Der Fall Christina F.: Eine Tat, zwei Angeklagte und ein Wunder

Von: Marlon Gego
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Seit dem 22. Oktober stehen Patrick G. ... Foto: Ralf Roeger
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... und Corina Ö. wegen gemeinschaftlichen Mordes an Christina F. vor Gericht. Foto: Ralf Roeger
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Vor dem Tatort, einem Gehöft in Linnich-Hottorf... Foto: Guido Jansen
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... haben die drei Schwestern und die Mutter der Ermordeten eine kleine Gedenkstädte errichtet. Foto: Helmut Schiffer

Titz/Linnich/Düren. Das Urteil im Prozess gegen Patrick G. (32) und Corina Ö. (29) aus Titz-Rödingen wird wohl erst nächstes Jahr gesprochen, doch nach sieben Verhandlungstagen am Aachener Landgericht tritt die Verhandlung in die vielleicht entscheidende Phase ein.

Beide Angeklagten haben eine Aussage gemacht, 23 Zeugen sind gehört, wichtige Beweise sind bereits präsentiert worden. Und noch immer ist nicht klar, wer von beiden Christina F. (27) am Ostermontag in Linnich-Hottorf ermordet hat.

1. Vor der Tat

Zwischen 2002 und 2009 waren Patrick G. und Corina Ö. ein Paar. Beide kennen sich seit der Jugend, in Titz-Rödingen waren sie kaum 500 Meter voneinander entfernt aufgewachsen. Ende 2009 begann Patrick G., zusammen mit seinem Vater ein Haus zu bauen: nach Feierabend, an den Wochenenden. Für Corina Ö. blieb nur noch wenig Zeit. Ende 2009 trennten sie sich in beidseitigem Einvernehmen, zumal auch Patrick G.s Eltern nicht wollten, dass ihr Sohn sich weiter mit Corina Ö. traf. Die Eltern drohten mit Enterbung.

Beide kamen jedoch nicht voneinander los. Jahrelang trafen sie sich heimlich, die wenigen sexuellen Kontakte fanden auf der Rückbank von Patrick G.s Auto statt. Sie gingen spazieren, ins Restaurant oder ins Kino. Eine Beziehung miteinander, sagten beide vor Gericht, wollten sie zu diesem Zeitpunkt aber nicht mehr.

Ende August 2013 lernte Patrick G. auf einer Baustelle in Düren-Echtz, auf der er arbeitete, Christina F. (27) kennen. Bald darauf waren die beiden ein Paar. Christina F. versicherte Patrick G., mit Hilfe einer Hormonspritze zu verhüten. Doch der Leiter der damals ermittelnden Mordkommission, Michael Fritsch-Hörmann, sagte vor Gericht, diese Spritze habe Christina F. sich niemals geben lassen. Sie wurde schwanger.

Die neue Frau in Patrick G.s Leben schien für Corina Ö. zunächst kein größeres Problem zu sein. Erst als Patrick G. ihr am 4. Januar 2014 in einem Möbelhaus in Mönchengladbach eröffnete, Chrstina F. erwarte ein Kind von ihm, wurde sie eifersüchtig. Nach langer Zeit flammte Corina Ö.s sexuelles Interesse an Patrick G. wieder auf, es kam zu mehreren sexuellen Kontakten. Patrick G. erklärte vor Gericht, er habe sich durch das Interesse beider Frauen an ihm geschmeichelt gefühlt.

2. Die Angriffe

Nach dem Treffen im Möbelhaus am 4. Januar gab es eine Reihe von Anschlägen auf Christina F., zumindest aber auf das Leben ihres Kindes. Corina Ö. hatte Schlafmittel und Anästhetika besorgt, die Patrick G. ins Essen von Christina F. mischen sollte oder wollte. Das Ziel war, auf diese Weise einen Schwangerschaftsabbruch herbeizuführen. Gemeinsam kauften sie zum selben Zweck auch giftige Pflanzen.

