Die Akte, die nie wieder aufgetaucht ist

Von: Stephan Mohne
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Festnahme noch am Tatort: Hans
Festnahme noch am Tatort: Hans Peter K. wurde an der Aachener Vereinsstraße verhaftet, wo er die 34-jährige Angestellte einer Anwaltskanzlei mit einem Messer lebensgefährlich verletzt hatte. Foto: Martin Ratajczak

Aachen. Die Akte ist nie mehr aufgetaucht. Irgendwann ist sie irgendwo bei der Polizei verschwunden. Somit gab es auch nie eine Anklage oder gar einen Prozess gegen Hans Peter K. aus Alsdorf.

Und das, obwohl der 44-Jährige im Jahr 2005 eine Tante mit einem Messer verletzt und sich dann im Haus verschanzt hatte. Von einem Sondereinsatzkommando der Polizei wurde er damals überwältigt, kam in die Psychiatrie, wo er aber recht schnell wieder entlassen wurde.

Im November 2009 dann attackierte der Mann in einer Aachener Anwaltskanzlei eine 34-jährige Angestellte mit einem Messer, stach mehrfach auf die Frau ein, die nur knapp überlebte und schwere innere wie auch seelische Schäden davontrug. Noch am Tatort wurde er gefasst, kam in U-Haft und kurz darauf erneut in die geschlossene Psychiatrie nach Essen. Ab Mittwoch um 9 Uhr wird dieser Fall vor der Schwurgerichtskammer des Aachener Landgerichts verhandelt.

Es ist ein aufsehenerregender Fall. Nicht nur wegen der brutalen Bluttat, die Hans Peter K. offenbar nur deswegen beging, weil sein Anwalt einen Termin abgesagt hatte. Nach der aktuellen Berichterstattung hatten Angehörige des 44-Jährigen gegenüber unserer Zeitung schwere Vorwürfe gegen Ermittlungsbehörden, Psychiater und Justiz erhoben. Tenor: Diese brutale Tat hätte verhindert werden können, wenn es zumindest ansatzweise eine geregelte Zusammenarbeit der Beteiligten gegeben hätte. Die Recherche unserer Zeitung hatte daraufhin zutage gefördert, dass besagte Akte aus dem Jahr 2005 mit allen Ermittlungsergebnissen verschwunden war und es deswegen damals nicht zu einer Anklage kam. Möglicherweise hätte schon seinerzeit ein Prozess eine wirksame Behandlung des offenbar psychisch kranken Mannes zur Folge gehabt.

Anfang 2009 gab es dann einen weiteren Zwischenfall, als der Mann in einer Kanzlei bekundete, er müsse wohl erst einen Richter oder Staatsanwalt umbringen, bis seine Bücher gekauft würden. Hans Peter K. hatte im Selbstverlag mehrere Werke herausgegeben, die meist Anklagen gegen Behörden zum Inhalt hatten. Ständig hatte sich der 44-Jährige von offiziellen Stellen verfolgt gefühlt und mehrere Klagen angestrengt. Nach dieser Drohung wurde erneut sein Haus durchsucht, Messer wurden sichergestellt. Weil sie aber nicht dem Waffengesetz unterlagen, wurde das Verfahren eingestellt.

Mitte 2009 dann wurde, nachdem die Krankheit des Mannes auch in ärztlichen Gutachten eindrücklich bestätigt wurde, ein behördliches Betreuungsverfahren eingeleitet. Es verlief jedoch wie so vieles in diesem Fall im Sande. Es folgte die schreckliche Tat in der Aachener Kanzlei.

„Muss ein Einzelfall bleiben”

Nachdem nun die Schlamperei mit der Akte öffentlich wurde, gab es zunächst Dispute zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei. Die Behördenleiter setzten sich alsbald zusammen und besprachen, wie so etwas demnächst verhindert werden soll. Denn dies müsse „ein Einzelfall bleiben”, wie Polizeipräsident Klaus Oelze betonte. Er räumte die Ermittlungspanne ein.

Die Kripo machte sich unterdessen auf zu anderen Behörden und damaligen Zeugen, um die Erkenntnisse von einst noch einmal zu sammeln. So wurde die verschollene Akte so gut es ging rekonstruiert. Kurioses Ergebnis: Der einst nie zur Anklage gebrachte Vorfall aus 2005 wird ab heute unter dem Stichwort „gefährliche Körperverletzung” gleich mitverhandelt. In der Hauptsache geht es aber um die Attacke in der Aachener Kanzlei, wegen der Hans Peter K. des Vorversuchten Mordes angeklagt ist. Gut möglich ist, dass er in dem Verfahren als nicht schuldfähig eingestuft und dann wohl dauerhaft zur Behandlung in die forensische Psychiatrie eingewiesen wird.

Das, so hatten die Angehörigen formuliert, hätte zum Schutz potenzieller Opfer wie auch zum Schutz des Täters schon vor Jahren geschehen müssen.
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