Heerlen - Der letzte Mohikaner des Baumeistertums

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Der letzte Mohikaner des Baumeistertums

Von: Angela Delonge
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Er weist die Richtung für die Zukunft der Parkstad: Der Niederländer Jo Coenen ist Direktor und kreativer Kopf der IBA. Foto: Harald Krömer
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Berühmter Coenen-Bau von 2004: Das runde Emerald Empire Gebäude auf der ehemaligen Hafeninsel in Amsterdam. Foto: stock/Kolvenbach

Heerlen. Er fühlt sich als einer der letzten Mohikaner. Wenn Jo Coenen über die heutige Rolle von Architekten spricht, wird er ungemütlich. Endgültig vorbei scheinen die Zeiten der Baumeister – ein Umstand, den der gebürtige Heerlener nicht akzeptieren mag.

Sein Verständnis von Architektur als einem sozialen Instrument will der 65-Jährige, der Büros in der ganzen Welt betreibt, nun in seiner alten Heimat umsetzen. Coenen ist der kreative Kopf und Direktor der IBA-Parkstad. Die vergessene Region soll in den nächsten sechs Jahren umgebaut werden, und zwar so, dass sich die Bewohner dort wieder zu Hause fühlen. Dafür steht niemand Geringerer als der Baumeister Jo Coenen.

Herr Coenen, Sie waren mal niederländischer Reichsbaumeister. Was war Ihre Aufgabe?

Coenen: In den Niederlanden gibt es die Funktion des Reichbaumeisters schon sehr lange, aber seine Bedeutung hat sich geändert. Der Reichsbauminister ist heute nicht mehr Chef der staatlichen Baubehörde, die alle öffentlichen Gebäude baut, sondern er berät das Kabinett in allen Fragen rund um das staatliche Bauwesen.

Nun sind Sie Direktor der IBA Parkstad. Es scheint Ihnen zu gefallen, Verantwortung tragen.

Coenen: Ja, es gefällt mir. Aber das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, ich kenne meine Position.

Wie definieren Sie Ihre Position?

Coenen: Ich sage das jetzt als Architekt und Lehrer: Wir haben an Bedeutung verloren. Früher waren wir Baumeister, unsere Kenntnisse wurden ernst genommen. Die Zeit des Ernstnehmens von Kenntnis ist – wie wir alle wissen – vorbei. Das geht den Architekten nicht anders als den Ärzten oder den Journalisten. Beim Bauen sind heute so viele Fakten zu beachten. Wenn ich heute eine Linie zeichne, sitzen 30 Leute mit am Tisch, die sagen: Ich nehme deine Linie mit nach Hause und dann sage ich dir, ob sie richtig oder falsch ist. Ich könnte also sagen, gut, dann ihr seid alle mitverantwortlich. Das tue ich in der Regel nicht.

Und jetzt tragen Sie Verantwortung für die IBA. Worin besteht Ihre Aufgabe?

Coenen: Für mich ist das tatsächlich vergleichbar mit der Funktion eines Reichsbaumeisters. Ich sehe meine Aufgabe darin, für die Parkstad eine Art Masterplan zu erstellen. Damit kann man nicht nur Gebäude errichten, sondern damit kann man Stadt bauen. Darin liegt ein Vermögen, mit dem sich Gesellschaft organisieren lässt. Das ist wunderbar.

Wie wollen Sie die Gesellschaft in der Parkstad organisieren?

Coenen: Das kann ich noch nicht sagen. Ich bin gerade dabei, Fakten zu sammeln, und ich sehe besondere Merkmale. Das erste, was ich sehe, ist das Wort Parkstad. Es gibt in Parkstad ein paar rasante Realitäten: eine schrumpfende Bevölkerung, dadurch Leerstand, es gibt Arbeitslosigkeit, und für die Jüngsten gibt es wenig Zukunft.

Welche Ideen haben Sie dafür?

Coenen: Wir suchen nach überraschenden Verknüpfungen. Welche das sein werden, weiß ich noch nicht, aber ich bin sicher, dass wir welche finden werden, das sagt mir meine Erfahrung. Ich bin sicher, dass wir am Ende Dinge so kombinieren können, dass aus minus zwei in einigen Jahren plus zwei wird. Wobei, für diese Region wäre schon eine Null gut. Ich konstatiere: Die Situation in Parkstad ist jetzt minus zwei. Das wissen alle – die Regierung, Brüssel, der Gouverneur von Limburg, jeder einzelne Bürgermeister.

Welche Rolle spielt dabei der Name Parkstad? Für uns ist das vor allem ein Zahlenlabyrinth.

Coenen: Ich habe schon einmal erlebt, dass so ein Begriff keinen Inhalt hatte. Das empfinde ich hier auch so ein bisschen. Die Inhalte müssen noch klarer gemacht werden. Parkstad ist zunächst mal eine organisatorische Erfindung von Verwaltungen.

