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Der „Dom“ muss den Baggern weichen

Von: Norbert F. Schuldei
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Die Immerather Pfarrkirche St. Lambertus wird auch „Dom“ genannt. Am 13. Oktober wird dort der letzte Gottesdienst gehalten, die Kirche wird für die Braunkohle dem Erdboden gleich gemacht. Foto: Schuldei

Erkelenz. Vor 122 Jahren, 1891, wurde die heutige Kirche in Erkelenz-Immerath mit den markanten Doppeltürmen eingeweiht. Sie ist die einzige konsequent neoromanische Kirche des Erkelenzer Landes. Am 13. Oktober findet dort der letzte Gottesdienst statt, dann wird die Kirche entweiht.

Danach kommen irgendwann die Braunkohlebagger und machen den „Immerather Dom“, wie das Gotteshaus in Anspielung auf den zweitürmigen Kölner Dom landläufig genannt wird, dem Erdboden gleich. Wie die das baulich hingekriegt haben, das ist für Theo Küppers immer noch ein Rätsel: „Die hatten doch damals noch keine Kräne oder sowas“. Klar dagegen ist für ihn die Finanzierung: „Das waren alles Spendengelder der Landwirte aus dem Verkauf von Speck und Rübenkraut“. Und Theo Küppers muss es eigentlich wissen: Seit 13 Jahren ist der heute 75-Jährige zusammen mit seiner Frau Antonia Küster an St. Lambertus. Die Seele des „Immerather Domes“ sozusagen.

„Nein“, sagt Antonia Küppers, „in ein Loch sind wir noch nicht gefallen. Aber das kommt noch.“ Die Küsterin meint nicht das Loch, das die Bagger reißen, die die unter der Lössschicht der Erkelenzer Börde liegende Braunkohle fressen. Ab 2017 entsteht es genau da, wo jetzt noch über dem Portal das Tympanon in Stein gehauen zu sehen ist, mit Christus als thronendem Weltherrscher, Maria und Johannes, die an seinem Kreuze standen und dem Erzengel Michael, der den Satan bezwingt. Sie meint das Loch, in das sie mit ihrem Mann fallen wird, wenn ihre Arbeit sich erledigt hat.

In Immerath-neu, wie der Umsiedlungsort am Rande von Erkelenz westlich von Kückhoven im Amtsdeutsch heißt, wird es keine Kirche mehr geben. Die Gläubigen werden sich mit einem Versammlungsraum, den man Kapelle nennen kann, begnügen müssen.

Immerhin: Während St. Lambertus durch die Bagger des Braunkohletagebaus dem Erdboden gleich gemacht wird, sollen drei der sechs Glocken – die Lambertusglocke von 1496, die Marienglocke von 1512 und eine Glocke von 1670 – auch in Immerath-neu den Umsiedlern läuten. „Was mit den großen Glocken passiert, weiß man noch nicht“, sagt Antonia Küppers.

Was wird überhaupt aus dem „Mobiliar“ der Kirche? „Das Chorgestühl geht nach Erkelenz, 14 Holzbänke werden wohl in eine Hochzeitskapelle nach Bad Godesberg verkauft, die Muttergottes nehmen wir mit in den Umsiedlungsort“, sagt die Küsterin.

Im Prinzip steht alles zum Verkauf: von den runden Leuchtern im Mittel- und im Seitenschiff bis zur Orgel auf der Empore. Wer also Interesse etwa an einem geschnitzten Beichtstuhl im neugotischen Stil hat oder sich für eine mit rotem Samt bezogene Gebetsbank interessiert, kann sich melden. „Der Kapellenvorstand entscheidet dann darüber, was wohin verkauft wird“, sagt Theo Küppers.

Problematischer ist es mit den Glasfenstern in der Kirche: etwa die Verglasung im südlichen Seitenschiff von Anton Wolff, die einen Engel zeigt, der der Heiligen Barbara die Kommunion bringt. Barbara von Nikomedien wurde der Legende nach vor ihrem Märtyrertod auf wundersame Weise durch die Eucharistie in ihrem Glauben gestärkt. Sie gehört zum Kreis der 14 Nothelfer und ist – Ironie der Geschichte – Schutzpatronin vor allem der Bergleute. „An den Fenstern“, so die Küsterin, „bestehen noch Urheberrechte. Die können nicht so einfach verkauft werden. Für den Hochaltar haben sich schon Interessenten aus Rumänien gemeldet“. Die beiden Nebenaltäre in den Seitenschiffen sind noch zu haben. Die Darstellung König Davids und des Propheten Malachias scheint dagegen über die Bistumsgrenzen hinaus begehrt zu sein.

Apropos Bistum: Die Kirche und RWE Power haben sich am 25. Juni auf eine Entschädigungssumme für die Kirche geeinigt. Das Entschädigungspaket, so ist zu hören, schließt neben dem Sakralgebäude auch zwei Profangebäude ein: das Pfarrhaus und das St.-Josefs-Haus, das frühere Kloster und jetzige Pfarrheim. Aus anderen vom Tagebau betroffenen Gebieten weiß man, dass die Vorstellungen über die Entschädigungshöhe zwischen den Verhandlungspartnern nirgendwo so weit auseinanderliegen wie bei Kirchen. Als Immerath am 1. Juli 2006 Umsiedlungsstatus erhielt, begannen die Verhandlungen, nach sieben Jahren hat man sich also geeinigt.

Obwohl das Schicksal des Doms besiegelt ist, wird noch in das Gotteshaus investiert: „Wir haben an der Seitenfront Bewegungsmelder anbringen lassen“, sagt Antonia Küppers. Der Grund liegt auf der Hand: Mehrfach wurde versucht, in die Kirche einzubrechen. Trotz des Sicherheitsdienstes, der von RWE Power in den Ortschaften angeheuert ist, die bereits ausgesiedelt und mehr oder weniger verlassen sind. 2017 wird auch er seine Arbeit einstellen. Dann rollen die Bagger auf den neoromanischen Tuffsteinbau zu und werden ihn fressen. Vielleicht wird der „Dom“ auch gesprengt. Um mit der Braunkohle aus dem Tagebau den Energiehunger der Industriegesellschaft zu stillen.

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