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Der Don Quichotte gegen die Plastikwindmühlen

Von: Verena Müller
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müllkritiker
Jan Bormans hat die Niederlande in Aufruhr versetzt: Nachträgliche Mülltrennung sei besser als Trennung durch den Bürger.

Gulpen-Wittem. Jan Bormans sieht die Niederlande, ach was, eigentlich ganz Europa in Sachen Mülltrennung auf dem Holzweg. Der Beigeordnete der grenznahen 15.000-Seelen-Gemeinde Gulpen-Wittem ist überzeugt, dass es keinen Sinn hat, Müll von den Bürgern trennen zu lassen, sondern dass eine nachträgliche maschinelle Trennung mehr recycelbares Material erbringt, die Kosten reduziert und die Umwelt weniger belastet.

Inzwischen ist das ganze Land in Aufruhr, alle großen Zeitungen und Fernsehstationen haben Bormans interviewt, die Regierung der Provinz und des Königreichs werden mit Anfragen bombardiert. „Ein bisschen stolz bin ich schon”, sagt Bormans und lächelt. Er gefällt sich in der Rolle des Don Quichotte, der gegen - sozusagen - Plastikwindmühlen kämpft.

Bormans ist der Initiator einer Studie, an der 16 limburgische Gemeinden teilgenommen haben, mit dem Ziel, die zwei Trenn-Modelle zu vergleichen. Abfall aus ländlichen und urbanen Gegenden wurde dabei nach dem Zufallsprinzip ausgewählt. Die Ergebnisse lassen sich schnell zusammenfassen: Jährlich fünf Millionen Euro günstiger wäre es für die gesamte Provinz Limburg, würde sie nachträglich und nicht durch den Bürger trennen lassen.

Bürger, die an der Studie teilgenommen haben, sortierten pro Jahr 6,4 Kilogramm Plastik aus dem Hausmüll, die Trennungsmaschine dagegen 19 bis 21 Kilogramm. Hinzu käme, sagt Bormans, dass der Müll bei der nachträglichen Trennung nur einmal abgeholt werden müsse und nicht Unmengen „Luft” durch die Gegend kutschiert würden. Schließlich seien die leeren Verpackungen in der Regel nicht zusammengedrückt. Statt den Müll wie bisher zur Verbrennungsanlage im 300 Kilometer entfernten Drenthe bringen zu lassen, sähe Bormans lieber eine Trennungsanlage in der Region. „Man muss sich auch überlegen, ob es nicht Möglichkeiten auf der deutschen Seite der Grenze gibt”, sagt er, um lange Fahrten zu vermeiden.

Die in der Studie genutzte Anlage steht in Maasbracht und trennt normalerweise gewerblichen Abfall. Mittels Infrarot ermittelt sie unterschiedliche Stoffe, kann auch verschiedene Plastikarten unterscheiden und pustet die Teile vom luftdurchlässigen Förderband. „Weil die Anlage auch Plastikarten trennen kann, ist das für Unternehmen, die das Material weiterverarbeiten, sehr attraktiv”, sagt Bormans, der nebenbei gleich ein paar Unternehmen dazu befragt hat. Er selbst ist erst seit 2002 Beigeordneter, davor hat er als Automatisierungstechniker in der Industrie gearbeitet, 20 Jahre lang in Deutschland.

Die Maasbrachter Anlage hat in der Studie nicht nur getrennt, sondern den Müll auch getrocknet. Ergebnis: 30 Prozent weniger Gewicht. Das verringert wiederum die Transportkosten zur Verbrennungsanlage. „Letztlich kommt das jedem Bürger zugute, denn der zahlt ja die Kosten”, sagt Bormans.

Als im vergangenen Jahr in den Niederlanden das Gesetz zur Mülltrennung verabschiedet wurde, war Jan Bormans erste Reaktion: „Da wurde sehr schlecht nachgedacht.” Denn eine riesige Kampagne für die Trennung durch den Bürger wurde gestartet, „Plastic Hero” heißt sie. Und Subventionen gibt es seit Inkrafttreten des Gesetzes zum Jahresanfang auch nur für die Gemeinden, die sich für dieses Modell entscheiden. 475 Euro pro Tonne erhalten die Gemeinden, zudem werden Transportkosten subventioniert und Informationsmaterial zur Verfügung gestellt. Wenn sich Gemeinden also für die nachträgliche Trennung entscheiden, was ihnen vom Gesetzgeber her frei steht, sind sie im Nachteil. Deshalb will Bormans, dass es eine echte Wahl zwischen den Modellen gibt, dass auch die nachträgliche Trennung finanziell unterstützt wird.

„Es ist von großem Nachteil für die EU, finanziell und für die Umwelt, wenn wir uns nicht rechtzeitig besinnen und uns für die nachträgliche Trennung entscheiden”, sagt Bormans. Auch für Deutschland sei es sicher nicht zu spät. Die bestehende Infrastruktur könne ja weiterhin genutzt und Hunderte Millionen Euro jährlich gespart werden. „Besser spät als nie” ist seine Devise.
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