Heinsberg - Der Herr der Fische: Oliver Helker sucht unentdeckte Arten

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Der Herr der Fische: Oliver Helker sucht unentdeckte Arten

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Oliver Helker (31) in seiner heimischen Zuchtstation in Heinsberg. Foto: Marco Rose
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Und „sein“ Fisch: Apistogramma helkeri heißt der kleine Buntbarsch, den Helker in einem unzugänglichen Sumpf in Venezuela entdeckt hat.

Heinsberg. Das Virus schlug zu, mit voller Macht, da wurde Oliver Helker erst acht Jahre alt. Der Auslöser war ein Weihnachtsgeschenk, das sein Leben fortan bestimmen sollte: ein kleines Aquarium. Man darf annehmen, dass sich seine Eltern über die Folgen nicht ganz im Klaren waren.

Die Geschichte ähnlich gelagerter Fälle jedenfalls lehrt: Bei dem einen Glaskasten bleibt es in aller Regel nicht, hat den Betroffenen das Virus erst einmal gepackt. Tatsächlich gesellte sich zu dem ersten Becken binnen sechs Monaten ein zweites. Sieben Jahre später pflegte Helker in seinem Elternhaus in Fulda bereits acht Aquarien. Heute, im Alter von 31 Jahren, nennt er knapp 100 Becken sein Eigen.

Ein Zimmer seiner Wohnung in Heinsberg-Unterbruch steht inzwischen voller kleiner und kleinster Behälter, die meisten von ihnen fassen nur zehn bis 50 Liter. Den Besucher umfängt in dieser Wohnung eine besondere Atmosphäre, wie man sie sonst in Tropenhäusern erwartet: grünliches Neonlicht blendet die Augen, in der Nase spürt man den typischen Geruch von algenreichem Tropenwasser. Winzige Fische flitzen in den Becken umher, die sich auf diversen Regalen bis unter die Decke stapeln. Die meisten Tiere würde ein nicht fachkundiger Beobachter bestenfalls als unspektakulär beschreiben.

Und doch wimmelt es hier, mitten im Heinsberger Land, von zoologischen Raritäten: Manche dieser Fische sind in der Natur bereits ausgestorben und werden nur noch in den Aquarien von Zoos und einigen engagierten Naturfreunden erhalten. Anderen Fischarten steht dieses Schicksal kurz bevor. „Fische haben keine Lobby“, sagt Helker, der von Haus aus Ingenieur für Umwelttechnik und nach dem Studium vor sechs Jahren nach Heinsberg gezogen ist. „Für einen Panda, der sich nicht vermehren will, werden Irrsinns-Summen ausgegeben – aber für Tiere, die tatsächlich vom Aussterben bedroht sind, interessiert sich niemand.“

Helker hat sich deshalb auf mehr oder weniger unscheinbare Killifische spezialisiert und leitet in seiner Freizeit eine Arbeitsgruppe der Deutschen Killifisch-Gemeinschaft. Die kleinen Kärpflinge legen Eier, aus denen die Jungfische je nach Art erst zwei Wochen bis sechs Monate später schlüpfen. Viele dieser Fische haben nur ein sehr begrenztes Verbreitungsgebiet.

Vor sechs Jahren erhielt Helker aus den Vereinigten Staaten Eier von Cyprinodon veronicae, dem Charco-Azul-Wüstenkärpfling aus Mexiko. Die Art gilt bereits seit 15 Jahren als ausgestorben, weil sie lediglich in einer einzigen Süßwasserquelle mitten in der Wüste lebte. Doch diese Quelle ist inzwischen versiegt. Im Heinsberger Wasser vermehrt sich der Fisch indes prächtig. Helker hat die Art mittlerweile an Halter in ganz Europa verteilt und auch Tiere an den Londoner Zoo geschickt, der sich gemeinsam mit dem Zoo in Wien an der Erhaltung der kleinen Killifische beteiligt. In Heinsberg schwimmt heute ein Schwarm von 50 bis 60 Tieren. Eine Erfolgsgeschichte.

