Das Recht auf ein warmes Örtchen

Von: Claudia Schweda
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Im Winter auf ein Dixi-Klo zu gehen, ist eine frostige Angelegenheit: Die IG Bau macht auf den Alltag vieler Bauarbeiter aufmerksam. Die Gewerkschafter hätten das Recht, 18 Grad Lufttemperatur zu verlangen. Ihnen würde etwas mehr als null Grad genügen. Foto: Stock/Spiegl
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Lenkt den Blick auf ein Thema, das sich hinter verschlossenen Türen abspielt: Thomas Krumscheid, Gewerkschaftssekretär der IG Bau Aachen, kennt die Toilettensituation auf dem Bau im Winter. Foto: Schweda

Aachen. Dixi-Klos an Baustellen sind ein gewohntes Bild. Praktisch, günstig, perfekt als mobile Lösung für Bauarbeiter. Es sei denn, es wird kalt. Und derzeit ist es – mit Verlaub – arschkalt. Dieses Wort, das für gewöhnlich nicht in dieser Zeitung zu lesen ist, muss in diesem Zusammenhang erlaubt sein.

Denn in den mobilen Toilettenkisten hat die Kälte Besitz vom Hartplastik ergriffen. Ein eisiger Wind pfeift durch die Ritzen. Baustellenklos würden als Null-Grad-Fach im Kühlschrank perfekte Dienste leisten. Um an diesem Ort die Hosen runterzulassen, muss die Not schon groß sein. „Ich hab‘s mir lieber verkniffen“, sagt Thomas Krumscheid, nach 24 Jahren auf dem Bau heute Gewerkschaftssekretär fürs Bauhauptgewerbe bei der IG Bau im Bezirksverband Aachen. Dabei läuft eigentlich schon der zweite Winter, in dem eine neue Arbeitsstättenverordnung greifen müsste.

Verordnung sieht 18 Grad vor

Seit September 2013 gilt diese Neuregelung, nach der in Sanitärbereichen auf Baustellen eine Lufttemperatur von 18 Grad herrschen muss. Neu ist – neben der vorgeschriebenen Temperatur – der Satz: „Mobile anschlussfreie Toilettenkabinen sollen in der Zeit vom 15.10. bis 30.04. beheizbar sein.“ Paradiesische Zustände im Vergleich zu dem Örtchen, in dem Krumscheid in diesem Moment bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt irgendwo in einem Neubaugebiet in Aachen steht. Dieses Neubaugebiet könnte überall sein, sagt er. Die Situation sei überall gleich – ob in Aachen, Heinsberg oder Düren, ob im Hausbau oder im Straßenbau. „Ein beheiztes Dixi-Klo habe ich noch nirgendwo gesehen.“ Und der Gewerkschafter ist viel unterwegs.

Krumscheid kennt die Vorzeige-Großbaustellen, auf denen separate Toilettencontainer mit Waschgelegenheit und Heizung aufgestellt werden, und er kennt die Tagesbaustellen, auf denen die Bauarbeiter sich ins Gebüsch schlagen oder eine öffentliche Toilette suchen müssen, weil gar keine Toilette für sie da ist. Doch das Gros der Baustellen, sagt er, ist mit Dixi-Klos ausgestattet.

Die Arbeitsschutzkontrolleure der Bezirksregierung haben das Thema WC-Häuschen-Temperatur nicht auf ihrer Agenda. Eine Schwerpunktkontrolle habe es bislang nicht gegeben. Beschwert habe sich auch noch kein Bauarbeiter, heißt es auf Anfrage. Entsprechend sei noch nie das Bußgeld von 600 Euro gegen einen Bauunternehmer wegen eines Verstoßes gegen diese Arbeitsstättenverordnung verhängt worden.

Mit einem Augenzwinkern haben Krumscheid und seine Gewerkschaftskollegen deswegen die Kampagne „Warme Örtchen“ für Bauarbeiter gestartet. Sie fordern nicht ernsthaft 18 Grad. Den Gewerkschaftern geht es darum, auf das Thema aufmerksam zu machen, damit sich am Ende keiner mehr bei Frost bibbernd auf eine eiskalte Brille setzen muss. Dafür genügen auch ein paar Grad weniger. Niemand wolle mit einem Thermometer penibel nachmessen. Aber die technische Entwicklung gebe mehr her. Das Dixi-Klo in seiner primitivsten Variante ohne Wasser zum Händewaschen und mit so dünnen Wänden, dass sie gar nicht beheizt werden könnten, sei vor 30 Jahren erfunden worden. Zum Vergleich: Damals hätten Bauarbeiter bei schlechtem Wetter noch die gelben, wasserdichten Gummijacken, „Ostfriesennerze“, getragen. Inzwischen seien Gore-Tex-Jacken der vorgeschriebene Standard. Und bei mobilen Toiletten sei das im Winter nun eben die dickwandigere und beheizbare Variante.

Diese Variante gibt es. Laut IG Bau kostet ein Standard-Dixi-Klo 100 Euro im Monat, die beheizbare Variante das Doppelte – plus Strom. „In Relation zu den Gesamtbaukosten ist das in der Regel eine verschwindend kleine Summe“, sagt Gerhard Citrich, Leiter der Abteilung Arbeitsschutz im Bundesvorstand der Gewerkschaft. Und einen Generator habe schließlich jeder Bauunternehmer, um das Klo tagsüber zu beheizen, auch wenn noch kein Stromanschluss auf der Baustelle ist.

Die Unternehmer selbst verschließen sich dem Thema nicht. „Wenn die Regel für alle gilt und kontrolliert wird, dann sind alle in der gleichen Ausgangslage, und jeder kann die höheren Kosten an die Auftraggeber weitergeben“, sagt Ralf Philippen, Obermeister der Bauinnung Aachen. Es brauche vielleicht einfach noch ein bisschen Zeit, bis der neue Standard bei allen Firmen und auch bei allen Anbietern angekommen sei. Die Kampagne der Gewerkschaft wird ihren Beitrag leisten. Wichtig ist, was hinten rauskommt. Gerade beim Thema Toiletten.

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