Der Winter, der einfach nicht kommen will

Von: smb
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Petrick Kirch und seine Kollegen haben mehr Zeit für andere Arbeiten. Foto: Berners
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Manfred Stein betreibt das Sommer- und Wintersportzentrum in Rohren. Foto: Schepp
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Erwin Janssen hat dem Winter bislang keine Träne nachgeweint. Foto: Mönch
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Albert Jammers:Wenn das mit dem „Winter“ dermaßen weitergeht, werden auch die kommenden Arbeitstage früh zu Ende sein. Foto: Simons
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„Das ist ärgerlich für Allergiker, doch die Gartenbaubetriebe freut‘s“, sagt Detlef Chudziak. Foto: Gottfroh

Heinsberg/Gangelt/Aachen/Monschau/Nideggen. „Winter“ muss man dieses Jahr in Anführungszeichen schreiben. Was derzeit vor unserer Haustür stattfindet, heißt in Lappland Hochsommer. Weit und breit keine Flocke in Sicht, die Temperaturen machen einen großen Bogen um den Gefrierpunkt. Und während sich die Leute vom Bau freuen, dass sie ungewohnt zügig mit ihrer Arbeit weiterkommen, gibt es nicht wenige, die sich diesen Januar ganz anders vorgestellt haben.

Die Natur beginnt zu sprießen

Und damit sind nicht nur die Langläufer im Hohen Venn gemeint. Wir haben fünf Männer getroffen, deren Winter normalerweise völlig anders verläuft.

Frühlingshafte Temperaturen im Januar – und die Natur beginnt zu sprießen. „Das ist ärgerlich für Allergiker, doch die Gartenbaubetriebe freut‘s“, sagt Detlef Chudziak, der in Heinsberg ein Blumencenter betreibt. Nicht nur, weil das Schneeschieben entfällt, sondern auch die hohen Heizkosten für die Gewächshäuser. „Bei den Produktions- und Energiekosten gibt es sehr positive Effekte. Aus dieser Sicht ist der milde Winter viel besser als der kalte im vorigen Jahr“, sagt Chudziak. Und auch die vielen Sonnenstunden haben zum Wachstum der Pflanzen beigetragen. Die Schneeglöckchen blühen auch ohne Schnee, viele Gehölze sind schon weit getrieben, und seit einigen Wochen handelt Chudziak bereits mit Frühlingsblumen.

Doch auch, wenn der milde Winter die Pflanzen ihrer Zeit voraus sein lässt, muss er noch lange nicht geschäftsfördernd sein. „Die Kunden trauen dem ‚Frühling‘ noch nicht. Die Hemmschwelle, im Januar Frühlingsblumen zu pflanzen, ist noch zu hoch“, erklärt der Experte. Dabei bräuchte man sich gar nicht so viele Sorgen zu machen. „Die Natur ist clever und kennt sich selbst besser, als der Mensch sie zu kennen meint“, sagt Chudziak und versichert: „In der Regel erfrieren bei Frost zwar die jungen Triebe, die Pflanze selbst bleibt aber erhalten.“

Und mit noch einem weit verbreiteten Irrglauben räumt Chudziak auf. Nämlich, dass es nach einen milden Winter mehr Insekten und Pilze gebe. „Selbst lange, kalte Winter mindern nur einen Bruchteil der Insektenpopulation.“ (ng)

Keine Träne nachgeweint

Dem Winter, der einfach nicht kommen will, hat Erwin Janssen bislang keine Träne nachgeweint. Janssen arbeitet im Wildpark Gangelt als Falkner, seit 30 Jahren schon. Aktuell kümmert er sich um 32 Raubvögel, 15 davon zählen zum Flugprogramm des Wildparks. Extreme Minustemperaturen und Schneefall sind nichts, worüber seine Vögel sich freuen, weiß Janssen. So aber geht es den Vögeln gut. Und ihm auch.

Bei den Vögeln handelt es sich – bis auf den aus Afrika stammenden Geier „Zorro“ – um europäische Tiere. „Die können den Winter also schon ab“, sagt Janssen. Das heißt: Sie fallen nicht gleich erfroren vom Baum. Wenn allerdings wochenlang die Erde unter eine Schneedecke verschwindet, verschwinden darunter auch Mäuse und anderes Getier, das Bussard, Adler & Co. auf der Speisekarte stehen haben. Diesen Winter gibt es aber eben keinen Schnee. Und selbst wenn, wäre das für die Tiere im Wildpark kein Problem. Zur Not werden sie eben gefüttert.

