Aachen - Der Krieg im Kopf des Amokläufers

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Der Krieg im Kopf des Amokläufers

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Der 53-jährige Reinhold P. glaubte, er habe gerade in diesem Moment sich selbst und die Welt vor einer Invasion außerirdischer Geister gerettet.

Das war am Mittag des 21. September im Aachener Pontviertel. Da machte er sich blutüberströmt und mit zwei Messern in der Hand auf, um die gute Kunde in der Stadt zu verbreiten. Das sah so martialisch aus, dass Passanten, darunter ein Gruppe von Schülerinnen, angsterfüllt in die Häuser flüchteten.

P. ist vor einer Großen Strafkammer des Aachener Landgerichts angeklagt, sich im Zustand der Schuldunfähigkeit gegen seine Festsetzung durch die Polizei gewehrt zu haben. Eine 31-jährige Polizistin streckte ihn nach seinem Marsch durch die belebte Innenstadt in Richtung Markt mit einem gezielten Schuss in den Oberschenkel nieder.

„Ich ging hinter ihm her die Pontstraße hoch”, berichtete sie am Donnerstag im Zeugenstand. Er sei mit einer blauen Pyjamahose bekleidet gewesen, das Gesicht „zu einer Fratze” verzerrt. Zuerst hielt er beide Messer in einer Hand. Dann teilte er sie auf, verletzte sich selbst gezielt mit einer Klinge.

„Ich sah sein Blut spritzen”, hatte auch die 28-jährige Nachbarin des Mannes berichtet, der bis dahin völlig unauffällig in einem alten Haus im Studentenviertel lebte, dort Hausmeisterdienst tat und bei allen beliebt war. Doch der Wahnsinn hatte den bis 2009 spiel- und alkoholsüchtigen KFZ-Meister bereits seit zwei Wochen gepackt. „Ich dachte, das Leitungswasser wurde von den Geistern vergiftet”, berichtete er auf Befragen des Vorsitzenden Richters Gerd Nohl.

Daraufhin habe er nur noch die Flüssigkeit aus Gurkengläsern getrunken, die er zu Hause hatte. Zwei Mal ließ er sich ins Krankenhaus bringen. Dann am 21. September schlug seine Psychose durch. Er zerstückelte alle Lederprodukte in seiner Wohnung in dem Glauben, dort hielten sich Geister versteckt. Eine Mischung seines Blutes mit Lederstücken verbrannte er in dem Wahn, damit die vermeintliche Bedrohung abgewehrt zu haben.

„Wo kommen die Geister her?”, wollte der Vorsitzende wissen. „Vom Saturn”, antwortete der einst in völlig geordneten Verhältnissen lebende Mann. „Der Krieg ist vorbei”, habe er laut auf der Straße verkündet und wollte deshalb in den Aachener Dom. Vor dem belebten Markt dann drehte er sich zu der Polizisten, die ihn verfolgte um, und sagte eiskalt: „Jetzt bist du dran!” „Er war so nahe, dass ich fürchtete, er könnte mich treffen”, sagte die Polizistin.

Daraufhin schoss sie ihm in den Oberschenkel. Doch wie bereits bei zwei Ladungen Pfefferspray, die er ins Gesicht bekam, zeigte er zunächst überhaupt keine Schmerzen. Erst nach zwei Schritten mit dem durchschossenen Bein, sagte die Polizistin aus, setzte er sich hin und konnte dann überwältigt werden.

Die Kammer muss nun über seinen weiteren Verbleib in der Psychiatrie entscheiden, der nächste Verhandlungstag ist am 7. April.
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