Der älteste US-Abiturient kommt aus Aachen

Von: Friedhelm Ebbecke-Bückendorf
Letzte Aktualisierung:

Lansing/Aachen. „Und hier ist es! 77 Jahre habe ich darauf gewartet!” Fred Voss reckt die Urkunde hoch, zeigt sie allen. Jubelrufe auf dem Sportplatz der Lansing Highschool im Staat New York. Die Schüler, Lehrer und Eltern springen auf und klatschen Beifall. Fred Voss hat gerade sein Highschool-Diplom bekommen.

Er ist 92 Jahre alt - der älteste Bürger der USA, der je dieses Diplom erhalten hat. Fernsehen und Zeitungen berichten. „Jetzt könnte ich auch studieren”, sagt er. „Aber dafür bin ich wohl doch zu alt.”

77 Jahre vor dieser Feier am 22. Juni war Fred (damals Alfred) Voss als 15-Jähriger in seiner Heimatstadt Aachen von der Schule gejagt worden, wie alle jüdischen Kinder. Kein Schulabschluss, weder Mittlere Reife noch Abitur. Schon vor dem Rauswurf im März 1935 war die Zeit an der Knaben-Mittelschule in der Sandkaulstraße eine Tortur.

In seinen 2004 erschienenen Memoiren berichtet Fred Voss von Erlebnissen, die er nie vergessen kann: „Unser Musiklehrer, ein hoch gebildeter Mann, trug auch im Unterricht die Uniform der Nazis. Er fand ein krankhaftes Vergnügen daran, uns jüdische Schüler strammstehen zu lassen, während alle anderen Kinder singen mussten: Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann gehts noch mal so gut.”

1945, nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reichs, kam Voss - er hatte sich nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbour als Kriegsfreiwilliger gemeldet - als Soldat der US-Army zurück nach Aachen. Er lief durch seine zerbombte Heimatstadt, stand vor den Ruinen seines Elternhauses. Und er suchte diesen Musiklehrer, „der mein Leben zu einem Alptraum gemacht hatte”. Aber er hat ihn nicht gefunden. Stattdessen fand er eine alte Frau, eine Nachbarin, die seinen Eltern während der Nazizeit unter Lebensgefahr heimlich Lebensmittel zugesteckt hatte. Jetzt konnte er ihr Lebensmittel-Pakete von Verwandten in den USA bringen.

„Zuallererst waren wir Deutsche. Und zweitens und drittens: Wir waren Deutsche. In unserem Wohnzimmer hingen die Porträts der Preußenkönige, im Esszimmer die Bilder von Bismarck und Hindenburg”. So beginnt das Erinnerungsbuch „Miracles, Milestones & Memories” von Fred Voss. Der Vater Julius Voss war im 1. Weltkrieg Soldat, ebenso dessen Brüder. Dass „ein Ausländer wie der Herr Hitler” erklären konnte, die deutschen Juden seien keine Deutschen, darüber habe man gelacht, erinnerte sich Fred Voss Bruder Ed (Emil Voss), dessen Erinnerungen in das Buch eingeflossen sind, an seine Kindheit in Aachen.

Vater Julius Voss stammte aus Würselen. Er heiratete 1912 die im Haus Markt 4 in Aachen geborene Else Kaufmann. Gemeinsam führte das Ehepaar in der Burtscheider Straße 32, wo Alfred Voss 1920 als zweites Kind geboren wurde, einen Textilhandel. Im Nachbarhaus war eine Bäckerei. „Ich rieche heute noch den Kuchenduft”, schreibt der 92-Jährige. Sein Vater Julius Voss war ein erfolgreicher Geschäftsmann. Aus dem Textilladen wurde ein Großhandel, Personal wurde eingestellt, sogar ein Chauffeur.

Mit Stockschlägen ins KZ

All das endete, nach Jahren der immer größeren Drangsal, in der sogenannten Kristallnacht im November 1938, als die Aachener Synagoge in Flammen aufging und die Läden jüdischer Geschäftsleute zertrümmert und geplündert wurden. Auch im Haus der Familie Voss wurde jedes Stück Porzellan zerschlagen, jedes Möbelstück zertrümmert, jedes Kissen aufgeschlitzt, mit Bajonetten ein wertvolles Gemälde zerfetzt. Julius Voss wurde verhaftet.

Ob er sich noch einen Mantel holen dürfte? „Wo du hinkommst, wirst du nie mehr einen Mantel brauchen!” Er und weitere rund 70 jüdische Bürger aus Aachen wurden in einer Turnhalle an der Oligsbendengasse interniert, nach zwei Tagen ohne Essen und Trinken dann mit Stockschlägen durch Aachen getrieben und in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Nach zehn Wochen wurde er entlassen. Die Familie ließ alle Habe zurück und emigrierte.

