Der Dipl.-Ing. soll noch einmal Karriere machen

Von: Axel Borrenkott
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Immer begehrt: Viele Ingenieure und Physiker wollen lieber das „Diplom” im Titel haben statt den modernen „Master”. Foto: imago

Aachen. Nicht nur Menschen, auch Themen machen erstaunliche Karrieren. Die Rückkehr des Dipl.-Ing. ist so ein Thema, eigentlich keins von vorrangiger Wichtigkeit. Doch wenn das klappt, wäre es eine kleine Revolution. Genauer: eine Konterrevolution. Denn der Titel Dipl.-Ing. ist per Gesetz in die Archive verbannt.

Und da wollen ihn die Technischen Unis unbedingt wieder rausholen. Den Master mögen sie nämlich nicht so richtig. Erst vor einem guten halben Jahr geboren, schlägt das Thema seine zweite große Welle durch die Medien und schwappt auch schon in manche Ministerstube. Ausgerechnet eine falsche Botschaft sorgt nun für höchste Aufmerksamkeit - und verunsicherte Studenten. Sicher ist aber: Eine Wiederbelebung des traditionellen Diplomstudiengangs wird es nicht geben. Es geht um den Titel.

Für Irritation hatte Anfang vergangener Woche der künftige Präsident der Technischen Universität Dresden gesorgt. Hans Müller-Steinhagen kann sich „parallel” zur zweistufigen Bachelor/Master-Struktur „bundesweit ein durchgängiges Studium mit einem Abschluss und dem Titel Dipl.-Ing. vorstellen”, vertraute der Verfahrenstechniker dem Magazin Focus an. Das verbreitete dann eine Nachrichtenagentur unter der (falschen) Überschrift „Technische Hochschulen führen wieder Diplom ein”. Das Echo war enorm.

Dipl.-Ing. seit 1899

Nun gibt es in der Tat viele Professoren und Rektoren, die am liebsten den ganzen alten Diplomstudiengang wieder aufleben lassen würden. Den deutschen Diplomingenieur gibt es seit 111 Jahren - und die Trauer über seine politische Erledigung sitzt tief. Im Interesse eines „einheitlichen europäischen Bildungsraums” wird aber gerade in ganz Europa das einzügige Diplomstudium - wie alle anderen Studiengänge auch - zum Bachelor/Master-System mit zwei gestuften Abschlüssen umgebaut. Das ist der Kern der „Bologna-Reform” und ihrer vielen Probleme. Der Dipl.-Ing. löst keins davon.

Um zu retten, was sie retten wollen, hatten sich schon mit Beginn der Umstellung auf Bachelor und Master im Jahr 2005 die „neun führenden” Technischen Universitäten zu einem Verband zusammengetan. Zu der TU9 genannten Lobby gehören außer der RWTH Aachen die Technischen Unis von Berlin, Braunschweig, Darmstadt, Hannover, Karlsruhe, Stuttgart, München an - und Dresden.

„Jeden Tag eine Träne”

Diese Top-Hochschulen bekennen sich prinzipiell zur Bologna-Reform und zu den zweistufigen Abschlüssen. Ausdrücklich ist für sie aber das Vollstudium mit drei Jahren Bachelor plus - praktisch übergangsfrei - zwei Jahren Master der Regelfall. Und sie wollen selbst entscheiden, ob sie am Ende eines ingenieurwissenschaftlichen Vollstudiums wieder - statt des Masters - den akademischen Grad Dipl.-Ing. vergeben.

Der deutsche Dipl.-Ing. hat Weltruf, so eine Marke darf man nicht aufgeben, lautet die immer gleiche Begründung der Ingenieure. Derlei kann man zwar weder beweisen noch widerlegen. Doch mit einiger Plausibilität pflegt Ernst Schmachtenberg, Rektor der RWTH Aachen, wie ein Mantra zu wiederholen: „Bei Mercedes käme niemand auf die Idee, diese Marke aufzugeben, obwohl die Modelle vor 20 Jahren völlig andere waren als heute.”

Nur: Jenseits des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der der vormalige Präsident der TU9, Horst Hippler, dem „Dipl.-Ing. jeden Tag eine Träne nachweinen” durfte, interessierten sich nur kopfschüttelnde Alt-Ingenieure und Rektoren für das Thema.

Bis dann zum Jahreswechsel Schmachtenberg neuer Präsident der TU9 wurde und am 6. Januar inmitten einer längeren Presseerklärung diesen Satz platzierte: „Die TU9 wird sich mit aller Kraft dafür einsetzen, den akademischen Grad Dipl.-Ing. als hochwertige Marke zu sichern.” In Interviews stellte der Maschinenbau-Ingenieur klar, was er damit meinte: „Wenn jemand bei uns Bachelor und Master in einer Ingenieurswissenschaft studiert hat, dann hat er genau die Qualifikation, die bisher der Diplomingenieur hatte. Also werde ich ihn auch so nennen wollen.”

