Aachen - Der geschulte Blick für den sicheren Baum

Der geschulte Blick für den sicheren Baum

Von: Christina Diels
Letzte Aktualisierung:
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Blick in die Baumkrone: Baumkontrolleur Erich Zirr schaut als Fachmann, ob er Auffälliges an diesem Baum an der Rütscher Straße entdeckt. Foto: Michael Jaspers.

Aachen. Mit großen Schritten schreitet Rainer Guier (55) einmal im Kreis um den Stamm der alten Linde. Konzentriert schaut er auf den Boden und begutachtet die Wurzeln, die im Gras zu sehen sind. Dann schreitet er ein zweites Mal den Kreis ab. Dieses Mal lässt er seinen Blick nach oben den Stamm hinauf bis in die Krone schweifen. „Die meisten Bäume hier sind okay“, sagt Guier.

Und dann geht er weiter zum nächsten Baum. Eine Platane. Auch die ist unauffällig. So hangelt sich Guier von Baum zu Baum die Rütscher Straße in Aachen entlang. Sein Kollege Erich Zirr (56) geht mit und schlägt sich ins dichte Gestrüpp. Er will sich die Pappeln ansehen, die dahinter stehen. Sie grenzen an Wohnhäuser. Grund genug also, sich die Bäume genauer anzuschauen. „Gerade wenn Gärten dahinter sind, dann wäre es ärgerlich, wenn da einer umfällt“, sagt Guier. Doch sein Kollege Zirr findet keinen auffälligen Kandidaten.

Die Kriterien

Guier und Zirr arbeiten weiter. Schreiten Bäume ab. Schauen auf den Boden. Schauen in die Krone. Ein ganz normaler Arbeitstag für Rainer Guier und Erich Zirr als Baumkontrolleure der Stadt Aachen. Nach welchen Kriterien sie da vorgehen? Es wirkt wie ein lockerer Spaziergang, wie die beiden Männer den Weg mit den Bäumen ablaufen an diesem Montagvormittag. Doch dahinter steckt System. Mit einem dritten Baumkon­trolleur arbeiten die beiden für ihren Chef Andreas Schulz, gelernter Gärtner, zuständig für die Baumpflege im Grünflächenamt der Stadt Aachen.

Die Aachener Baumkontrolleure klopfen nicht jeden Baum mit dem Schonhammer ab. Sie stochern auch nicht jeden Baum mit dem Sondierstab nach Hohlräumen ab. Sie nehmen auch nicht bei jedem Baum das Fernglas zur Hand, um in die Krone zu schauen. Und sie messen auch nicht jeden Stammumfang mit dem Maßband nach. Doch dafür sind sie mit Verstand unterwegs. Mit ihren Augen. Und mit viel Erfahrung.

Ein Pilzbuch

„Zunächst gucken meine Männer nach den Wurzeln“, sagt Schulz. „Ich gucke als erstes Mal mal nach den Hundehaufen“, sagt Guier und grinst. Er hat sich in 35 Berufsjahren sein Wissen über Bäume durch die Praxis angeeignet und ist mittlerweile zertifizierter Baumkontrolleur. „Natürlich habe ich auch ein Pilzbuch mit, wenn ich mal etwas entdecke und nachschlagen muss“, sagt Guier. Auch Kollege Zirr, gelernter Landschaftsbauer, darf sich ganz offiziell Baumkontrolleur nennen.

Zirr und Guier können einschätzen, ob ein Baum eine Gefahr für Anwohner oder Passanten darstellt oder nicht. Dafür müssen sie nicht jeden Baum abklopfen. Nur da, wo sie Gefahr vermuten, schauen sie genauer hin, stochern mit dem Sondierstab und klopfen mit dem Hammer vorsichtig gegen die Baumrinde. Und an Schnittstellen achten sie besonders auf Pilzbefall.

Dass sie einen Baum übersehen, der eine Gefahr darstellt, können sie natürlich nicht vermeiden. Das müssen sie aber auch nicht. „Ziel der Baumkontrolle kann es nicht sein, einen Raum ohne Risiko zu schaffen“, sagt Schulz. „Aber es gilt, das Risiko zu minimieren.“ Und dafür sorgen Guier und Zirr verlässlich.

Wie viele Bäume im Jahr gefällt werden müssen, kann Guier gar nicht sagen. „Das variiert von Jahr zu Jahr, mal sind es viele und mal hat man Glück“, sagt er.

Zirr notiert auf einem Baumkontroll-Protokoll, wenn etwas auffällig ist. Wenn ein Baum beschnitten oder gar gefällt werden muss. Bislang keine Einträge an der Rütscher Straße.

Mittlerweile haben sich die Baumkontrolleure bis ins letzte Drittel der Straße vorgearbeitet. Hier stehen viele Pappeln. „Bei diesen Pappeln müssen wir genau hinschauen. Da bricht bei jedem zweiten Sturm ein Ast raus“, sagt Schulz. Also fahren seine Mitarbeiter nach einem Sturm immer die Rütscher Straße ab. Wenn nichts Besonderes ansteht, kontrollieren sie einen Baum im Schnitt alle neun Monate. „Das bietet sich an, weil sie den Baum dann auch zu unterschiedlichen Jahreszeiten sehen“, sagt Schulz.

Derzeit arbeitet die Stadt an einem Baumkataster. Laut Schulz sind 93.000 Punkte für jeden zu kontrollierenden Baum schon im System, dank einer Luftbildauswertung. In dem Kataster werden zum einen Stammdaten eines Baumes wie Gattung und Art, Stammumfang sowie Straßenbebauung vermerkt. Und zum anderen können Mitarbeiter hier künftig die Zustandsdaten eintragen, also etwa wie vital der Baum ist und wann die nächste Kontrolle anstehen soll. Jungbäume können sie dann in größeren Abständen, etwa alle drei Jahre, kontrollieren, Altbäume mit Schäden dagegen jedes halbe Jahr. Das kann Zeit sparen.

„Jetzt müssen wir noch die Software aussuchen, dann kann es losgehen mit der Arbeit mit dem Baumkataster“, sagt Schulz. Gegen Ende des Jahres, schätzt er, wird es soweit sein. Dann sollen Guier und seine Kollegen nicht mehr nur die schwarzen Schafe unter den Bäumen rausziehen. „Ziel ist es, dass auch vermerkt wird, wenn ein Baum positiv auffällt und gesund ist“, sagt Schulz. Um dann die Kontrollen zu lockern.

Schneiden müssen Guier und Zirr die Bäume übrigens nicht selbst. Wenn ein Baum ein Verkehrsschild verdeckt, oder ein Ausläufer den Weg behindert, werden die Baumpfleger gerufen. 13 Mitarbeiter arbeiten dafür in Schulz’ Team. Und je nach Priorität, die Zirr in seinem Protokoll einträgt, arbeiten sie die Aufträge ab.

Und wenn ein Anwohner sich meldet, dass ein Baum seiner Wohnung zu viel Licht nimmt? Auch da reagieren die Baumpfleger und Baumkontrolleure der Stadt. „Nur wegen Schatten schneiden wir keinen Baum, sondern wenn dadurch ein Schaden an der Fassade entsteht“, sagt Schulz. „Denn schließlich ist eine Beschneidung immer wie eine Amputation für den Baum.“

Gegenüber von Haus Nr. 68

Am Ende der Rütscher Straße drehen Guier und Zirr wieder um. Immer noch keine Auffälligkeiten. Doch auch auf dem Rückweg halten sie die Augen offen. Zirr verschwindet immer wieder mal im Gebüsch. Plötzlich hat er doch noch einen auffälligen Kandidaten gefunden. Eine Robinie ist abgeknickt. Dahinter stehen Häuser. Zirr kommt wieder auf den Weg zurück, schaut zur gegenüberliegenden Häuserzeile und schreibt auf sein Blatt: „gegenüber von Haus Nr. 68“ und als Priorität „hoch“. Dann zückt er einen kleinen Fotoapparat aus einer seiner vielen Hosentaschen und schießt ein Foto von der Robinie.

Was hohe Priorität bedeutet? Am nächsten Morgen um kurz nach sieben Uhr fährt einer der orangefarbenen Wagen der Stadt an der Rütscher Straße vor mit einer Hebebühne. Und um kurz nach halb acht fährt ein zweiter orangefarbener Wagen vor, ausgestattet mit Werkzeug, um die Robine zu zersägen und abzutransportieren.

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