Auch den sonst im Winter üblichen Schongang kann Janssen sich sparen und stattdessen fleißig mit seinen Tieren üben. „Bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt würden sie zu viel Energie verbrauchen“, sagt der 68-Jährige. Und das könne leicht tödlich enden. In strengeren Wintern kam es schon vor, dass tierliebe Besucher die Vögel bemitleideten, weil sie angebunden in ihren Käfigen ausharren mussten. „Das sind aber Raubtiere“, stellt Janssen klar. „Was macht denn ein Löwe den ganzen Tag? In der Sonne liegen und dösen. Weil er sich seine Energie einteilen muss.“ Und für europäische Raubvögel gelte das eben umgekehrt bei großer Kälte. Nur nicht in diesem Winter, der einfach nicht kommen will. (jpm)

Derzeit braucht niemand Nachschub

Es ist noch nicht einmal Mittag, da kehrt Albert Jammers bereits mit seinem blauen Tanklaster auf das Firmengelände im Nordosten von Aachen zurück. Die Tour heute war kurz, und wenn das mit dem „Winter“ dermaßen weitergeht, werden auch die kommenden Arbeitstage früh zu Ende sein.

Ob er so etwas schon einmal erlebt habe? Der 62-Jährige muss tief in seinen Erinnerungen kramen. Irgendwann Anfang 2000 habe es im Frühjahr mal eine fürchterliche Flaute gegeben, aber solch einen milden Winter habe er in mehr als 45 Berufsjahren als Tankwagen-Fahrer noch nicht erlebt.

20.000 Kilometer ist er im Jahr in der Region unterwegs, 13.000 Liter Heizöl im Nacken, um Privathaushalte zu beliefern. Doch derzeit brauche niemand Nachschub, weil in den letzten Wochen kaum ein Mensch so geheizt habe, wie man das normalerweise im Januar muss. „Das große Eintanken findet dieses Jahr nicht statt.“ Viele seiner Kollegen, nicht nur in Aachen, seien in Resturlaub gegangen oder feierten Überstunden ab.

„Der Januar ist traditionell eher ein schwacher Monat“, sagt sein Chef Dieter Bischoff. Da werden Versicherungen fällig, und was im Portemonnaie übrig bleibt, werde eher in den Winterurlaub oder in Karneval investiert als in Heizöl. Erst recht, wenn es draußen nicht klirrend kalt ist. Da hilft es auch nichts, dass der Literpreis vor ein paar Tagen so niedrig war, wie seit zweieinhalb Jahren nicht mehr: Selbst für das billige Heizöl ist in vielen Tanks derzeit kein Platz. Bischoff: „Die meisten sind noch zu rund 60 Prozent gefüllt.“ (sim)

Es war einfach zu warm

Manfred Stein ist mitten im Schneegestöber, als wir ihn fragen, was er in diesem frühlingshaften Winter eigentlich macht. „Skifahren“, ist die Antwort – allerdings in Südtirol, denn in der Eifel ist der Winter bisher weitgehend ausgeblieben. Für den Betreiber des Sommer- und Wintersportzentrums Rohren hat sich der Aufbau der Bobbahn und des Skiliftes bisher nicht gelohnt – es war einfach zu warm. „Wir bräuchten zwei Wochen Schnee, damit sich die Arbeit lohnt“, erklärt Stein. „Ob wir umbauen, müssen wir allerdings schon im Oktober entscheiden, und da weiß man ja noch nicht, wie der Winter wird.“ (Damals entstand auch das Foto links.) Gut, dass er nicht vom Wintersport leben muss. Hauptberuflich ist er Maschinenbau-Techniker und hat eine Kfz-Werkstatt. Sollte der Winter plötzlich hereinbrechen, wären er, die Rohrener Rentner und die Schüler, die dann mit anpacken, aber sofort zur Stelle. „Ich hätte sogar meinen Urlaub in Südtirol unterbrochen, wenn der Winter in der Eifel angekommen wäre“, sagt er. Das Hauptgeschäft sei aber ohnehin die Sommerbobbahn. (ck)

Zeit für andere Arbeiten

Im Winter verbringt Petrick Kirch normalerweise viele Stunden auf den Streu- und Räumfahrzeugen der Stadt Nideggen. In diesem Winter ist das für ihn und seine Kollegen vom Bauhof anders. „So haben wir mehr Zeit für andere Arbeiten“, erzählt Kirch, während er bei strahlendem Sonnenschein und verhältnismäßig milden Temperaturen mit seinen Kollegen Mario Becker und Udo Kerp kilometerweise Hecken zurückschneidet und Äste in den Häcksler schiebt.

In Wintern, die ihrem Namen Ehre machen, fallen bei den Mitarbeitern des Bauhofes oft Überstunden an. Dann sind sie manchmal rund um die Uhr im Einsatz. „In diesem Jahr konnten die Mitarbeiter Weihnachten und Silvester ganz entspannt sein“, sagt Peter Esser von der Stadtverwaltung. Die ungewöhnliche Wetterlage hat auch ihre Vorteile. So nutzen Petrick Kirch und seine Kollegen die Zeit nicht nur für den Grünschnitt, sondern auch dazu, den einen oder anderen klappernden Kanaldeckel zu reparieren. Sehr zur Freude der Anwohner. (smb)

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