Der Schützenkönig und sein König

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
Nanu, stimmt hier etwas nicht?
Nanu, stimmt hier etwas nicht? Doch, stimmt alles: Dirk Winter, Schützenkönig der Münsteraner Wilhelmi-Schützen, mit seinem Lebensgefährten Oliver Hermsdorf (Mitte). Die beiden dürfen beim Schützenzug am Sonntag nicht nebeneinandergehen, sagt der Weihbischof. Foto: dpa, privat

Monschau/Münster. Der Vogel fiel erst nach dem 366. Schuss, bis Dirk Winter endlich Schützenkönig war, vergingen Stunden. Doch die Diskussion um den König der Sankt-Wilhelmi-Schützen in Münster-Kinderhaus und vor allem die um seine Königin dauern noch viel länger, sie dauern jetzt schon Tage.

Dirk Winter, 44, Getränkehändler aus Münster, ist schwul, daraus macht er keinen Hehl. Und doch hat er nicht einmal geahnt, was auf ihn zukommen würde, als er an Christi Himmelfahrt Schützenkönig wurde.

Nämlich das: Der Kölner Weihbischof Heiner Koch, der Bundespräses des Dachverbandes Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften, hat jetzt nämlich untersagt, dass Winter und sein Lebensgefährte Oliver Hermsdorf, der seit 15 Jahren Winters Partner ist, beim Landesbezirks-Königsschießen in Horstmar und beim Bundeskönigsschießen in Harsewinkel nebeneinander marschieren. Wie es eigentlich für den König und seine Partnerin bei Schützenumzügen normal ist. Stattdessen soll der Lebensgefährte in der Reihe hinter oder vor Winter gehen. Dirk Winter sagt: „Mich ärgert das total.”

Ein paar Probleme gab es schon

Was in Münster ein bisschen schwierig zu sein scheint, war vergangenes Jahr in Monschau-Mützenich kein Problem. König der St.-Hubertus-Bartholomäus-Schützen wurde David Senf, damals 38, und beim Schützenumzug ist ganz selbstverständlich sein jetziger Mann Walter neben ihm gegangen. David Senf sagt heute: „Diese Zeit war die schönste meines Lebens.”

Ralf Sommer, Brudermeister der Mützenicher Schützen, sagt, als Senf 2010 Schützenkönig wurde, habe man das durchaus mit dem örtlichen Pastor besprochen, mit Karl-Heinz Stoffels. Der Verein sei der Kirche ja seit je verbunden. Aber Stoffels hatte keine Einwände, im Gegenteil: „Ich segne so viele tote Gegenstände, warum sollte ich da vor einem Menschen halt machen? Nicht mit mir!”, sagte Stoffels damals und segnete das Schützenkönigspaar, so wie er andere auch segnete.

Alfred Steffens, Sommers Vorgänger als Brudermeister im Verein, glaubt, der schwule Schützenkönig sei auch deswegen in der eigentlich eher konservativen Nordeifel weithin akzeptiert gewesen, weil er „ein richtig netter, hilfsbereiter, kumpelhafter Typ ist”, der seine sexuelle Orientierung ebensowenig thematisiere wie die meisten anderen Menschen auch. Doch nicht, dass es nicht auch in Mützenich ein paar kleinere Probleme gegeben hätte.

Einige Menschen hätten während des Schützenumzuges „schon komisch geguckt”, sagt David Senf, aber damit hatte er vorher gerechnet. Nicht damit gerechnet hatte er, dass ein guter Bekannter ihm dazu riet, er solle den Königsball mit einer Königin eröffnen, also mit einer Frau. David Senf lud ein befreundetes Schützenkönigspaar ein, einen Mann und eine Frau, sie eröffneten den Königsball zu viert: „Es war ja eine Königin auf der Tanzfläche, und ich konnte trotzdem mit meinem Mann tanzen”, sagt Senf. Weitere Einwände erhob niemand.

Warum also klappt in Mützenich, was in Münster so schwierig ist?

Bloß keinen Ärger

„Der Weihbischof will befehlen, dass der Lebenspartner eines Schützenkönigs beim Festumzug nicht neben, sondern eine Reihe hinter ihm marschieren muss”, sagt der Sprecher von Deutschlands Lesben- und Schwulenverband, Manfred Bruns. „Das ist ein Musterbeispiel von Scheinheiligkeit und Realitätsverleugnung.” In der rot-grünen Landesregierung wurde Weihbischof Kochs Entscheidung als „Diskriminierung” und „homophobe Einstellung” gewertet. Es sei immer wieder ein gängiges Prinzip, dass Vereine offiziell offen für Homosexuelle sind, sie in der Realität dann aber dazu zwingen, unsichtbar zu werden, sagte etwa Marlis Bredehorst, Staatssekretärin im NRW-Gesundheitsministerium.

Dirk Winter ist nicht der Typ, der Ärger suchen würde, eher im Gegenteil, als Getränkehändler ist er auch auf sein Geschäft bedacht. Als er während des Königsballs vom Standpunkt des Weihbischofs erfuhr, hielt er erst mal den Mund, „ich wollte meiner Bruderschaft den Tag nicht vermiesen”. Winter hat eine innige Beziehung zu den Wilhelmi-Schützen, sein Großvater war 30 Jahre lang Fahnenoffizier des Vereins. Die Schützen sind ihm wichtiger als seine Befindlichkeiten.

Er ist Kirchgänger und wird es auch bleiben, aber er kann den Weihbischof nicht verstehen: „Die Kirche sagt ja auch nicht: ,Weil du schwul bist, nehmen wir deine Kirchensteuern nicht.” Aber bis Sonntag, bis zu besagtem Schützenumzug, wird er nichts mehr ändern können, deswegen beschwert er sich nicht weiter. Sicher, er könnte sich einfach den Wünschen des Weihbischofs widersetzen und seinen Lebensgefährten an seine Seite nehmen, aber das hat Winter nicht vor. Er will nicht um jeden Preis recht haben oder durchsetzen, was er für sein Recht hält. Und Dirk Winter sagt, das ist ihm vielleicht das Wichtigste: „Ich will keinen Ärger.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert