Aachen - Der teure Tod: Wer soll das bezahlen?

Der teure Tod: Wer soll das bezahlen?

Von: Angela Delonge und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Neue gesellschaftliche Gegebenheiten erfordern neue Bestattungsformen wie hier in Düren die Urnengemeinschaftsanlage „Weingarten“. Foto: Dürener Service-Betrieb
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Neue Grabstein-Formen wie dieser eines Kölner Steinmetzes mit, haben einen eingebauten QR-Code. Foto: stock/epd

Aachen. Ihre Krise haben die Steinmetze nach Aachen getragen, in einen nüchternen Tagungsraum eines neuen Hotels in der Nähe vom Bushof. Zwei Tage lang diskutieren Steinmetze aus der ganzen Republik darüber, wie man aus der Krise rauskommen könnte und wer sie überhaupt verursacht hat.

An den Bürgern liegt es nicht, gestorben wird immer, und so sind die Steinmetze schnell bei den Stadtverwaltungen, die die Friedhofsgebühren immer weiter erhöhen. Die Gräber sind in Deutschland mittlerweile so teuer, dass Sterben fast zum Luxus geworden ist. Immer mehr Menschen lassen sich verbrennen, das ist billiger, vielleicht noch anonym begraben, günstiger kann man fast nicht beigesetzt werden. Grabsteine? Was früher mal obligatorisch war, wird heute zur Ausnahme, und so geht den Steinmetzen langsam die Arbeit aus.

Der Bundesverband Deutscher Steinmetze ist nicht der einzige Berufsverband, der klagt, praktisch die gesamte Sterbebranche ist wegen der steigenden Anzahl von Urnenbestattungen in der Krise. Bestatter, Friedhofsgärtner, Steinmetze – und selbst die von der Branche gescholtenen Stadt- und Gemeindeverwaltungen klagen.

Wie stark die Feuerbestattung in den letzten 30 Jahren zugenommen hat, lässt sich am Beispiel der Stadt Aachen illustrieren. 1979, als das Krematorium gebaut war, wurden drei Prozent aller Gestorbenen verbrannt. Heute sind es 50 Prozent, in anderen Kommunen der Republik gar bis zu 70 Prozent. Das hat zur Folge, dass von den 163 Hektar Friedhofsfläche, die in Aachen regelmäßig gepflegt werden müssen, zurzeit gerade mal 33 Hektar mit Gräbern belegt sind. Oder, wie Karl Küpper, Abteilungsleiter für Friedhöfe und Krematorium im Stadtbetrieb, sagt: „Jedem Aachener stehen theoretisch sieben Quadratmeter Friedhofsfläche zur Verfügung, gebraucht werden aber nur drei.“

Was soll geschehen?

Das ergibt viele überflüssige Hektar, die gepflegt sein wollen, auch deswegen hat Aachen mit die höchsten Friedhofsgebühren in ganz Nordrhein-Westfalen. Da die Einnahmen immer weniger werden, müssen die Gebühren erhöht werden. Diese Spirale bereitet den Verantwortlichen in den Rathäusern seit Jahren Kopfschmerzen. Alle wissen, dass etwas geschehen muss. Nur was?

Während der Obermeistertagung der Steinmetze in Aachen gab es viele Ansätze, mit denen gute Stimmung verbreitet werden sollte. Bei einer Podiumsdiskussion zur Zukunft der Friedhöfe wurden viele gut klingende Ansätze gefunden, die der Sterbebranche helfen sollen, und die sich etwa so anhörten: aus Friedhöfen offene und lebendige Orte der Begegnung machen, Friedhöfe einfacher machen, größere Auswahl unterschiedlicher Grabformen ermöglichen, natürlich die Friedhofsgebühren senken und so weiter. Eine Rhetorik der kollektiven Ratlosigkeit.