Was bedeutet denn Parkstad?

Coenen: Wenn Sie 1930 hier spazieren gegangen wären, wären sie auf gewundenen Straßen zwischen Dörfern mit einer Kirche, einer Schule und einem kleinen Schloss gegangen. Das war die typische agrarische Landschaft hier, wie auch in Deutschland und in Belgien. Mit der industriellen Revolution kamen eine Menge Menschen, die unterzubringen waren. Man schuf also kleine Wohnareale, sogenannte Kolonien, nach dem englischem Vorbild der „Garden City“ in der Landschaft verteilen, damit dazwischen noch grün bleibt. Dann kamen die Zechen, und die Parkstad wurde reich, es wurde viel gebaut, und die Struktur wurde langsam unschön. Dann wurden 1975 die Zechen abgerissen, und es wurde eine neue Struktur drübergelegt – Gewerbegebiete, für die es Subventionen gab. Und niemand erkannte seine Landschaft wieder. Wir haben es hier mit verloren gegangener Identität zu tun. Aber diese Landschaft gibt es noch?! Mit Ausrufe- und Fragezeichen dahinter. Der Begriff Parkstad kann also beflügeln. Denn was ich hier beschreibe, ist die Leere.

Haben Sie Ideen, womit die Leere gefüllt werden könnte?

Coenen: Da fällt mir als erstes die Kunst ein. Damit fange ich an. Das habe ich so gelernt. Wenn wir die Orientierung verloren haben, müssen wir auf Leute mit Bauchgefühl hören, sie sind sehr ehrlich. Die Kunst kann also Expression von Empfindungen sein, ein Zeichen dafür, dass hier etwas geändert werden muss. Es ist der Anfang von etwas Neuem. Ich suche erstmal alles, was Expression ist.

Aber wir haben es hier nicht mit einer Kunstausstellung, sondern mit einer Bauausstellung zu tun.

Coenen: Bauen ist heutzutage in unserem Klima des Abspeckens unmöglich. Die Situation in Holland ist verheerend schlecht. Nach der Finanzkrise, die Holland seit 2007 ganz hart getroffen hat, ist hier an öffentlichen Bauten nicht viel besonderes passiert. Wenn ich also jetzt Neubauten ins Gespräch bringen würde, würde ich sofort als Naivling gelten. Und der war Reichsbauminister, heißt es dann.

Sie möchten also gar nicht bauen?

Coenen: Doch, ich möchte bauen. Auf jeden Fall. Es ist wichtig, dass wir jetzt die Beispiele für morgen konstruieren. Es wird auch eine Ausstellung des Bauens, das heißt, was hier gezeigt wird, ist beispielhaft für die Zukunft.

Und was werden Sie bauen?

Coenen: Bauen kann ja auch bedeuten, an einer neuen Organisation zu bauen.

Wie meinen Sie das?

Coenen: Ich möchte Leute zusammenbringen, die Ideen für Projekte haben. Wenn einer klein anfängt, kommen andere nach. So wächst eine neue Struktur. Bauen kann auch Organisieren von Strukturen sein. Erst kommt die Frage, dann das Bauen.

Gibt es so ein kleines Anfangsprojekt denn schon?

Coenen: Nein, aber notfalls erfinde ich es.

Das nenne ich mal kreativ!

Coenen: (lacht) Ich finde, eine IBA muss da Hilfe bieten, wo nichts mehr erwartet wird. Wo wegen all unserer Abhängigkeiten und Mechanismen das Denken stoppt. Ich führe deshalb Gespräche mit allen Teilen der Gesellschaft, wir organisieren Runde Tische mit Bürgern und Fachleuten. Ich bin noch dabei herauszufinden, wo die wirklichen Nöte sind, und deshalb ist meine Antwort noch zögernd. Ich möchte erst die Fakten wissen, damit ich eine Diagnose stellen kann.

Haben Sie diesbezüglich schon erste Erkenntnisse?

Coenen: Wir müssen eine soziale Struktur schaffen. Warum? Die Orientierung ist weg – buchstäblich und im übertragenen Sinne. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Region ihren Stolz wiederfindet, – das ist die Aufgabe – und dafür müssen wir uns wieder auf die Landschaft einlassen. Worauf aber kann ich Stolz bauen? Auf Arbeit? Wenn das nicht geht, muss ich wissen, warum. Ich möchte hier nicht über Allgemeinplätze sprechen, die kennen wir alle. Ich möchte es sehr genau wissen, wie ein Arzt. Ich mache einen Scan und sehe, ah, es tut nicht überall weh. Wenn ich also an bestimmten Stellen etwas mache, wird es vielleicht wieder besser. Das ist die Kunst, die wir als Stadtplaner beherrschen.

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