Aachen - „Der Preis für dieses Medikament ist tödlich“

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„Der Preis für dieses Medikament ist tödlich“

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Plädiert für einen Pharmamarkt, der weniger den Marktgesetzen gehorcht: Christiane Fischer.

Aachen. Wie teuer darf ein Medikament sein? Diese Frage stellt sich immer wieder. Aktuell wird der Preis des neuen Hepatitis-C-Wirkstoffs Sofosbuvir diskutiert, der unter dem Handelsnamen Sovaldi vom Pharmaunternehmen Gilead vertrieben wird.

Das Medikament ist laut Expertenmeinung ein echter Durchbruch bei der Therapie der Lebererkrankung und es ist ziemlich teuer, weswegen es in den USA die griffige Bezeichnung die 1000-Dollar-Pille erhielt. In Deutschland wird eine Tablette für 700 Euro verkauft.

Die komplette Therapie mit 84 Pillen schlägt mit knapp 60.000 Euro zu Buche. Das ist viel zu viel, sagt Christiane Fischer, ärztliche Geschäftsführerin von Mezis („Mein Essen zahl ich selbst“), einer Initiative unbestechlicher Ärzte und Ärztinnen. Mit Fischer, die Mitglied des Deutschen Ethikrates ist, sprach unser Redakteur Amien Idries.

Seit diesem Jahr befindet sich mit Sovaldi ein neues Medikament gegen Hepatitis C auf dem Markt, das ein echter therapeutischer Durchbruch sein soll. Dennoch üben Sie Kritik. Warum?

Fischer: Wegen des Preises. Sovaldi ist ohne Zweifel ein therapeutischer Fortschritt und gehört damit im Bereich neuer Medikamente zur verschwindend kleinen Minderheit. Die neue Strategie der Pharmaunternehmen scheint zu sein, die wenigen Medikamente, die einen solchen Fortschritt darstellen, zu Mondpreisen zu verkaufen.

Bei Sovaldi kommt hinzu, dass es zu diesem Medikament derzeit keine therapeutische Alternative gibt. Der hohe Preis führt dazu, dass selbst in Deutschland der Zugang zu diesem wichtigen Medikament in Frage steht, weil das Gesundheitssystem einfach überfordert ist.

Was würde die Therapie aller Hepatitis-C-Infizierten die Krankenkassen kosten?

Fischer: Das können Sie hochrechnen. Eine Tablette kostet 700 Euro, für die Gesamttherapie werden 84 Tabletten benötigt, was zu einem Therapiepreis von knapp 60.000 Euro pro Patient führt. Bei der Zahl der Hepatitis-C-Erkrankten schwanken die Angaben zwischen 150.000 und 400.000. Wir bewegen uns also zwischen neun und 24 Milliarden Euro. Das ist schlimmer als Wucher.

Die Firma Gilead argumentiert mit hohen Kosten. Nicht nur für die erfolgreiche Forschung an Sovaldi, sondern auch für erfolglose Forschungsbemühungen. Diese Kosten müssten durch den hohen Preis refinanziert werden. Ist das ein stichhaltiges Argument?

Fischer: Das ist ein Totschlagargument. Eine US-Studie spricht von 800 Millionen Dollar, die im Durchschnitt pro Medikament in die Forschung investiert werden. 50 Prozent davon sind sogenannte Opportunitätskosten. Das ist Geld, das dem entwickelnden Unternehmen entgeht, weil es dieses nicht hat anlegen können. Das ist bei der Berechnung von Forschungskosten zwar üblich, aber dennoch hochgradig unseriös.

Wenn man von den verbliebenen 400 Millionen noch die Steuerersparnis abzieht, liegen wir bei 100 bis 200 Millionen Dollar, die die Entwicklung eines Arzneimittels im Durchschnitt kostet. Das haben die Firmen durch ein erfolgreiches Medikament in wenigen Wochen wieder drin.

Die reinen Produktionskosten der 84 Sovaldi-Tabletten werden mit 100 Euro angegeben. Auch, wenn man die Entwicklungskosten draufschlägt, dürfte die Gewinnmarge immer noch exorbitant sein. Lässt sich diese beziffern?