Beide beschuldigen sich gegenseitig, vom jeweils anderen unter Druck gesetzt worden zu sein: Corina Ö. fühlte sich von Patrick G. unter Druck gesetzt, die Medikamente zu beschaffen. Patrick G. fühlte sich von Corina Ö. unter Druck gesetzt, die Medikamente zu verabreichen. So sagten sie es aus. Patrick G. erklärte vor Gericht, Medikamente und Pflanzen niemals in Christina F.s Essen gemischt zu haben. Der Leiter der Mordkommission aber sagte dem Gericht, die Medikamente seien in einer posthum entnommenen Haarprobe von Christina F. nachgewiesen worden. Und in einer SMS, die Patrick G. an Corina Ö. geschrieben hatte, stand: „Sie hat Glück gehabt, sie hat es heute nicht gegessen.“ Gemeint war eine mit hochgiftigem Eisenhut versetzte Speise.

Zu einem weiteren Angriff kam es am Lucherberger See: Am Abend des 15. Februar waren Patrick G. und Christina F. dort spazieren gegangen. Corina Ö. wartete vermummt in einem Gebüsch, griff Christina F. an und warf sie bäuchlings auf den Boden. Eine anschließende Untersuchung im Krankenhaus ergab, dass weder Christina F. noch ihr Kind ernsthaft verletzt worden waren.

Für den 31. März war der nächste körperliche Angriff an der Rur geplant: Patrick G. forderte Christina F. an diesem Tag auf, dort mit ihm nach einer tags zuvor verlorenen Fernbedienung für eine Garage zu suchen. Nach einem Telefonat mit ihrer Mutter, die nach dem Vorfall vom Lucherberger See ahnte, was ihrer Tochter an der Rur drohte, lehnte Christina F. es ab, dorthin mitzukommen. Die Auswertung der Handydaten ergab, dass Corina Ö. sich an diesem Abend ganz in der Nähe der Stelle befunden hatte, an der Patrick G. mit Christina F. nach der Fernbedienung suchen wollte.

3. Die Tat

Die Staatsanwaltschaft Aachen geht davon aus, dass Patrick G. und Corina Ö. die im siebten Monat schwangere Christina F. am Ostermontag, 21. April, auf einem Hof in Linnich-Hottorf gemeinschaftlich ermordet haben. In der Anklageschrift steht, dass Patrick G. seine Freundin Christina F. mit einer Schaufel erschlagen habe. Corina Ö. habe ihm anschließend geholfen, Spuren am Tatort zu verwischen. Sie soll später die Leiche im Windpark Düren-Echtz an der A 4 abgelegt haben. Patrick G. und Corina Ö. sollen die Tat gemeinsam geplant haben.


4. Die Aussagen der Angeklagten

Patrick G. sagte aus, dass es Corina Ö. gewesen sei, die Christina F. ermordet habe. Corina Ö. erklärte, dass es Patrick G. war. Sie sei von Patrick G. unter Druck gesetzt worden, ihm bei der Beseitigung der Leiche zu helfen. Patrick G. sagte aus, dass Corina Ö. die Tat in einem unbeobachteten Moment begangen habe und er kopf- und willenlos dabei geholfen habe, die Leiche nach Echtz zu bringen.
Unzweifelhaft ist allein, dass beide am Tatort waren.

5. Das Opfer

Christina F. lebte bis zu ihrem Tod in einer kleinen Wohnung in Düren-Echtz, ihren Lebensunterhalt bestritt sie von der Sozialhilfe. Zeugen beschrieben sie als eine liebe, zugewandte Frau, die zur Bewältigung ihres Alltags bisweilen auf die Hilfe von Vertrauten angewiesen war. Ihre SMS an Patrick G., die während des Prozesses verlesen wurden, zeichnen das Bild einer liebenden Frau, die sich nichts mehr wünschte, als mit Patrick G. eine eigene Familie zu gründen.

Sie erkannte durchaus, dass sie in Corina Ö. eine Konkurrentin hatte, sie erkannte auch, dass Patrick G. sich nicht so um sie kümmerte, wie es von einem werdenden Vater zu erwarten gewesen wäre. Christina F. wurde nie Patrick G.s Familie vorgestellt, Patrick G. hatte es auch abgelehnt, Christina F.s Familie kennenzulernen.
Doch Christina F. hielt an ihrem Traum vom Glück fest.

6. Die Motive

Staatsanwältin Stefanie Herweg geht davon aus, dass Corina Ö. auf Christina F. eifersüchtig war, am meisten auf den Umstand, dass sie von Patrick G. ein Kind erwartete. „Das Kind muss weg“, soll sie Patrick G. am 4. Januar in einem Möbelhaus in Mönchengladbach gesagt haben. Corina Ö.s Verteidiger hingegen beharren darauf, dass Patrick G. es war, der sagte: „Das Kind muss weg.“ Er habe seinen mit dem Kind verbundenen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen wollen. Patrick G. gab vor Gericht zu, dass das Kind in der Tat nicht in seine Lebensplanung gepasst habe, er sich aber dennoch auf die Geburt gefreut habe.

