Der Lord von Köln: Dahrendorf wird 80

Von: Christoph Driessen, dpa
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Ralf Dahrendorf wird 80
Der Vorsitzende der Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen, Lord Ralf Dahrendorf. Foto: dpa

Köln. „Jeschnitten oder am Stück, Mylord?” So müsste es sich eigentlich anhören, wenn Ralf Dahrendorf an seinem Wohnort einkaufen geht. Seit 1993 trägt der gebürtige Hamburger die hermelinbesetzte Lordrobe des britischen Oberhauses, aber mittlerweile lebt der Soziologe in Köln - näher bei seiner Familie. So langsam macht sich auch bei ihm das Alter bemerkbar.

Diesen Freitag wird er 80 Jahre alt. Mitte April hatte er noch einen großen Auftritt in Düsseldorf, wo er als Vorsitzender einer vom Land Nordrhein-Westfalen berufenen Zukunftskommission den Abschlussbericht an Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) übergab. Allerdings wirkte er bei dieser Gelegenheit zerbrechlich und gesundheitlich angeschlagen - das Reden musste er seinem Vize Bodo Hombach überlassen. Interviewtermine zu seinem 80. Geburtstag sagte er anschließend ab.

Wenn es in der Nachkriegspolitik je einen unabhängigen Geist gegeben hat, dann ihn. Zeitweise wurde er als künftiger FDP-Chef gehandelt - heute ist er schon lange aus der Partei ausgetreten. Vier Jahre war er EU-Kommissar, veröffentlichte aber zu eben dieser Zeit unter einem Pseudonym äußerst kritische Artikel über die Brüsseler Bürokratie und ihre „Berufseuropäer”.

Schließlich kehrte er Deutschland und dem Kontinent den Rücken und ging als Chef der London School of Economics nach England. Bald hatte er auch dort den Ruf eines Querdenkers weg, bewundert zwar, aber auch bestaunt wie ein Exot. Bei aller Liebe zu England schreckte er nicht davor zurück, die Nation 1983 in einer mehrteiligen Fernsehserie über die Gründe ihres Abstiegs zu belehren.

Damals spottete die „Sunday Times”: „Die Briten sind zwar gastfreundlich gegenüber germanischen Gelehrten, aber kaum dafür bekannt, dass sie deren Ratschläge annehmen.” Ob es nun Zufall war oder nicht - sie haben doch zu einem guten Teil genau das umgesetzt, was ihnen der deutsche Soziologe empfohlen hatte: nichts weniger nämlich als eine umfassende Reform des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Kaum ein Land Europas hat sich in den letzten 25 Jahren so tiefgreifend gewandelt wie merry old England.

Als sich Lord Dahrendorf auf seinem lederbezogenen Platz im britischen Oberhaus niederließ, spottete mancher deutsche Politiker, er sei nun wirklich ein „unverbesserlicher Engländer” geworden. Umgekehrt aber bezeichnete ihn der „Independent” als das „Urbild eines teutonischen Professors”. Daraus kann man wohl vor allem eines ableiten: Dahrendorf gehört nirgendwo richtig dazu, er bleibt „his own man”, wie man in England so schön sagt.

Er selber sieht sich als Grenzgänger. Wenn seine Gesundheit es zulässt, jettet er zu wichtigen Terminen nach London, die Stadt, die er lange als seine Heimat bezeichnet hat. Seine Wohnung dort ist fünf Minuten vom Parlament entfernt. Mitglied des Oberhauses bleibt er auch als Kölner - er ist „life peer”, ernannt auf Lebenszeit.

Dahrendorf hat in seinem Leben viel ausprobiert und wieder verworfen. Doch „sein Kompass war und ist immer auf das gleiche Ziel gerichtet”, hat Marion Gräfin Dönhoff mal gesagt: „auf politische Freiheit und geistige Liberalität”.
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