Das muss schon eine große Liebe sein

Von: Marlon Gego
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Fahnenträger während der Hubertusmesse im Dressurstadion.

Aachen. Das Wetter ist irgendwie das Einzige, was sich am Soerser Sonntag nicht entscheiden kann, alle anderen sind weitgehend einer Meinung. Gut, die Hubertusmesse war in den vergangenen Jahren eigentlich noch schöner, mit den vielen Tieren, den Schweinen, den Falken, den Schafen und den Ochsen, aber Pferde, bitte, Pferde sind sowieso ja auch okay und passen gut zu Aachen und dem CHIO.

Also alles wunderbar, alle sind einig, dass man sich den Soerser Sonntag so gefallen lassen kann. Bloß das Wetter mag sich nicht recht zwischen Savannenhitze und nordpolarem Regensturm entscheiden, es ist wie zwischen beiden Extremen verkeilt. Der Himmel grau und tief wie vor starken Gewittern, die Luft ist warm und schwer wie in engen Kellern, in denen der Trockner läuft und läuft. War´s das schon? Das war´s noch nicht!

Das Wetter und der CHIO, über das Verhältnis dieser beiden ist im Laufe der Jahrzehnte vermutlich mehr geschrieben worden als über das Verhältnis von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, aber es muss doch noch mal betont werden, dass sich der CHIO sehr herzlich bei seinem Publikum bedanken kann.

Das Publikum nimmt nämlich das Wetter Jahr für Jahr so hin, wie es eben kommt, ganz wie ein Liebender seinen Partner nimmt, wie er eben ist. Und dass die Beziehung vieler Zuschauer zum CHIO noch deutlich länger dauert als die 50 Jahre lange Beziehung von Sartre und de Beauvoir, lässt erahnen, was für eine große Liebe das ist, die viele Menschen hier zum tollsten Reitturnier der Welt pflegen.

Zu dieser Art von Liebe gehört der Besuch des Soerser Sonntag dazu, von unangenehmem Kreislauf-Wetter lassen sich auch an diesem Sonntag selbst ältere Menschen nicht abhalten. 37.500 sind es wieder, die übers CHIO-Gelände gehen und den Dutzenden von Handwerkern aus der ganzen Region dabei zusehen, wie sie vor der Haupttribüne des Springstadions handwerken.

Ansonsten schauen sich die Menschen an, was sie eigentlich schon 1000 Mal in ihrem Leben gesehen haben. Springstadion, Dressurstadion, Abreiteplatz und Ladenstraße, deren Geschäfte geöffnet sind. Alles wie jedes Jahr. Man darf die Gewohnheit in ihrem besten Sinn als stabilisierenden Faktor einer Beziehung niemals unterschätzen. Auch nicht in der Beziehung von Publikum und CHIO.

Die blecherne Stimme von Volker Raulf klingt ein bisschen wie die von Herbert Zimmermann, der 1954 im Radio die Deutschen zum WM-Sieg über Ungarn moderierte, es ist eine ziemlich typische Reitturnier-Ansager-Stimme. Raulf moderiert das Programm auf dem Abreiteplatz, Hundesport, Shetlandpony-Rennen, Handball auf Pferden, und dann kommt die sogenannte Rassenparade.

Raulf erklärt tausenden von Zuschauern hinter der Ladenstraße enthusiastisch den Unterschied von Kaltblüter und Warmblüter, von Shetlandpony und Brauereipferd. Er erklärt das anhand von mehr als 20 Pferden, die kreuz und quer über den Abreiteplatz geritten werden. Und weil Raulf das mit einer solchen Begeisterung und einer solchen Anschaulichkeit zu erklären weiß, hören die Menschen interessiert selbst theoretischen Abhandlungen des Pferdewesens zu. Auch das ist der CHIO.

Andere Menschen sitzen auf den Tribünen im Springstadion. Einer probiert mal den Platz aus, auf dem früher der Bundespräsident schon mal gesessen hat.

Und? „Na ja, ist halt ein Sessel”, sagt er, lässt sich fotografieren und zieht weiter. Viele sitzen einfach nur irgendwo und schauen auf den Platz. Es hat etwas Verbindendes, wie Junge und Alte gemeinsam auf den gleichen Platz schauen und ihren Erinnerungen oder Vorfreuden nachhängen.

Die Worte der beiden Pfarrer

Vielleicht denkt auch jemand darüber nach, was die beiden Pfarrer Josef Voß und Olaf Popien während der ökumenischen Hubertusmesse im Dressurstadion am Mittag gesagt hatten. Es war kein direkter Beitrag zur sehr aktuellen Dopingdebatte im Reitsport, eher ein sehr subtiler.

„Wir alle müssen zur Hand Gottes werden, um jedes seiner Geschöpfe zu beschützen, besonders die, die uns in Verantwortung gegeben sind.” Da dürften sich die Reiter natürlich auch angesprochen fühlen, „ohne jemandem die Leviten lesen zu wollen”, hatte Voß später noch ergänzt.

So schön ja alles beim CHIO immer ist, es kann nie schaden, ein bisschen über die Dinge im Großen und Ganzen nachzudenken. Gut, dass es dafür die Hubertusmesse gibt.
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