Fachhochschulen pro Master

Damit hat Schmachtenberg (58) einerseits nicht ohne Risiko den Erfolg seiner Präsidentschaft an die Erreichung dieses Ziels geknüpft, gleichzeitig aber die Gunst der Stunde genutzt: Der überraschend erfolgreiche Bildungsstreik der Studenten machte die Türen der Politiker für Nachbesserungen von Bologna weit auf. Nur nicht zu jedem Raum.

Daher hat der neue Präsident der Uni Dresden mit seinem Ausscheren aus der gemeinsamen Linie das Thema zwar richtig populär gemacht, der TU9 aber auch einen Bärendienst erwiesen. Das „durchgängige Diplomstudium” fordert die Ingenieur-Lobby ja wohlweislich nicht zurück - obwohl oder gerade weil es praktisch darauf hinausläuft. Das könnte auch kein Minister genehmigen. Derzeit sind allenfalls einige Ländervertreter bereit, den Grad Dipl.-Ing. wieder zuzulassen. Um das zu befördern, verweist die TU9 notorisch auf die Hochschulgesetze von Österreich und Frankreich, die - Bologna hin oder her - den Universitäten freistellen, welchen Titel sie vergeben.

Selbst das Wissenschaftsministerium von Sachsen, dessen Hochschulgesetz als einziges noch das Diplom neben dem Master erlaubt, lehnt eine Rückkehr zum alten Diplomstudiengang ab. Allerdings: Während alle anderen Unis komplett auf Bachelor/Master umgestellt haben, bietet die TU Dresden mit großem Zulauf noch 16 Diplomstudiengänge an und führt jetzt zum Wintersemester sogar einen neuen ein.

Ob in ganz Deutschland die Renaissance des Dipl.-Ing. gelingt, wird man voraussichtlich im Herbst sehen. Da berät die Kultusministerkonferenz. Klar bekannt dazu hat sich bereits der Wissenschaftsminister von Baden-Württemberg, Peter Frankenberg (CDU), auch das SPD-geführte Land Berlin signalisiert Zustimmung. Sympathie bekundet auf einmal auch die Bundesbildungsministerin Annette Schavan, die aber in dieser Ländersache nichts zu sagen hat.

Der Hochschulrektorenkonferenz, jedenfalls in Person ihrer Präsidentin Margret Wintermantel, passt der Sonderweg der Ingenieure gar nicht. Sie will allenfalls eine Äquivalenz-Bescheinigung („Master entspricht Diplom”) zulassen. Ausdrücklich gegen die Wiederzulassung des Dipl.-Ing. sind bisher die Wissenschaftsministerien von Hessen - wie auch die neue Regierung von Nordrhein-Westfalen. Kaum anders als von Ex-Minister Andreas Pinkwart (FDP) heißt es aus dem nunmehr SPD-geführten Wissenschaftsministerium: „Um Rechtsklarheit zu gewährleisten, darf es keine unnötigen Vermengungen zwischen den traditionellen und den neuen Abschlüssen geben.”

Rückenwind bekommen die Techniker mittlerweile von den Physikern. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat sich ausdrücklich dem Begehren der TU9 angeschlossen und fordert den Diplom-Physiker zurück. Die Chemiker und Biologen haben dergleichen aber nicht vor.

Ein lauter Ruf nach dem Dipl.-Ing. aus der Wirtschaft ist auch nicht zu vernehmen. Die Konzerne haben ohnehin weniger Probleme mit den neuen Abschlüssen, während die kleineren Firmen noch etwas unsicher sind, was man mit dem Bachelor und dem Master anfangen kann. Ob also so ein Master wirklich dasselbe kann, was man von einem Dipl.-Ing. blind erwarten durfte.

Dass der deutsche Diplomingenieur wirklich so bekannt und unverzichtbar ist, bestreiten Kritiker heftig: „Der Grad Dipl.-Ing. ist außerhalb Europas, aber auch in vielen Ländern Europas gänzlich unbekannt”, behauptet etwa der Fachbereichstag Bauingenieurswesen der Fachhochschulen. Und der Rektor der FH Aachen, Marcus Baumann, bekundete in dieser Zeitung, er halte die Wiedereinführung des Dipl.-Ing. für „den absolut falschen Weg”.

Kein Wunder. Hinter dem Titelstreit stecken nämlich auch Standesinteressen. Während die akademischen Grade Bachelor und Master bei Universitäten und Fachhochschulen formal gleich sind - was den Unis stinkt, aber die FHs aufwertet -, hätten die Unis das Qualitätssiegel Dipl.-Ing. wieder für sich alleine.

„Titelfrage eigentlich egal”

Verunsichert sind nun die Studenten - die einen mehr, die anderen weniger. Wie viele sich wirklich „das Markenzeichen Diplom zurückwünschen”, wie AStA und Rektor der RWTH gleichlautend behaupten, kann man kaum überprüfen. Bemerkenswerterweise halten selbst Vertreter der Fachschaft Maschinenbau die Titelfrage für „eigentlich egal”. Viel wichtiger sei die Qualität des Studiums. Noch viel zu tun in Bologna.
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