Köln - Der Tag, an dem die Contergan-Opfer Sieger sind

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Der Tag, an dem die Contergan-Opfer Sieger sind

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Contergan / Christian Knabe / Hände
Christian Knabe zeichnet mit seinen contergangeschädigten Händen. Foto: dpa

Köln. Kurz vor der Verhandlung wird Andreas Meyer doch noch nervös, sein Gesicht ist leicht gerötet. Ständig muss er Interviews geben, ständig wird er fotografiert, gefilmt, begafft. Für kaum jemanden ist das eine angenehme Situation, für jemanden, der wie Meyer weder Arme noch Beine hat, schon mal überhaupt nicht.

Aber Meyer erträgt das alles, weil er jetzt für etwas steht, weil er sich an die Spitze einer kleinen Bewegung contergangeschädigter Menschen gestellt hat, die sich dagegen wehrt, dass ihr Leid und seine Verursacher aus dem öffentlichen Bewusstsein geraten. Das ist es, worum es Meyer geht. Er sitzt in seinem Rollstuhl vor Saal 7 des Kölner Landgerichts, rückt seine Nickelbrille zurecht und blickt zur Uhr an der Decke, die viertel vor zwei zeigt.

Fast drei Stunden später wird Andreas Meyer selbst ein bisschen überrascht sein, dass das Kölner Landgericht zu seinen Gunsten entschieden hat. Gemeinsam mit dem „Bund Contergangeschädigter und Grünenthalopfer” (BCG) hat Meyer erstmal durchgesetzt, den Boykottaufruf gegen Produkte der Stolberger Dalli-Gruppe aufrechterhalten zu können. Er wird weiter Broschüren verteilen dürfen, in denen er die Öffentlichkeit darüber aufklärt, dass Familie Wirtz als Gesellschafter der Dalli-Werke auch Gesellschafter des Contergan-Herstellers Grünenthal ist (siehe Grafik). Er wird weiter öffentlich darum bitten dürfen, im Sinne der Conterganopfer auf den Kauf von Dalli-, Mäurer&Wirtz- und 4711-Produkten zu verzichten, um so Druck auf die Gesellschafter auszuüben. Vielleicht, hofft Meyer, wird Familie Wirtz eines Tages doch bereit sein, angemessen viel Geld für die Opfer ihres Schlafmittels zur Verfügung zu stellen, obwohl per Gerichtsbeschluss schon lange keine juristischen Ansprüche mehr durchsetzbar sind.

Als die Vorsitzende Richterin Margareta Reske um 16.29 Uhr ihr Urteil verliest, das das erstinstanzliche Urteil vom Februar wieder aufhebt, klatschen die allermeisten der gut 100 Besucher im Gerichtssaal einigermaßen begeistert Beifall. Andreas Meyer guckt erst ein bisschen ungläubig, schließlich lächelt er und sagt: „Zum ersten Mal nach all den Jahren haben die Opfer obsiegt.” Er spricht von einem historischen Tag.

Bei aller Euphorie darf nicht vergessen werden, dass das Gericht am Mittwoch eigentlich nicht über die Rechtmäßigkeit des Boykottaufrufes geurteilt hat, sondern nur darüber, ob der von der Dalli-Gruppe gestellte Eilantrag gerechtfertigt ist. Das Gericht hat das verneint. Schon 2007, stellte Richterin Reske in ihrem Urteil fest, haben Meyer und Dutzende andere Contergangeschädigte zum Boykott von Dalli-Produkten aufgerufen; die Broschüre, um die es am Mittwoch auch ging, ist zwei Jahre alt. Auch deshalb sei es kaum angemessen, 2009 einen Eilantrag zu stellen.

Die Dalli-Verantwortlichen hatten erklärt, von dem Boykottaufruf vor 2009 überhaupt nichts gewusst zu haben. Ulrich Grieshaber, Geschäftsführer der Dalli-Gruppe, hatte das eidesstattlich versichert. Doch Grieshaber ist auch erst seit 2009 im Unternehmen. Hermann Wirtz andererseits, Gesellschafter und Geschäftsführer aller drei zur Dalli-Gruppe gehörenden Unternehmen, hatte eine solche eidesstattliche Erklärung nicht beigebracht. Grünenthal selbst hatte keine Versuche unternommen, den Boykottaufruf zu unterbinden.

Ob der Boykottaufruf an sich durch die im Grundgesetz verankerte Meinungsfreiheit tatsächlich gedeckt ist, wird in einem sogenannten Hauptsacheverfahren zu klären sein. Ulrich Grieshaber sagte gegenüber dieser Zeitung, die Dalli-Gruppe werde „alle juristischen Mittel ausschöpfen”. Verhandlungsbeginn ist frühestens Ende September.

Der dann zu erwartende Prozess ist von einiger Brisanz, weil über einen derartigen Fall in Deutschland bislang noch nie entschieden wurde. Richterin Reske sprach von „einem Präzedenzfall”, mit dem man es möglicherweise zu tun habe.

Andreas Meyer sieht dem gelassen entgegen. „Wie das hier ausgeht”, hatte er kurz vor dem Prozess gesagt, „ist mir egal. Wir machen weiter, so oder so.” Notfalls geht er durch alle Instanzen, von ihm aus auch ins Gefängnis. Was hat er schon groß zu verlieren?
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