Was ist sein Geheimnis? Und was seine Motivation? Geld ist es jedenfalls nicht: „Mit meinen Fischen kann ich nichts verdienen. Dafür ist der Markt viel zu klein. Die meisten Menschen interessieren sich doch eher für spektakuläre bunte Zuchtformen.“ Wie also packt einen das Virus? Es sei das Interesse an der Natur, die Faszination, Tierverhalten hautnah zu beobachten, sagt Helker.

„Und natürlich will man irgendwann Nüsse knacken: Fische nachziehen, die bisher noch niemand züchten kann.“ Dazu bereitet Helker das Leitungswasser auf, er senkt oder erhöht die Wasserhärte. Ein besonderes Geheimnis steckt nicht hinter seinem Erfolg, es ist vielmehr das Wissen um die Arten und ihre Anforderungen. „Ich kenne Leute, die fahren 150 Kilometer weit, um in zehn Regenwassertonnen das angeblich perfekte Wasser zu holen. So etwas mache ich nicht.“

Die begrenzte Wasserwelt seiner Aquarien ist Oliver Helker im Laufe der Zeit trotz aller Erfolge zu klein geworden. Ihn zieht es mittlerweile hinaus in die Herkunftsgebiete seiner Pfleglinge. Denn er weiß: Noch immer warten in den Tropen, vor allem in Südamerika, Fischarten auf ihre Entdeckung. Oft ist es ein Wettlauf gegen die Zeit: Viele Arten sind kaum entdeckt und gelten dann bereits als ausgestorben. Ein besonders negatives Beispiel ist das Staudammprojekt im Rio Xingu, einem Seitenfluss des Amazonas in Brasilien: 516 Quadratkilometer Regenwald soll der Staudamm verschlingen. Für viele nur dort beheimatete Fischarten, die nicht an das Leben in einem großen See angepasst sind, wird dies wohl das Aus bedeuten.

Das Wissen um diese Vergänglichkeit treibt den Hobby-Arterhalter bei seinen Reisen nach Südamerika an. Vor vier Jahren kann er seinen bislang spektakulärsten Erfolg feiern: Gemeinsam mit einem weiteren Deutschen, einem Niederländer und mehreren Indios ist er in Venezuela mit dem Boot auf einem Nebenarm des Orinoko unterwegs. Die Gruppe will Fische fangen und lebend mit nach Europa bringen. „Der Fluss war kaum breiter als die Rur, als uns schließlich Stromschnellen am Fortkommen hinderten“, erinnert sich Helker. In einem nahe gelegenen Dorf machen ihn die Bewohner auf einen Sumpf aufmerksam. Dort könne man gut fischen. Gesagt, getan: „Irgendwann hatten wir einen Fisch im Netz, den niemand von uns jemals gesehen hatte. Die Wahrscheinlichkeit war sehr groß, dass es sich um eine neue Art handelte.“

Vor Ort erntet die Gruppe nur Achselzucken. „Die Einheimischen können unsere Begeisterung für die kleinen Fische nicht nachvollziehen. Wir wurden nur ausgelacht.“ Helker, der unter anderem im Auftrag des Frankfurter Senckenberg-Museums Fische fängt, schickt nach seiner Rückkehr einige präparierte Exemplare an einen auf die Gattung spezialisierten Zoologen – und kann sich nach einigen Wochen des Wartens freuen: Apistogramma helkeri lautet der wissenschaftliche Name des kleinen Buntbarschs, benannt nach seinem Entdecker. „In gewisser Weise ist damit natürlich ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt Helker. „Andererseits kenne ich mindestens 50 Leute, nach denen schon ein Fisch benannt worden ist. Kein Wunder: Jedes Jahr werden alleine 20 neue Killifischarten beschrieben.“

In Fachkreisen ist der Heinsberger inzwischen ein gefragter Referent, seine Zuchtstation in Unterbruch besuchen Spezialisten aus ganz Europa. Was kann ihn in Zukunft noch reizen? Etwa richtig große Fische? Der 31-Jährige grinst. „Ich sage immer: Wer große Fische hält, der muss etwas ausgleichen. Das ist im Prinzip wie beim Porsche.“

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