Die Krise der Friedhöfe hat nur in zweiter Linie mit Geld zu tun, in erster mit großen gesellschaftlichen Veränderungen. Die Bestattungskultur zu erweitern, Friedhöfe attraktiver zu gestalten, das mag die Krise vielleicht ein bisschen bremsen, gestoppt wird sie so nicht. Die Kirche und ihre Rituale spielen, zumal in Ballungsräumen, für immer weniger Menschen eine Rolle. In ländlichen Regionen, in Dörfern, in denen die auch von der Kirche geprägten gesellschaftlichen Konventionen der Bonner Republik noch etwas zählen, sind die Friedhöfe nach wie vor voll, die Krise ist dort kaum zu sehen. Die Krise ist dort, wo gesellschaftlicher und vor allem familiärer Zusammenhalt nachlässt. Wo Familien nicht mehr in einem Haus oder zumindest in der Nachbarschaft leben, sondern über die ganze Republik, manchmal über die ganze Welt verstreut. Wer soll da die Gräber der gestorbenen Verwandten pflegen?

Im Gegensatz zum benachbarten Ausland, etwa Belgien oder Holland, werden die Friedhöfe in Deutschland über Gebühren finanziert. In Belgien hat jeder Staatsbürger gesetzlichen Anspruch auf ein Grab, die Verwaltungsgebühren sind gering und betragen pro Grab etwa 200 Euro. In Deutschland sind es eher 2000 Euro, das Zehnfache. Die Kommunen haben in Deutschland jahrzehntelang viel Geld mit ihren Friedhöfen verdient. Doch der Trend zur platzsparenden und pflegeleichten Urnenbestattung führt dazu, dass deutsche Friedhöfe zu groß und zu teuer werden.

„Schon vor zehn Jahren haben Fachleute gewarnt, dass die Friedhöfe in Deutschland zu groß sind“, sagt Alexander Helbach von Aeternitas, einer Verbraucherinitiative rund ums Thema Bestattung. Doch die Diskussion um die Finanzierungsprobleme, um eine gerechte Gebührenkalkulation und eine nachhaltige Nutzung von Friedhofsflächen drehe sich vielerorts seit Jahren im Kreis.

Wie weh das tun kann, hat die Stadt Alsdorf mit 45 000 Einwohnern in den vergangenen beiden Jahren erfahren. Fast 525 000 Euro müssen die Alsdorfer für die Unterhaltung ihrer Friedhöfe zuschießen. In diesem Jahr kommt deshalb endlich ein Friedhofentwicklungsplan auf den Tisch. Wie man Kostenexplosionen künftig verhindern kann, das wollen auch in anderen Kommunen jetzt Arbeitskreise herausfinden.

Die Dringlichkeit eines Friedhofsentwicklungsplans habe auch für Aachen „oberste Priorität“, sagt Karl Küpper. Beschäftigen werde man sich damit aber eher „mittelfristig“. Kurzfristig heißt deshalb die Lösung für einige Aachener Friedhöfe: Langgrasflächen. Das bedeutet: einfach das Gras wachsen lassen, bis ein Bauer es mäht. In der Verwaltung heißt das dann „extensive Pflege“.

Die Dürener sind dagegen schon elf Jahren aktiv geworden. Das ist vor allem dem vorausschauenden Denken eines Mannes zu verdanken. Richard Müllejans, Leiter des Dürener Servicebetriebs, hatte 2003 mit Inkrafttreten des neuen Bestattungsgesetzes entschieden, auch pflegefreie Bestattungsformen anzubieten. Mittlerweile gibt es dort auf jedem Dorffriedhof Grabstelen, eine Friedwiese und verschiedene Themengärten mit entsprechenden Paketangeboten. Die Friedhofsgebühren sind stabil.

Friedwiesen und Friedwälder sind indes so etwas wie das rote Tuch der Sterbebranche, an diesen Arten der Bestattung ist nichts zu verdienen. Es gibt aber keine gemeinsame Lobby, die die Genehmigung von Friedwiesen und -wäldern in Deutschland hätte verhindern können. Und so bleibt den Friedhofsgewerken neben Jammern und Zetern nicht viel anderes übrig, als sich zu überlegen, wie man die neuen Bestattungsformen für sich nutzen kann. Die Überlegungen, das wurde in Aachen auf der Steinmetztagung überdeutlich, stehen eher am Anfang.

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