Der Versailler Vertrag und die Fahrneulinge

Von: Claudia Schweda
Letzte Aktualisierung:
Kompliziert: Diese Radfahrer s
Kompliziert: Diese Radfahrer sind auf belgischem Hoheitsgebiet mitten in Roetgen unterwegs - und das Auto ebenfalls, wenn es die Vennbahntrasse quert. Auf diesen sechs Metern gilt belgisches Recht. Foto: Stollenwerk

Aachen. Der Lebensalltag in einer Grenzregion schreibt viele absurde Geschichten. Jetzt ist er um eine reicher, denn der Versailler Vertrag hat stolze 91 Jahre nach seinem Inkrafttreten Konsequenzen für Führerscheinneulinge in unserer Region, die bereits mit 17 Jahren fahren wollen.

Wer diesen Führerschein macht und bereits vor seinem 18. Geburtstag begleitet von einem erfahrenen Fahrer am Straßenverkehr teilnimmt, weiß aus der Fahrschule, dass sein Führerschein im EU-Ausland nicht gilt. „Beim begleiteten Fahren ab 17 handelt es sich um eine rein nationale Regelung”, sagt Ingo Strater, Sprecher des Bundesverkehrsministerium. Logische Konsequenz: Deutsche Fahranfänger, die noch nicht 18 Jahre alt sind, müssen vor dem Grenzübertritt nach Belgien oder in die Niederlande den Wagen abstellen und dem erfahrenen Begleiter das Steuer überlassen. „Tun sie das nicht, machen sich der Fahrer und der Begleiter strafbar”, sagt ein Polizeisprecher, und: „Sie sind nicht versichert”, sagt ein Sprecher des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Doch was passiert, wenn keiner weiß oder keiner erkennt, dass er - für ein paar Meter - durch Belgien oder die Niederlande fährt, fragt unser Leser Gerd Thomas aus Monschau, Vater eines 17-Jährigen. Zwei dieser Streckenabschnitte sind zumindest Einheimischen meist bekannt: Es sind nach Angaben von Polizeisprecher Paul Kemen ein Straßenstück auf dem deutsch-niederländischen Gewerbegebiet Avantis, „auf dem die Grenze weniger gerade verläuft, als es vom Straßenverlauf her den Anschein hat”, und ein etwa zwei Kilometer langes Stück im Verlauf der B 258 in der Nordeifel zwischen Fringshaus und Monschau-Konzen. „Man fährt von Deutschland nach Deutschland, ohne wirklich darauf aufmerksam gemacht zu werden, dass man durch Belgien gefahren ist”, sagt Kemen.

Doch wirklich kompliziert wird es - und hier kommt der Versailler Vertrag ins Spiel - bei einer dritten Strecke: der Vennbahn. Die alte Bahntrasse wurde nach dem ersten Weltkrieg den Belgiern zugeschlagen. Auf 27,5 Kilometern schlängelt sie sich zwischen der B 258 an der Himmelsleiter und der belgischen Grenze bei Monschau-Kal­terherberg durch Deutschland. 33 Mal durchschneidet sie dabei deutsche Wege und Straßen. Und so wird sie zum 33-fachen Problem für 17-jährige Autofahrer. Müssen Fahrer und Begleiter für sechs Meter Straße die Plätze tauschen?

„Wenn auf einer Querung der Vennbahntrasse ein Unfall geschieht, ist das so, als würde er in Brüssel geschehen”, sagt Achim Sube, der im Aachener Polizeipräsidium die Zusammenarbeit mit den belgischen Kollegen regelt. „Es ist belgisches Hoheitsgebiet.” Deutsche Polizisten dürften nur die Unfallstelle sichern und bei Gefahr für Leib und Leben Hilfe herbeirufen. Die Unfallaufnahme müssten belgische Polizisten leisten. Und auch die Strafen würden nach belgischem Recht verhängt: Fällig wird die Geldstrafe für Fahren ohne Führerschein - laut Eupener Polizeigericht sind das 1100 Euro. Der Begleiter, der wissentlich jemanden ohne Führerschein hat fahren lassen, zahlt demnach 500 Euro Mindeststrafe. Bei einem Unfall wird zusätzlich mindestens eine Geldbuße von 275 Euro fällig. Und den Versicherungsschaden müsste der Halter des Wagens selbst tragen.

Begleitetes Fahren mit 17 gibt es in Belgien seit vielen Jahren, in den Niederlanden seit Anfang November. Es läge nahe, dass die Länder ihre jeweiligen nationalen Regelungen anerkennen. Doch das Bundesverkehrsministerium teilt mit, dass es „der Entscheidung der anderen Mitgliedsstaaten obliegt”, inwiefern sie 17-Jährigen das Fahren in ihrem Gebiet gestatten. Aus Belgien und den Niederlanden lägen entsprechende Erklärungen bislang nicht vor. Angesichts der politischen Situation wird vor allem im Fall Belgiens eine mögliche Erklärung wohl auch noch einige Zeit auf sich warten lassen.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert