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Der Polizeiseelsorger: Wenn nichts mehr geht, kommt Georg Küpper

Von: Robert Baumann
Letzte Aktualisierung:
Einmal im Jahr lädt Polizeise
Einmal im Jahr lädt Polizeiseelsorger Georg Küpper zur Motorrad-Wallfahrt ein. So verbindet er gewissermaßen Beruf und Hobby.

Aachen/Erkelenz. Die Erlebnisse des Polizisten, dem Küpper an diesem Tag im vertraulichen Gespräch gegenüber sitzt, lesen sich wie das Drehbuch eines Kriminalfilms. Mehrfach feuerte ein Autoknacker Schüsse auf den Polizisten ab.

Bei dem anschließenden Schusswechsel wurde der Täter getroffen und erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Küpper hört dem Polizisten zu, den die Geschehnisse seitdem nicht mehr loslassen. Dasein und Zuhören, das ist seine Arbeit.

Küpper, 61, ist seit fünf Jahren hauptberuflich katholischer Polizeiseelsorger im Bistum Aachen und unterstützt und berät Polizisten und deren Familien in schwierigen dienstlichen und privaten Situationen. Schusswaffengebrauch, schwere Verkehrsunfälle, familiäre Probleme, körperliche und psychische Erschöpfung, Mord, die Liste der Themen, mit denen sich Küpper tagtäglich beschäftigt, ist lang und nichts für zarte Gemüter. „Wir wissen um die Belastungen, Konflikte und Probleme der Polizisten. Unsere Aufgabe ist, im Alltag eine Stütze zu sein, Orientierung zu geben und zu begleiten - und das unabhängig von der Konfession”, sagt Küpper. Als Polizeidekan leitet er die Polizeiseelsorge im Bistum und ist für die Standorte Aachen, Düren und Heinsberg, Viersen und Krefeld sowie Mönchengladbach zuständig.

Die Diözesanstelle der Polizeiseelsorge befindet sich im ersten Stock eines Wohnhauses in Erkelenz. Hier empfängt Küpper die Polizisten zum Gespräch. Der Seelsorger unterliegt der Schweigepflicht und verfügt über ein Zeugnisverweigerungsrecht. Besonders wichtig ist, Vertrauen zu den Polizisten aufzubauen und Kontakte über die Begegnung am Arbeitsplatz zu pflegen. Deshalb besucht Küpper mehrmals in der Woche die Polizeiwachen.

Nicht selten wird er dann von dem einen oder anderen Polizisten mit den Sätzen „Wo ich Sie gerade sehe...” oder „Haben Sie ein paar Minuten Zeit für mich?” angesprochen. „Es ist erst in den letzten Jahren salonfähig geworden, Rat und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Polizisten sind Typen, die durch ihren Job ein starkes Auftreten brauchen”, sagt der Mann mit Schnauzbart in ruhigem Tonfall. „Das ist Teil ihrer Persönlichkeit. Sie haben aber genauso Unsicherheiten und Fragen wie jeder andere Mensch. Zuerst versuchen viele allerdings, mit ihren Problemen alleine fertig zu werden. Erst wenn das nicht funktioniert, kommen sie zu mir”.

1975 begann Küpper seine berufliche Laufbahn als Kaplan in Erkelenz, später in Krefeld. Fünf Jahre leistete Küpper, der neben Theologe auch Philosophie studiert hat, Dienst als Krankenhauspfarrer in Eschweiler, bevor er weitere zehn Jahre bei der Caritas als Seelsorger arbeitete. Zusätzliche Qualifikationen hat er sich über die Jahre durch mehrere Fortbildungen zu Themen wie Stress- und Konfliktbewältigung oder Gruppendynamik angeeignet.

Während seiner sechsjährigen Tätigkeit als Militärpfarrer in Düsseldorf und Köln-Wahn war er zudem ein halbes Jahr im Kosovo eingesetzt. Auf Wunsch des Bischofs übernahm Küpper 2006 die Leitung der Polizeiseelsorge.

Geholfen haben die Gespräche mit der Polizeiseelsorge auch Reinhard Pitz. Der 54-Jährige ist Erster Kriminalhauptkommissar in der Städteregion Aachen, war lange im Bereich der Todesermittlung tätig und wurde dabei mit Kapitalverbrechen, Suizid und Mord an Kindern konfrontiert. „Ich habe mehrfach die Gesprächsangebote in Anspruch genommen. Die Polizeiseelsorge ist ein wichtiger Pfeiler in der sozial-psychologischen Betreuung, und jeder Kollege kann sich hier aussprechen”, sagt Pitz. Nicht nur aus beruflichen Gründen suchte Pitz Rat, auch beim Tod seines Vaters nahm er die Hilfe der Seelsorge in Anspruch.

Küpper ist häufig vor Ort. Castor-Transport, Fußballspiele, Demonstrationen. Als Ansprechpartner für die Beamten, die Beleidigungen und tätlichen Angriffen ausgesetzt sind. Küpper ist 24 Stunden in Bereitschaft, sein Handy fast nie ausgeschaltet. Und so wird er auch nachts schon mal aus dem Bett geklingelt, um Beistand zu leisten oder, in seltenen Fällen, Todesnachrichten zu überbringen.

Küpper und der Fall Mirco

Damit die Schicksale und Erlebnisse der Polizisten für Georg Küpper nicht einmal selbst zur Belastung werden, hat er eigene Mechanismen entwickelt. „Ich versuche, in einem stabilen Gleichgewicht zu leben. Das erreiche ich durch eine gesunde Lebensweise, also ausreichend Schlaf, kein Rauchen, wenig Alkohol und viel Sport.” Jede Woche schwimmt er 50 Bahnen und läuft zu Hause regelmäßig auf dem Cross-Trainer.

Für den schönsten Ausgleich zu seiner Arbeit sorgt sein Motorrad. Damit fährt er nicht nur privat, sondern er organisiert einmal jährlich auch eine Motorrad-Wallfahrt, an der jedes Mal rund 60 Polizisten teilnehmen. „Durch den gemeinsamen Spaß am Motorradfahren und das gegenseitige Kennenlernen fällt es vielen leichter, die Seelsorge in Anspruch zu nehmen”, sagt Küpper und fügt hinzu: „Ich mache diese Arbeit sehr gerne und bekomme viele positive Rückmeldungen. Die Polizeiarbeit funktioniert auch ohne mich, aber mit mir geht es deutlich besser. Man merkt, dass es sich lohnt dazusein.”

Der Mord am damals zehnjährigen Mirco aus Grefrath im September vergangenen Jahres sorgte bundesweit für Aufsehen. Küpper unterstützte die 65-köpfige Sonderkommission als Seelsorger bei ihrer Arbeit. „Das war sehr emotional, weil viele der beteiligten Polizisten selber Kinder haben. Dieser Fall hat mich sehr viel Kraft und Zeit gekostet”, sagt Küpper. Zum Abschluss der Ermittlungen hielt Küpper auf Wunsch der Sonderkommission eine Andacht.

„Die Polizei hat überwiegend mit Abgründen und Schattenseiten des menschlichen Lebens zu tun, der Dienst ist körperlich und seelisch belastend. Als Seelsorger nehmen wir uns Zeit für die Menschen. Das Wichtigste an unserer Arbeit ist die häufige Präsenz, die gute Erreichbarkeit und unser Herz für die Polizei”, sagt Küpper.

Neben der Hilfe für die Polizisten bei ihren Sorgen und Nöten gibt es noch eine andere Seite seiner Arbeit. Allein in diesem Jahr hat Küpper sieben Polizistenpaare getraut und sieben Kinder getauft. „Es ist nicht immer einfach für Polizisten, Dienst und Privatleben in gelungener Weise miteinander zu vereinbaren. Aber auch hier helfen wir in der Hoffnung, dass sie das Schöne in ihrem Beruf nicht aus den Augen verlieren.”

Mehr als 4000 Frauen und Männer leisten im Bistum Aachen in Einrichtungen der Polizei ihren Dienst. Ihnen stehen bei Problemen vier katholische und drei evangelische Polizeiseelsorger, die seit einigen Jahren eng miteinander zusammenarbeiten, als Ansprechpartner zur Verfügung. Im kommenden Jahr feiert die Polizeiseelsorge in NRW ihr 50-jähriges Bestehen.
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