Der PC ist die Waffe der Euregio-Polizei

Von: Udo Kals
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Niederlande, Belgien und Deutschland in Rufweite beisammen: die EPICC-Büros in Heerlen. Foto: Markus Bienwald
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Hinterhofatmosphäre: Als repräsentativ kann das Domizil der EPICC-Mitarbeiter, die im ersten Stock einer umgebauten Autowerkstatt arbeiten, nicht gerade bezeichnet werden.

Heerlen. Ach, was muss das damals für ein feines Ganovenleben gewesen sein! Eher unbehelligt fuhren die Kriminellen wahlweise von Belgien in die Niederlande, um dort Drogen zu kaufen, die für den deutschen Markt bestimmt waren, oder kamen aus den Niederlanden, um in Deutschland Autos zu stehlen, die sie wiederum in Belgien verschacherten.

Besonders nach der Öffnung der Binnengrenzen und dem Wegfall der Schranken war das Dreiländereck ein gelobtes Land für Menschen, die hehlen, dealen und stehlen wollten. Denn für die Polizisten war trotzdem an der Grenze Schluss – und sie schoben in ihrem Dienst auch deswegen viel Frust.

Nun, auch heute haben sich solche kriminellen Muster nicht verloren, hat die grenzüberschreitende Kriminalität zwischen Eupen, Maastricht und Aachen mit Sicherheit nicht kapituliert. Doch inzwischen übt die Euregio, üben die Polizeibehörden auf deutscher, belgischer und niederländischer Seite den Schulterschluss. Etwa jüngst bei einem gemeinsamen Schlag gegen illegale Prostitution. Und wenn man Hans Peter Kehr vom Aachener Polizeipräsidium fragt, dann auch sonst mit Erfolg.

Harte Zahlen gibt es von den beteiligten Behörden für die Öffentlichkeit zwar nicht. Aber Kehr lässt schon gerne durchblicken, dass das sogenannte Euregionale Polizeiinformations- und kooperationszentrum (EPICC) an dem einen oder anderen Fahndungserfolg beteiligt war. Etwa im Fall der Raubserie auf Werttransportunternehmen in Deutschland und den Niederlanden, als es gelang, einen wichtigen Hinweis auf die Tätergruppe zu geben, die im niederländischen Utrecht saß.

Oder im Falle der Bande, die für eine Überfallserie auf grenznahe Parfümerien verantwortlich war und in Brunssum aufflog. In einem weiteren Fall einer Einbruchsserie auf Juweliere in der Grenzregion konnte eine niederländische Bande im belgischen Tongeren ermittelt und festgenommen werden. Oder aber in dem Fall eines Juwelenräubers, den ein niederländischer Kollege in Zeeland auf einem Fahndungsfoto von EPICC-Info erkannte und diesen einem Campingplatz zuordnen konnte. „Da geht bei uns natürlich die Post ab“, sagt Kehr.

Erfolge sind nicht der Alltag

Denn solche Erfolge, da ist Kehr Realist genug, sind nicht der Alltag. „Der Alltag“, sagt der Hauptkommissar, „ist das Sichten von Meldungen, die aus den angeschlossenen Behörden eingehen, die Recherche und Analyse von Informationen und das Beantworten von Anfragen der Kollegen.“ Das ist die tägliche Arbeit. Und das ist nicht wenig. 2006 waren es knapp 39.000 Anfragen, zwei Jahre später bereits mehr als 56.000.

Wohnt Person X noch in Kerkrade? Ist der Fahrzeughalter zum Auto Z noch in Kelmis gemeldet? Im vergangenen Jahr waren es noch rund 44.000 solcher und ähnlicher Anfragen, die die Kollegen von Heerlen aus bearbeiteten. „Das ist trotzdem noch eine Menge“, sagt Kehr und betont, dass der Rückgang nichts mit mangelnder Qualität der Antworten oder wachsendem Desinteresse zu tun habe. „Viele Anfragen beziehen sich auf die Halter von Fahrzeugen. Das können die Polizisten durch ein neues System inzwischen selbst erledigen.“

Operative Befugnisse haben die Euregio-Polizisten aber nicht. Sie können sich beispielsweise nicht an die Fersen der rivalisierenden Motorroller-Banden aus Heerlen und Brunssum heften, die seit Monaten durch das Rheinland marodieren und Roller klauen. „Wir können Hinweise geben.“ Das Blaulicht aber bleibt aus. „Wir sind das Backoffice für die Kollegen, die grenzüberschreitend an Tätern arbeiten und diese vielleicht gerade auch observieren“, sagt Kehr: „Da wir viele Informationen und den Zugriff auf unterschiedliche Dateien haben, können wir leichter Hinweise zusammenbringen, die unseren Kollegen helfen.“

Der Computer ist die Dienstwaffe der EPICC-Polizisten. Die Idee zu dem Zusammenschluss für eine grenzüberschreitende Informationssammlung und -weitergabe ist schon alt. „1932 ist sie bei einem Treffen der Polizeipräsidenten bei einem Glas Rotwein aufgekommen“, erzählt Kehr. Bis zur Umsetzung dauerte es dann ein wenig – 73 Jahre, um genau zu sein. Am 17. Mai 2005 ging EPICC nach Vorläufergremien schließlich an den Start. „Bis dahin machte jede Grenzbehörde ihr eigenes Ding, waren bei jeder Anfrage bürokratische Hindernisse zu überwinden“, sagt Kehr. „Es gab viel Doppelarbeit, und vorhandene Informationen wurden nicht effektiv genutzt und zusammengebracht, weil die deutschen Ermittler bis dahin nur persönliche Kontakte zu den Kollegen jenseits der Grenze hatten.“ Ein Paradies für Ganoven mit hohem Frustpotenzial für die Polizisten. Kehr: „Schrittweise wuchs die Erkenntnis: Wir brauchen eine zentrale Stelle, um den Informationsfluss zu koordinieren.“

Starkes Team, erfahrene Leute

Während diese zentrale Stelle inhaltlich auch nach Ansicht von Ralf Dünzer, Vorstandsmitglied der Aachener Gewerkschaft der Polizei, „wegen des schnellen Informationsaustausches über die Grenzen hinweg“ ein Vorzeigeprojekt ist, ist es dies äußerlich bei weitem nicht. Einen Steinwurf vom Heerlener Bahnhof entfernt in einer umgebauten Autowerkstatt untergebracht, strahlt die Flachdachbaracke triste Hinterhofromantik aus. „Es könnte besser sein. Aber wir sind ja auch keine Adresse für Publikumsverkehr“, sagt Kehr.

Inzwischen sitzen mehr als 30 Kollegen aus drei Staaten und sechs Behörden beisammen: vom Aachener Polizeipräsidium, vom Landeskriminalamt, von der Bundespolizei und von der Limburger Regionalpolizei, der niederländischen Marechaussee, der Föderalen Polizei Eupen und der niederländische Justiz. Die in Dreiergruppen angeordneten Arbeitsplätze spiegeln die Grundphilosophie wider: Es sitzen jeweils Kollegen aus drei Ländern zusammen, um schnell über Verwaltungs-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg kommunizieren zu können. „Und das funktioniert.“ Auf Deutsch, Niederländisch und Französisch.

„Das ist ein starkes Team mit erfahrenen Leuten aus vielen Bereichen“, sagt Kehr. Ob Mord und Totschlag, Wirtschaftskriminalität oder Drogenhandel – die Euregio-Polizisten haben zuvor in unterschiedlichen Bereichen gearbeitet und wissen, welche Infos die Kollegen brauchen, die um Hilfe nachfragen, sagt Kehr. Auch internationale Rechtshilfeersuchen können auf kurzem Dienstweg bearbeitet werden, wenn Polizisten etwa einen Verdächtigen über die Grenze hinweg observieren müssen. Schließlich soll das Ganovenleben nicht mehr so einfach sein, wie es einmal war.

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