Aachen - „Depressionen sind nicht das, was Sie denken!“

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„Depressionen sind nicht das, was Sie denken!“

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René Lacroix, ehemaliger Radsportprofi aus Herzogenrath: Er spricht offen über seine gesundheitlichen Probleme nach dem Ende seiner Profikarriere.
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Frank Schneider beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Depressionen im Sport“: Er arbeitet auch eng mit der Robert-Enke-Stiftung zusammen. Foto: CMD

Aachen. Die Flure sind leer. Nur ab und zu wird die herrschende Stille durch vorbeieilende Menschen unterbrochen. Wir warten auf der dritten Etage des Universitätsklinikums Aachen auf unsere Gesprächspartner. Über uns hängt ein Schild von der Decke: „Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ steht in schwarzer Schrift auf weißem Grund.

Wir befinden uns vor dem Büro von Prof. Dr. Dr. Frank Schneider, einem unserer Gesprächspartner. Während wir warten, tritt ein anderer Mann aus der Tür des Sekretariates. Er trägt ein schwarzes Shirt, seine Haare haben die Länge seines Dreitagebartes und gehen nahtlos in diesen über. Als er uns freundlich, aber zurückhaltend begrüßt, ahnen wir, dass es sich bei dem jungen Mann um unseren weiteren Gesprächspartner handelt. Nicht aber können wir an seinem Auftreten erahnen, dass er an einer schweren Erkrankung leidet.

Gerade erst 26 Jahre alt

René Lacroix aus Herzogenrath ist gerade einmal 26 Jahre alt. Bereits im Alter von elf Jahren widmete er sich dem Radsport und im Jahre 2006 gelang ihm der Aufstieg in den Profisport. Das Ende seiner Karriere kam jedoch schneller als gedacht. Ein Jahr später erkrankte er an einer Gürtelrose und kurz danach an Pfeifferschem Drüsenfieber. Sein damaliges Team verlängerte den Vertrag des jungen Profisportlers nach dessen Ausfall nicht. Mit dem Ende der Profikarriere setzte die Depression ein.

 

 

Derzeit befindet er sich bereits zum zweiten mal in stationärer Behandlung im Universitätsklinikum Aachen. Im Moment gehe es ihm gut, erzählt Lacroix uns, allerdings sei er froh, den geschützten Rahmen zu haben, dem ihm das Klinikum biete.

Das Ende seiner Profikarriere bedeutete für ihn den Anfang einer Depression. Er mied große Menschenmengen, wollte nicht mehr auf die Straße. Statt Freude empfand er nur noch Lustlosigkeit und das Bedürfnis nach Schlaf. Er begann damit sich selber zu verletzen, was schließlich in einem Suizidversuch endete. Zu diesem Zeitpunkt stand für den jungen Mann fest, dass ihm weder Familie noch Freunde weiterhelfen konnten. Dies sei dann auch der Auslöser für seine Entscheidung, sich in stationäre Behandlung zu begeben, gewesen.

„Depressionen gehören zu den schwierigsten Krankheiten, sowohl für die Betroffenen, als auch für die Angehörigen“, weiß Frank Schneider. Er erklärt, dass bei einer Depression regelhaft drei Bereiche betroffen sind. Betroffene leiden unter Stimmungsveränderungen, Antriebsstörung und dem Verlust von Interesse. Von einer Depression spreche man jedoch erst, wenn diese Beschwerden mindestens 14 Tage anhalten. Die Schwere der Krankheit lässt sich daran erkennen, dass sie in etwa 15 Prozent aller Fälle zum Tode führt.

„Der Auslöser meiner Erkrankung war die Tatsache, dass ich den Radsport nicht mehr weiter ausüben konnte“, sagt Lacroix offen. Als dann noch familiäre Pro-bleme hinzukamen, habe dies „das Fass zum Überlaufen gebracht“. Die Ursachen einer psychischen Erkrankung seien bei allen Menschen gleich, betont Schneider. „Wir gehen davon aus, dass Menschen eine biologische Verletzlichkeit haben müssen“, erklärt er.

Welche Gene für die genetische Vulnerabilität zuständig sind, wisse man jedoch noch nicht. Die genetische Disposition müsse jedoch noch von sogenannten „Stressoren“ begleitet werden, um eine psychische Erkrankung wirklich auszulösen. Als Stressoren können ein wichtiges Rennen genau so auftreten wie der Verlust des Partners oder die drohende Arbeitslosigkeit.

Existenzängste hatte René Lacroix nicht. Nebenbei hatte er eine Ausbildung bei der Stadt Aachen gemacht und sich somit ein zweites Standbein aufgebaut. Dabei Unterstützung seitens der Sportvereine zu bekommen, sei möglich, jedoch schwierig. Dass eine Ausbildung abseits des Sports den Druck auf einen Sportler reduziert, weiß auch Frank Schneider. „Meistens fangen die Sportler schon in jungen Jahren an sehr intensiv, häufig täglich, zu trainieren“, erklärt er. Öfters werden sie von den Eltern getrennt und leben in Sportinternaten, womit sie ihre engsten Bezugspersonen verlieren. Mit Beginn der Profikarriere ende oft auch die Möglichkeit zur Selbstbestimmung. „Viele junge Spieler werden dann von Managern und Trainern gelenkt“, sagt der Klinikleiter. Zwar stellen Vereine und Verbände auch immer wieder Psychologen, Coaches und Mentaltrainer ein, das psychische Gleichgewicht der Sportler könne jedoch trotzdem nicht immer gewahrt werden.

