

Was wollen Sie bis 2017 erreicht haben?

Bovens: Ich will erreichen, dass die Limburger positiver auf sich selber schauen und dass das Image stärker der Wirklichkeit entspricht. Ich weiß, dass das abstrakte Themen sind, aber man kann dies durch eine stärkere Internationalisierung erreichen. Wir müssen die Grenzlage als unseren Vorteil erkennen – und wenn sich unser Premierminister Mark Rutte mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Kabinettssitzung in Kleve trifft, dann merkt man, dass sich diese Vorstellung langsam durchsetzt.

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