Fischer: Nicht wirklich. Sie können aber davon ausgehen, dass die Gewinnmarge utopisch ist. Die haben ihre Forschungskosten längst wieder raus.

Ist das auch ein Problem des Systems? Firmen müssen Gewinne aus dem Medikament generieren, bis der Patentschutz ausläuft.

Fischer: Der Patentschutz beträgt 20 Jahre. Das ist nun wirklich kein allzu kurzer Zeitraum. Das schlimme ist, dass die Firmen zumindest im ersten Jahr die Preise für neue Arzneimittel vollkommen beliebig festlegen können. Erst im zweiten Jahr gibt es Preisverhandlungen mit den Krankenkassen. Gilead nutzt das gerade gnadenlos aus.

Besteht die Hoffnung, dass der Preis im zweiten Jahr sinkt, weil die Kassen hart verhandeln?

Fischer: Ich hoffe da weniger auf das Verhandlungsgeschick der deutschen Kassen als eher auf Indien. Das internationale Patentrecht schreibt vor, dass ein Produkt patentiert werden muss, sofern es neu und innovativ ist. Deutschland hat die Innovation im Fall Sovaldi anerkannt und ein Patent erteilt.

Indien ist diesbezüglich restriktiver. Es könnte sein, dass das indische Patentamt die therapeutische Innovation durch Sovaldi für zu gering hält und ein Patent verweigert. Damit wäre in Indien der Patentschutz hinfällig und das Medikament dort deutlich günstiger, was mit Sicherheit einen Rückkopplungseffekt auf den westlichen Markt hätte.

Könnte Gilead sich dann aus Märkten zurückziehen, auf denen es nicht den gewünschten Preis erzielt?

Fischer: Das könnten sie. Wenn aber viele große Länder sich dem Preisdiktat des Unternehmens verweigern, wird es auch für Gilead schwerer. Außerdem übt die Weltgesundheitsorganisation bei wichtigen Medikamenten auch einen gewissen Druck auf die Unternehmen aus, keine Marktflucht zu begehen.

Wie sieht es angesichts des hohen Sovaldi-Preises in Entwicklungsländern aus?

Fischer: Die Hälfte der HIV-Infizierten in Afrika haben Hepatitis C. Wenn man sich dann die 60.000 Euro pro Therapie vor Augen führt, muss man sagen, dass dieser Preis tödlich ist. Auch hier ist die entscheidende Frage, was Indien macht. Wenn der Preis in Indien einbricht, bricht er auch in Afrika ein.

Seit Juni gibt es ein weiteres Medikament gegen Hepatitis C. Könnte die Konkurrenz durch Olysio den Sovaldi-Preis senken?

Fischer: Grundsätzlich senkt Konkurrenz den Preis. Da funktioniert der Pharmamarkt wie jeder andere.

Ist die Tatsache, dass der Pharmamarkt nach weitgehend normalen Marktregeln funk-tioniert Teil des Problems?

Fischer: Das ist ein riesiges Problem. Es gibt weltweit schätzungsweise 150 Millionen Menschen mit Hepatitis C, die mit diesem Medikament, das derzeit alternativlos ist, geheilt werden könnten. Diese Marktmacht nutzt der Hersteller aus und versucht möglichst viel Gewinn damit zu machen. Das ist ökonomisch logisch, führt aber zu menschlichem Leid.

Was müsste sich ändern?

Fischer: Derzeit hat die Privatindustrie die freie Wahl, zu welchen Themen sie forschen will. Das wird sie natürlich nur nach ökonomischen Prinzipien tun. Wo sie sich Profit verspricht, wird sie aktiv und versucht, das ökonomische Maximum herauszuholen. Das führt unter anderem dazu, dass Krankheiten, die hauptsächlich in armen Ländern auftauchen, von der Pharmaindustrie weitgehend unbeachtet bleiben.

Wie etwa derzeit Ebola in Westafrika. Die Politik müsste die Zügel in die Hand nehmen und entweder staatlich forschen und entwickeln oder Aufträge an Pharmafirmen erteilen, damit diese für eine Summe X einen patentfreien Impfstoff oder ein patentfreies Medikament entwickeln.

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