7. Die Beweise

Die Beweislage ist ein Problem. Zwar haben beide Angeklagten Geständnisse abgelegt, die sich jedoch in entscheidenden Punkten widersprechen. Dass Patrick G.s Aussage vor Gericht teils widersprüchlich wirkte, macht ihn nicht automatisch zum Schuldigen. Ein DNA-Gutachten vom Tatort ergab, dass sich an einer Schaufel Blut von Christina F. befand. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Christina F. mit dieser Schaufel erschlagen wurde. Auch von Patrick G. fanden sich Spuren an der Schaufel. In dem Gutachten hieß es, dass Patrick G. als Täter nicht ausgeschlossen werden könne. Doch der Leiter der Mordkommission sagte aus: „Wer von beiden Christina F. erschlagen hat, kann ich Ihnen nicht sagen.“

Sollte keinem der Angeklagten nachzuweisen sein, Christina F. erschlagen zu haben, ist denkbar, dass beide freigesprochen werden.

8. Die Zeugen

Patrick G.s Verteidiger, Anton Mülfarth aus Jülich, hat eine Menge sogenannter Leumundszeugen vorladen lassen, die zwar nichts zur Tat, aber über die Persönlichkeit von Patrick G. sagen konnten. Diese Zeugen erklärten einhellig, Patrick G. sei freundlich, witzig, hilfsbereit und fleißig, geradezu ein Arbeitswütiger. „Der nette Junge von nebenan“, wie eine Nachbarin bemerkte.

Für Corina Ö. haben ihre Verteidiger bislang keine solchen Leumundszeugen präsentiert oder präsentieren können. Die Zeugen jedoch, die neben Patrick G. auch Corina Ö. kennengelernt hatten, zeichneten kein besonders positives Bild von ihr: launisch, herrisch, unfreundlich, das war der Eindruck. Ein befreundetes Paar sagte aus, Corina Ö. sei es gewesen, die in der Beziehung mit Patrick G. das Sagen gehabt habe.

Einer von Corina Ö.s Ärzten erklärte vor Gericht, dass im Frühjahr 2014 bei ihr eine paranoide Schizophrenie festgestellt worden sei, eine schwere psychische Störung. Ihre Verteidiger, Björn Hühne aus Jülich und Michael Hakner aus Bonn, deuteten an, Corina Ö. könnte während der Tat nicht schuldfähig gewesen sein.

9. Christina F.s Angehörige

Zwei Schwestern von Christina F. und die gemeinsame Mutter, Katharina F., verfolgen jeden der Prozesstage, schweigend, unaufgeregt, geduldig. Katharina F. wohnt in der Vulkaneifel, zum Aachener Landgericht fährt sie zwei Stunden. Nachmittags, wenn der Prozess bis zum nächsten Verhandlungstag unterbrochen wird, fährt sie wieder zwei Stunden zurück. Als der Vorsitzende Richter, Arno Bormann, sie am vierten Prozesstag im Zeugenstand fragte, wie es sich anfühle, sein Kind auf diese Weise zu verlieren, sagte Katharina F.: „Ich habe Christina neun Monate lang getragen, bevor sie auf die Welt kam. Jetzt ist es, als sei sie mir aus dem Leib gerissen worden.“

Bei Strafprozessen gibt es zwischen den Angehörigen des Opfers und denen des Angeklagten selten Kontakt. Und wenn doch, dann geht es oft nicht freundlich zu. Als hingegen Patrick G.s Schwester während einer Verhandlungspause am vierten Prozesstag zu Katharina F. ging und sich ihr vorstellte, gab Katharina F. ihr die Hand und lächelte sie an. Eine Geste, deren menschliche Größe sich nur schwer in Worte fassen lässt. Umstehenden, die begriffen, wer dort gerade wem die Hand schüttelte, traten Tränen in die Augen. Die beiden unterhielten sich eine Weile.

Patrick G.s Verteidiger, Anton Mülfarth, sprach hinterher von „einem Wunder“.

Der Prozess wird am Freitag um 12 Uhr in Saal A 0.009 des Aachener Landgerichts fortgesetzt.


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