Der labile Fußballspieler

Wie schwierig dieses Thema ist, weiß auch Lacroix. Der Druck, auch seitens der Trainer und Sponsoren, sei groß. Vor allem dann, wenn man sein eigenes Land vertrete. „Die Öffentlichkeit sieht Spitzensportler als Vorbilder“, sagt er, Schwächen dürfe man nicht zeigen. Eine Aufklärung gegenüber der Öffentlichkeit und den Fans der Sportler hält Prof. Dr. Dr. Schneider für äußerst wichtig. „Wenn ein Fußballspieler, der labil ist, am Wochenende in ein Stadion läuft und dort ausgebuht wird, dann kann dies dazu beitragen, dass sich eine Depression entwickelt“, erläutert er. Jedoch handele es sich auch hier um ein sehr komplexes Thema. Die meisten Sportler werden gerne gelobt, als schlechtester Spieler bezeichnet zu werden, das möchte jedoch keiner. Doch die Berichterstattung sei nun mal der Auftrag der Medien, so Frank Schneider.

Er sieht in dem Interesse der Medien auch eine große Chance. Bezüglich psychischer Krankheiten herrsche eine große Sprachlosigkeit. Dieses Thema werde häufig als unpassend empfunden. „Man fragt niemanden, wann er zuletzt in einer psychiatrischen Klinik war. Die Frage danach, ob man sich schon einmal ein Bein gebrochen hat, nehmen wir hingegen als unproblematisch wahr“, vergleicht Schneider.

Ein Thema, das jeden betrifft

Über den hoch angesehenen und neutralen Sport habe man die Möglichkeit das Thema, über welches man sonst so ungern spricht in die breite Masse zu transportieren. „Es ist zu erkennen, dass die Öffentlichkeit ein Bedürfnis hat über das zu sprechen, was eigentlich sprachlos macht“, erklärt er sich das große Interesse der Bevölkerung an psychisch erkrankten Sportlern. Es handele sich wirklich um ein Thema, welches jeden betrifft. Schließlich erkranken mehr als 40 Prozent aller Menschen in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung, die auch einer Behandlung bedarf.

Medien haben wie auch Verbände und Vereine die Möglichkeit den Menschen nahe zu bringen, dass jeder an einer psychischen Krankheit erkranken kann. Und das ohne dass man selbst oder jemand anders etwas falsch gemacht hat. „Diese Krankheit stellt kein Problem dar, welches man verschweigen muss“, sagt Schneider. Man könne die Krankheit thematisieren, offen damit umgehen, vor allem aber könne man etwas dagegen machen. Es gebe nämlich Fachleute, die sich damit auskennen und jemandem in dieser Situation auch helfen.

Auch Lacroix wünscht sich einen offeneren Umgang der Öffentlichkeit mit psychischen Erkrankungen. Das Wort „Psychiatrie“ sei negativ besetzt und durch Filme bekomme man ein Bild von Menschen in Zwangsjacken, die ihren Kopf gegen die Wand schlagen, vermittelt. „In Wirklichkeit handelt es sich aber um ganz normale Menschen, die sich gerade in einem Tief befinden, und Hilfe benötigen, um es wieder verlassen zu können“, erzählt er. Der junge Mann gibt zu selbst Angst gehabt zu haben, als er sich das erste mal in psychiatrische Behandlung gegeben hat. Jedoch fügt er sofort hinzu, dass diese völlig unbegründet gewesen sei.

Heute geht René Lacroix selber offen mit seiner Erkrankung um. Freunden, Bekannten und anderen Menschen, mit denen er sich darüber unterhält, erklärt er, „dass die Psychiatrie und generell Depressionen ganz normale Erkrankungen sind, mit denen man offen umgehen kann.

Auch in den schwierigsten Phasen seiner Erkrankung schöpft er Kraft aus dem Sport. Allerdings übt er diesen nun in anderer Form aus. Völlig ohne jeden Leistungsdruck hält er sich fit, im Fitnessstudio und an der frischen Luft. René Lacroix hat gelernt, sich auch mit kleinen Fortschritten zufrieden zu geben und hofft, das irgendwann sowohl andere Betroffene, als auch die Öffentlichkeit offen mit Erkrankungen dieser Art umgehen können.

Mit dieser Seite beginnen wir auch in diesem Jahr eine kleine Serie mit Themen, die von Studierenden der FH Aachen im Studiengang Communication and Multimedia Design recherchiert und geschrieben worden sind. Sie haben zusätzlich zur Seite in der Zeitung auch ein Video mit einem kurzen Interview produziert. Die Studierenden nennen ihre Reihe mit Interviews und Reportagen „Sprechstunde“. Das Logo haben sie in den Farben der FH gestaltet.

Erster Gesprächspartner der Studentinnen und Studenten war in diesem Jahr beim Thema „Sport und Depression“ Professor Frank Schneider. Zu dieser Gruppe gehören: Nora Becker, Daniel Crump, Nathalie Derichs, Andreas Falkenberg, Lara Faymonville, Chris Jumpertz, Claudia Pankanin und Simon Ziegler.

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