Der Meinungsführer: Fabian Seibert, Designer aus Aachen

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Provinz? Von wegen: Fabian Seibert im Gemeinschaftsatelier der Designmetropole. Foto: Marco Rose
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Design aus Aachen: Mit seinen „Selbstmörder- Armreifen“ (rechts) hat Fabian Seibert (im Atelier, Foto unten) zu Beginn seiner Karriere provoziert. Sein Rosen-Schmuck (links) hat es schon in den New Yorker „MoMa“-Shop geschafft. Foto: Marco Rose, Sülzkotlett (2)

Aachen. World Domination – Weltherrschaft. Ein schlichter schwarzer Aufkleber gibt die Richtung vor. Er klebt an der Wand in diesem langen, fensterlosen Flur. Neben der Stahltür thront auf einem Sockel eine monströs kitschige Löwenfigur aus Plastik. Andere Hinweise finden sich nicht: keine Klingel, keine Namensschilder, kein Firmenlogo.

Nur Insider finden ihren Weg durch einen der alten Indus­triekomplexe an der Jülicher Straße in Aachen. In guten Zeiten florierte in diesem Viertel die Produktion von Waggons und anderen Erzeugnissen der Schwerindus­trie. Jetzt ist ein Teil der Anlage abgesperrt. Die Hallendecke könnte einstürzen.

Doch aus manchen Ecken des abweisend wirkenden Backsteinkomplexes dringen wieder Geräusche: Es wird gehämmert und gesägt. Auf dem Flur stapelt sich Holz, nebenan liegen gegerbte Tierfelle. Es riecht nach Chemikalien und Öl, nach harter Arbeit.

In der obersten Etage lässt Fabian Seibert den Blick aus einem der riesigen Fenster seines Ateliers schweifen. Das unfertige Minarett der Yunus-Emre-Moschee scheint zum Greifen nah. Die Innenstadt umhüllt herbstlicher Dunst. Ein unwirklicher Ort. Nirgendwo ist Aachen weniger Provinz als hier, bei den Machern der Designmetropole Aachen, einer Gemeinschaft regionaler Designer. „Ich wollte mal weg, habe den Absprung aber nicht geschafft. Inzwischen bin ich froh darüber“, sagt Seibert.

Der 42-Jährige trägt einen Kapuzenpullover, enge blaue Jeans und eine knallrote Daunenjacke. Er lächelt. „Provinz hat auch viele Vorteile. Du bist näher dran an denen da oben.“ Der Designer reckt vielsagend den Zeigefinger gen Decke und erzählt vom Besuch des Oberbürgermeisters, der sich in diesem Atelier schon einmal drei Stunden lang über die Ideen und auch Nöte der Kreativen informiert hat. „Design aus Berlin mag sich als Label vielleicht besser vermarkten lassen. Aber in der Hauptstadt bist du ein Niemand. Dort herrscht mittlerweile ein ruinöser Wettbewerb.“

Aachen! Die Hauptstadt ist weit weg. Im Gegensatz zu Brüssel, Paris oder gar London. Standortnachteile? Von wegen! Seibert denkt international, meint es bisweilen gar ernst mit der Weltherrschaft. Er ist ein Grenzgänger zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Design und Technik. Studiert hat der Aachener Maschinenbau an der RWTH. „Weil mir sonst nichts anderes einfiel.“

Nach dem Studium dann der erste Job als Unternehmensberater. „Wenn ich die Kollegen montags nach ihrem Wochenende fragte, war das schon grundfalsch. Weil sie im Gegensatz zu mir mal wieder durchgearbeitet hatten und mich das spüren ließen.“ Nach einem Jahr schmeißt Seibert hin. „Das Berater-Blabla war entlarvend hohl. Und dann ihr Geprotze mit Dienstwagen; diese Anglizismen mit schwäbischem Akzent! Alles bloß heiße Luft.“

Seibert steuert radikal um und nimmt ein Design-Studium an der Kunsthochschule in Maastricht auf. Tagsüber schuftet er als Lagerarbeiter für fünf Mark die Stunde in einem Zwei-Mann-Großhandel. „Jeden Abend gab es das Geld bar auf die Kralle. Das hat sich plötzlich unfassbar gesund angefühlt.“ Die Familie, obgleich kulturell bewandert, sieht das zeitweise anders. „Da pfeift einer auf den gut dotierten Job und macht auf Bohemien? Man hat mich für verrückt erklärt.“

Doch Seibert glaubt an sich. Schon im ersten Studium hat er sich mit Produktdesign beschäftigt. Von diesem Wissen profitiert er nun. Vier Jahre studiert er in den Niederlanden, dann wagt er mit seinem eigenen Label „Sülzkotlett“ den Sprung ins kalte Wasser – mit vielen spektakulären Ideen im Kopf, aber ohne Netzwerk und praktische Erfahrung. „Völlig naiv“, wie er heute sagt.

Der 42-Jährige kramt aus den Stahlregalen des Gemeinschaftsateliers einen Armreif hervor. Er grinst. „Mit dieser ersten Schmuckkollektion habe ich die Leute auf den Design-Messen nachhaltig verstört.“ Kein Wunder: Seine „Selbstmörder-Armreifen“ verfügen über integrierte Rasierklingen und Puls-Schnittmuster. Ein makabrer Scherz? „Durchaus nicht. Ich habe mich nach den Terroranschlägen des 11. Septembers viel mit islamistischen Selbstmordattentätern beschäftigt. Es überstieg meine Vorstellungskraft.“

Seibert verkauft immerhin drei oder vier Exemplare und stellt fest: „Davon kann man nicht leben.“ Der Designer hat daraus gelernt und sich dem Mainstream zumindest angenähert. Heute finden sich seine stählernen Schmuck-Kreationen unter anderem im „MoMa“-Shop in New York.

Einen Aha-Effekt verbucht er mit seinem „Swarovski Bling Pflaster“ – einem mit Strass besetzen Spaß-Produkt, das er über eine Hamburger Firma billig in Asien produzieren lässt. „Da habe ich gelernt, um was es bei gutem Design geht: Innerhalb von einer Zehntelsekunde ein Bedürfnis zu wecken, das sich in diesem Fall leicht und billig befriedigen lässt.“

Ist er zu abgehoben? Nein, sagt Seibert. Jeder Designer strebe schließlich nach Meinungsführerschaft. „Das ist eine Gratwanderung: Bist du zu extrem, wirst du zum Außenseiter und bist nicht zu vermarkten. Bist du aber nicht extrem genug, dann überholen dich andere.“ Überholen lässt sich die „Designmetropole“ so schnell jedenfalls nicht. Kennengelernt haben sich die Kreativen auf der Kunsthochschule und bei Fachmessen, auf denen die massive Präsenz aus der Grenzregion in der Vergangenheit bereits für Aufsehen sorgte, und bei Außenstehenden die Frage provozierte: „Seid Ihr in Aachen etwa eine Designmetropole?“ Soweit die Gründungsgeschichte. „Im Kollektiv lassen sich die Klippen des Geschäftsalltags leichter umschiffen“, erläutert der Mann hinter dem Sülzkotlett. Inhaltlich setze jeder seine eigenen Schwerpunkte.

So auch Seibert: Der Aachener ist nach einigen Umwegen wieder in der Unternehmensberatung angekommen und organisiert Workshops für Unternehmen. Daneben nimmt er Lehraufträge an der FH Aachen und der Kunsthochschule Maastricht wahr. Den Sinn fürs Makabre hat Seibert dabei aber längst nicht verloren. Gemeinsam mit seiner Kollegin Patricia Yasmine Graf setzt er auf der Mailänder Möbelmesse ein Highlight in Sachen Extravaganz: mit einer Reihe „psychisch gestörter Möbel“.

Unter diesen Kreationen findet sich ein magersüchtiges Bett, das sich als Bank nutzen lässt; ein hyperaktiver Stuhl, der dank unterschiedlich langer Beine einfach nicht ruhig stehen will; oder eine Kommode mit gespaltener Persönlichkeit.

Ist das die ultimative Meinungsführerschaft? Seibert lacht. „Ohne Macke wird man in diesem Job gar nicht mehr ernst genommen. Psychische Störungen gelten da als hip.“

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