Über Verwandte in Brüssel floh die Familie Voss zunächst nach London. Dort lernte Fred Voss seine künftige Frau Ilse Machauf kennen. Sie stammte aus Wien und hatte es geschafft, als Au-pair-Mädchen nach England zu gelangen. Ihr Vater, ihr Bruder und viele weitere Verwandte beider Familien wurden später Opfer der Judenvernichtung. Erst nach dem Krieg, 1946, konnten Fred Voss und Ilse Machauf heiraten. Die Ehe hält noch heute, und „es vergeht kein Tag, an dem wir uns nicht sagen: I love you”.

Manager in der Textilindustrie

In der Nachkriegszeit machte Fred Voss in den USA Karriere als Direktor in einem Unternehmen der Textilindustrie. Die Basis dazu hatte er als Jugendlicher in Aachen gelegt. Nachdem er die Schule hatte verlassen müssen, war er als Lehrling in der jüdischen Tuchfabrik Meyerfeld & Herz untergekommen. Er blieb dort, bis die Fabrik „arisiert”, also zu einem niedrigen Preis an neue, „arisch reinrassige” Eigentümer überschrieben wurde.

1986 ging Voss nach 30 Jahren in der selben Firma in den Ruhestand. Und begann gleich zwei neue Karrieren. Eine als Reiseleiter - es waren glückliche Jahre, sie endeten 2001 mit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York. Und eine ganz private, ehrenamtliche Karriere als Vortragsredner. Er erzählte vom Holocaust und setzte sich gegen Hass und gegen Vorurteile überall in der Welt ein. „Ich habe es zu meiner Mission gemacht, laut und klar gegen allen Hass zu sprechen, so lange ich die Kraft dazu habe.” Ehefrau Ilse war dabei immer an seiner Seite. „Sie hat mich ermutigt, niemals aufzuhören und immer die Wahrheit zu sagen.”

Schon Jahre vorher hatte Fred Voss sich immer wieder für Werte wie Gleichberechtigung, Toleranz und Menschenrechte eingesetzt, auch gegen Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung argumentiert. Er und seine Frau Ilse gehören zu den Gründungsmitgliedern und Förderern des Holocaust Memorials in Washington. Mit einem Besuch dieses Museums begann auch sein Wirken als Vortragsredner. „Vorher”, sagt er, „habe ich nie öffentlich über den Holocaust gesprochen”. Nun hatte ihn ein Mitglied seiner Synagogengemeinde gebeten, bei einer Busfahrt zu dem Museum über sein Leben zu erzählen. Dass ein Reporter mit an Bord war, wusste er nicht. Dessen Bericht kam auf die Titelseite einer Tageszeitung, und das Leben von Fred Voss erhielt eine neue Wendung.

Vorträge über den Holocaust

In den folgenden Jahren sprach Voss in Universitäten und Schulen, in Kirchen, Tempeln und Wohltätigkeitsclubs. Er beantwortete Hunderte Briefe von Kindern und Jugendlichen und erreichte viele tausend meist junge Menschen. Als er 2002 aus Altersgründen nach Ithaka NY zog, wo auch seine Kinder und Enkel leben, begann seine Zusammenarbeit mit der Lansing Highschool.

Lehrerin June Martin würdigte bei der Schulfeier vor wenigen Tagen sein Wirken: Fred Voss habe in den vergangenen zehn Jahren mit seinem Wissen um die Geschichte und mit seinem Einsatz gegen Hass, gegen Vorurteile und für mehr Toleranz und Gerechtigkeit das Leben von Tausenden Schülern bereichert. Er könne Menschen bewegen, sich einzusetzen für eine bessere Zukunft für alle Menschen.

In seiner Dankesrede widmete Fred Voss sein Diplom den anderthalb Millionen Kindern und Jugendlichen, die dem Terror der Nazis zum Opfer gefallen sind, und allen Menschen, denen wie ihm das Recht auf Ausbildung verweigert worden ist: „Die Welt wird niemals wissen, wie viele hervorragende zukünftige Gelehrte dadurch verloren wurden, und wie vielen Kindern es unmöglich gemacht wurde, zum Glück aller Menschen beizutragen und eine bessere Welt für uns und unsere Kindern und Enkel möglich zu machen.”

Ein Buch mit vielen Details über das Leben in Aachen

Die Lebenserinnerungen von Fred Voss sind in englischer Sprache unter dem Titel „Miracles, Milestones & Memories” im Verlag Seavoss Associates Inc. (Ithaka, NY, USA) erschienen. Das Buch, das auch viele Details über das Leben in Aachen und Würselen enthält, ist über Internet-Versender wie Amazon auch in Deutschland erhältlich.

Gemeinsam mit Freunden in Deutschland recherchiert Fred Voss die Geschichte seiner Vorfahren. Sollten sich ältere Leser unserer Zeitung an die Familie Voss erinnern oder gar Bilder haben, zum Beispiel Klassenfotos, ist Stefan Kahlen aus Würselen (E-Mail-Adresse: ccalen@web.de ) für jeden Hinweis sehr dankbar.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert