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Debattierend um die Welt

Von: Mathias Hamann
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Galyway. Noch ist die Publikation von Hitlers „Mein Kampf” in Deutschland verboten. Soll das immer so bleiben? Ja, denn das Buch „ist hochgefährlich und wenn Menschen in Deutschland es lesen, werden sie wieder Nazis”, erklärt ein Student aus Belgrad.

Marc-André Schulz und Anna Heynkes machen sich Notizen, die beiden Studenten aus Aachen müssen gleich erklären, warum Hitlers Propagandaschinken jedermann im normalen Buchhandel zugänglich sein sollte.

Die Gegenrede beginnt

Marc-André Schulz und Anna Heynkes sitzen in der National University in Galway in Irland, hier treffen sich Studenten aus Europa und Israel zur Europäischen Meisterschaft im Hochschuldebattieren. Zum Turnier kommen Studenten aus Oxford, Riga, Moskau und eben auch Aachen, die 400 Wortsportler streiten eine Woche gegeneinander und küren zum Schluss den besten Redner. In der Debatte um die Zukunft von Hitlers „Mein Kampf” müssen die beiden Aachener gegen Redner aus Rotterdam, Tel Aviv und Belgrad bestehen.

Marc-André Schulz darf als erstes mit der Gegenrede beginnen, sieben Minuten hat er Zeit. „Eine offene Debatte ist immer besser als Zensur”, erklärt der 22-Jährige. Würde Hitlers „Mein Kampf” in Deutschland publiziert, würden keineswegs alle zu Nazis. Die Juroren machen sich Notizen.

Debattieren gleicht Ringen, nur mit Argumenten. Die Position wird zugelost - ob Pro oder Contra, also Regierung oder Opposition, kann sich kein Team aussuchen. In jeder Runde geben die Chefjuroren ein Thema vor - in diesem Fall die Fragen, ob Hitlers „Mein Kampf” niemals in Deutschland erscheinen darf. Nach 15 Minuten Vorbereitung treten die Redner abwechselnd gegeneinander an, je sieben Minuten dauert eine Rede, knapp eine Stunde eine Debatte. Am Ende vergibt eine Jury Rangpunkte, wer genug sammelt, kommt in die K.o.-Runden.

Debattiert wird in Englisch, im Format British Parliament Style (BPS). Im BPS sitzen auf jeder Seite zwei Teams, sie müssen jeweils eine Seite - Pro oder Contra - verteidigen, aber auch zeigen, dass sie wichtigere Argumente als ihre Kollegen haben; ähnlich wie in einer Koalition, in der zwei Parteien für dasselbe streiten, aber jeweils den Wähler auch noch von sich überzeugen wollen.

Die beiden Aachener hat das Los auf die Oppositionsbank gesetzt, ob Marc-André Schulz nun persönlich für oder gegen die Publikation von „Mein Kampf” ist, spielt keine Rolle, jetzt muss er überzeugend gegen ein Verbot argumentieren. Nach seiner Rede spricht wieder die Regierungsseite und beschwört noch einmal die Gefahr, die mit einer Publikation von Hitlers „Mein Kampf” einhergeht.

Dann tritt Anna Heynkes ans Pult, die 21-Jährige muss in ihrer Rede neue Inhalte liefern. Sie spricht über den Reiz des Verbotenen; bliebe Hitlers „Mein Kampf” unter Verschluss, hätte der Schinken eine faszinierende Aura, die es noch interessanter macht: „Wird aber die Publikation erlaubt, geht genau dieser Reiz verloren.” Zudem sei es ein Ausdruck von Angst, anstatt von Stärke, wenn ein Diskurs unterdrückt wird. Auf die Aachener folgt ein Team aus Tel Aviv, die noch einmal besonders vor dem Buch warnen.

Nach der Debatte gehen die Redner aus dem Raum und schütteln einander die Hände. Die Jury berät sich, die Teams quatschen vor der Tür miteinander. Dass die beiden Deutschen die Publikation von Hitlers „Mein Kampf” begründen und die Studenten aus Israel dagegen sein mussten, ist gar nicht lange Thema; das Los hätte auch andersrum fallen können. Viel lieber erzählen sie einander, wer sich politisch engagiert.

Nach 20 Minuten öffnet sich die Tür, die Jury bittet zur Urteilsverkündung. Die Aachener werden zweiter in der Runde.
Was ist ihr Ziel hier? „Ein gutes Ergebnis in den Vorrunden”, wünscht sich Marc-André Schulz. „Ich bin noch sehr frisch beim internationalen Debattieren”, sagt Anna Heynkes. Sie studiert Biologie und Englisch auf Lehramt, durch den Wortsport will sie ihre rhetorische Präsenz verbessern.

Schulz sagt, dass ihm zu Beginn des Physikstudiums seine anderen Interessen zu kurz kamen, Reden über Politik und Gesellschaft: „Ich brauche da noch einen Ausgleich.” So kam er zum Debattierclub Aachen. Der ist eigentlich erst seit einem Jahr aktiv, aber jetzt schon bei einer EM dabei: „Wir lernen hier viel, was wir unseren Mitgliedern zu Hause weitergeben können.”

Dann geht es zur nächsten Runde, die Jury hält spannende Themen parat: Soll die Todesstrafe wieder eingeführt werden, sind Hacker-Attacken auf PCs großer Firmen eine legitime Form des Protests und müssen Priester das Beichtgeheimnis brechen und Straftaten melden, die ihnen gebeichtet wurden - so lauten die Themen der weiteren Runden.

Abends laden die Organisatoren die Wortsportler zu Partys. Wer nicht tanzen will, gesellt sich abseits und diskutiert einfach weiter. Die beiden Aachener sitzen zusammen mit einem Debattierfreund aus Amsterdam. Ihr Gespräch gleicht einer Reise um die Welt in Überschallgeschwindigkeit, nur bereisen sie keine Länder sondern Themen. Sie fragen sich, ob theoretische Informatik reale Gefühle abbilden könnte. Marc André Schulz findet ja, seine Mitstreiterin bestreitet das.

Der Student aus Amsterdam, Fachgebiet Psychologie, findet, einzig Liebe sei nicht rational; Anna Heynkes erklärt daraufhin, wie Botenstoffe Menschen mit unterschiedlichen Immunsystemen zusammenführen wollen. Zu den drei gesellt sich Xinghui Yin, sie promoviert in Aachen und ist hier in Galway Teil der Jurorenmannschaft. Sie redet eine Weile mit und fragt dann, ob jemand auch ein Bier möchte. Man lebt ja nicht vom Wort allein.
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