Brühl/Kaatsheuvel - Das Milliardenspiel der großen Freizeitparks

Das Milliardenspiel der großen Freizeitparks

Von: Marlon Gego
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Das Phantasialand will sich ve
Das Phantasialand will sich vergrößern, aber in welche Richtung nur? Links ist die A 553, rechts ein Wohngebiet, oben ein Naturschutzgebiet, das die Kommunalpolitik allenfalls zu einem Teil und gegen strengste Auflagen zur Verfügung stellt. Foto: imago/Dirk Holst

Brühl/Kaatsheuvel. Für einen Freizeitparkdirektor ist Ralf-Richard Kenter ein erstaunlich nüchterner Mensch, er rührt gelassen Zucker in seinen Tee und spricht sachlich über das mögliche Ende des Phantasialandes, während draußen Menschen vor Vergnügen jauchzen.

Die Menschen ahnen nicht einmal, mit welchen Sorgen Kenter sich nun schon seit neun Jahren herumzuplagen hat, müssen sie auch nicht. Draußen, vor dem Fenster, fährt die Gondel der Black Mamba im Minutentakt in den Looping ein, Menschen schreien, viele vor Freude, manche vor Angst, drinnen spricht Kenter über die Zukunft des Freizeitparkwesens und des Phantasialandes. „Wenn wir nicht deutlich mehr Fläche bekommen”, sagt Kenter, „ist der Fortbestand des Phantasialandes ernsthaft gefährdet” - auch wenn er selbst nicht davon ausgeht.

32 Millionen Besucher im Jahr

Allein das Wort „Freizeitpark” klingt ein bisschen nach 80er Jahre und nach Rummel, und ein bisschen ist das auch das Problem der Branche. In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Welt, in der die Freizeitparks Zerstreuung anbieten, so verändert, dass es für einen Freizeitpark nicht mehr reicht, einfach nur ein Freizeitpark zu sein. Nicht nur die Konkurrenz untereinander ist durch regelmäßige Neueröffnungen und wachsende Mobilität der Kunden größer geworden, auch das Freizeitangebot ist 2012 ein erheblich größeres als noch vor 30 Jahren. Ständig brauchen Freizeitparks daher neue Attraktionen und neue Shows, die, um überhaupt noch aufzufallen, immer größer und spektakulärer sein müssen und deswegen immer teurer werden. Deutschlands Branchenführer etwa, der Europa-Park in Rust am Rande des Schwarzwaldes, investierte rund zehn Millionen Euro, um 2012 wieder eine neue Sensation präsentieren zu können, eine gigantische Holzachterbahn. Weitere zehn Millionen gab er für die Infrastruktur des Parks aus. Insgesamt investierte der Europa-Park 2012 gut 60 Millionen Euro.

Um solche Investitionen zu refinanzieren, muss die Freizeitpark-Industrie ständig Ideen entwickeln, wie neue Gäste zu gewinnen sind. Sich allein auf konventionelle Werbung und bunte Auto-Aufkleber wie noch in den 80er Jahren zu verlassen, reicht lange nicht mehr aus. Obwohl die Umsätze der deutschen Freizeitparks die Milliardengrenze längst überschritten haben und allein 2011 mehr als 32 Millionen Besucher in die 71 großen und kleinen Freizeitparks der Republik kamen, gilt es der Branche als unerlässlich, die Zahl der einfachen Tagesgäste konstant zu erhöhen.

Das Phantasialand zum Beispiel wirbt mittlerweile sogar mit „Edutainment” für Schulklassen, einer Wortschöpfung aus den Worten „education” („Bildung”) und „entertainment” („Unterhaltung”). Schulen sollen Unterrichtsinhalte im Phantasialand praktisch nähergebracht bekommen, etwa die Physik anhand von Achterbahnen, Biologie in den Grünanlagen des Parks oder Geschichte in den verschiedenen Themenwelten. „Es gibt kaum ein Unterrichtsfach”, sagt Parkdirektor Kenter, „das sich im Phantasialand nicht veranschaulichen ließe.” Kein Mensch wäre noch vor 20 Jahren auf die Idee gekommen, einen Freizeitpark als Quasi-Bildungseinrichtung zu betrachten oder zu vermarkten, eher im Gegenteil.

Der Hintergrund der „Edutainment”-Bemühungen ist natürlich in allererster Linie der: Aus möglichst vielen Schülern sollen zukünftige Stammgäste werden. Ebenso wie aus Seminar- und Konferenzteilnehmern, die eine neue Zielgruppe der Freizeitparks sind und denen attraktive Rahmenbedingungen etwa für firmeninterne Veranstaltungen versprochen werden. Vormittags Konferenz, nachmittags Achterbahn fahren, abends eine Show. Im Idealfall kommen die Konferenzteilnehmer dann mit ihren Familien schnellstens wieder ins Phantasialand. Die Konkurrenz für die Freizeitparks ist riesig. Fast jede Idee ist recht, um an neue Gäste zu kommen.

Aber die Tagesgäste sind nur ein Teil der Vermarktungsbemühungen. Im Europa-Park gibt jeder Tagesgast im Durschnitt 13 Euro plus 37,50 Euro Eintritt aus, doch das ist bei weitem nicht genug, um Investitionen im Bereich Dutzender Millionen zu refinanzieren. Wollen Freizeitparks auf mittlere Sicht wirtschaftlich bleiben, glaubt auch Ulrich Müller-Oltay, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen, „müssen sie zu richtigen Kurzurlaubsdestinationen werden”, eine eigene, nach außen abgeschlossene Welt. Besucher sollen nicht mehr nur für einen Tag kommen, sondern gleich für mehrere, etwa für ein langes Wochenende. Übernachtet wird in Themen-Hotels, die den Parks angeschlossen sind. Solche Gäste brauchen die Freizeitparks, das ist der Trend. Der Europa-Park hat gleich fünf solcher Hotels mit insgesamt 5700 Betten, das vorerst letzte wird Mitte Juli eröffnet und hat 40 Millionen Euro gekostet. Schon fast jeder Vierte der jährlich 4,5 Millionen Europa-Park-Besucher ist ein solcher Kurzurlaubsgast.

Natürlich, der Europa-Park ist 90 Hektar groß und hat Platz für neue Attraktionen und Hotels. Das Phantasialand verteilt sich auf bloß 28 Hektar, im Jahr kamen in Spitzenzeiten zwei Millionen Besucher, vergangenes Jahr waren es laut einer Branchenstudie 1,75 Millionen. Nur jeder Zehnte ist ein Kurzurlaubsgast. Das reicht im Moment, aber nicht in Zukunft, glaubt die Geschäftsführung.

Seit 2003 kämpft Ralf-Richard Kenter deswegen um die Erweiterung des Phantasialandes. Das Problem dabei ist, dass das Phantasialand umgeben ist von Wald und Wohngebieten. Ins Wohngebiet kann man nicht erweitern, weil die Anwohner schlecht zwangsumsiedelt werden können. Und um Wald für seine Erweiterung zu roden und gleichzeitig den Natur- und Artenschutz zu beachten, muss das Phantasialand gewaltige Auflagen erfüllen. Außerdem muss so eine Erweiterung politisch gewollt sein.

Nach endlosen Diskussionen, einem Moderationsverfahren mit den Erweiterungsgegnern und anderweitigem Hin und Her geht im Moment niemand mehr davon aus, dass das Phantasialand um die gewünschten 30 Hektar nach Westen hin wachsen kann, obwohl lange alles danach aussah, und obwohl die Geschäftsleitung alle Auflagen zu erfüllen bereit ist. Aber der politische Wille ist mittlerweile offenbar ein anderer. Am Mittwoch nun stimmte die Geschäftsleitung einem Ausgleichsvorschlag der Bezirksregierung zu, der eine Erweiterung um 18 Hektar vorsieht. „Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass der Ausgleichsvorschlag der Bezirksregierung einen Spielraum eröffnet, den wir im Interesse des Unternehmens und seiner Mitarbeiter nutzen müssen”, sagte der geschäftsführende Gesellschafter, Robert Löffelhardt. Begeisterung klingt anders. Insgesamt wird das Phantasialand dann 46 Hektar groß sein, nicht einmal halb so groß wie der geografisch gesehen härteste Freizeitpark-Konkurrent: Efteling.

Eine Reise nach Efteling

Die Geschichte Eftelings, in Kaatsheuvel zwischen Eindhoven und Tilburg etwa 150 Kilometer hinter der niederländischen Grenze gelegen, ist eine völlig andere als die des Phantasialandes, das heute im Wesentlichen noch ist, was es bei seiner Gründung 1967 schon war: ein Freizeitpark, ein Vergnügungspark. Efteling begann 1952 als Märchenpark, wurde Ende der 70er, Anfang der 80er aber durch den Bau vieler schneller Attraktionen, vor allem Achterbahnen, auch zum Freizeitpark, um andere Kundenkreise zu erschließen. Später wurde auch der Märchencharakter des Parks ausgebaut. Die primäre Zielgruppe Eftelings sind nach wie vor Familien samt Großeltern, deswegen sind viele der schnellen Attraktionen auch für Kinder zugänglich oder älteren Menschen zuzumuten. Das ist eine bewusste Entscheidung.

Efteling ist eine niederländische Institution, fast jeder Niederländer war schon dort, auch deswegen wird der Märchencharakter des Parks erhalten. Nicht wenige der 4,125 Millionen Gäste im Jahr kommen auch der Nostalgie wegen. Wann immer sich in Efteling etwas verändert, ist es Diskussionsthema im ganzen Land. Und wenn Efteling Attraktionen wie dieses Jahr die 17 Millionen Euro teure Wassershow bekommt oder die Eintrittspreise erhöht, ist das Thema in den Abendnachrichten im Staatsfernsehen.

Efteling hat nur ein Hotel, aber dafür seit 1995 einen Golf-Park und seit 2009 einen Bungalow-Park. Weitere Hotels sollen folgen, sagt Vorstandschef Bart de Boer, auch Efteling wird zunehmend auf Übernachtungsgäste angewiesen sein. Das Problem wird bei noch mehr Jahresgästen zukünftig die staufreie Erreichbarkeit sein. Es gibt keinen direkten Autobahnanschluss, sagt de Boer, auch wenn er beantragt ist. Doch wie das mit Verwaltungsverfahren auch in den Niederlanden so ist, kann es dauern, bis Efteling tatsächlich besser zu erreichen sein wird als im Moment.

Platzprobleme wie das Phantasialand hat Efteling nicht, allein der Märchen- und Freizeitpark verteilt sich auf 95 Hektar, mehr noch als der Europa-Park. Efteling kann noch über Jahrzehnte hinweg wachsen. Die Besucherzahlen steigen, allerdings erheblich langsamer als früher, obschon so viel investiert wird wie nie. De Boer sagt: „Unsere Konkurrenz sind nicht nur andere Freizeitparks, sondern eigentlich alles. Selbst Ausschlafen.” Also alles, was potenzielle Gäste vom Efteling-Besuch abhält. Deswegen ist jede Erweiterung Eftelings so etwas wie eine Argumentationshilfe für potenzielle Besucher.

130 Millionen für neue Ideen

Die Geschäftsführung des Phantasialandes hat lange Zeit gehabt zu überlegen, welche dieser Argumentationshilfen sie sich auf der gewünschte Erweiterungsfläche von 30 Hektar vorstellen kann. Ralf-Richard Kenter spricht von einem Hotel mit Spa und Veranstaltungshalle, in der bis zu 10.000 Menschen Platz hätten. Darin könnten zum einen große Konferenzen, zum anderen aber auch mittelgroße Konzerte stattfinden. Hallen in der Größenordnung für 3000 bis 6000 Besucher gibt es in der ganzen Umgebung nicht. Es gäbe weitere Fahrgeschäfte, Shows, ein „Edutainment”-Center, ein großes Spaßbad, eine neue Hauptstraße für Paraden, wie man sie aus dem Disneyland kennt, insgesamt, sagt Kenter, sollten 130 Millionen Euro investiert werden. 600 000 zusätzliche Kurzurlaubsgäste verspricht er sich davon, 1200 zusätzliche Arbeitsplätze im Phantasialand und mindestens 2000 in der Region um Brühl.

Eigentlich sah alles danach aus, dass es genau so kommen würde. Doch dann haben der Regionalrat und die Kölner Bezirksregierung den Umweltschutz Anfang Juni plötzlich doch über wirtschaftliche Interessen gestellt, so sieht es im Moment aus. Kenter blieb äußerlich gelassen und in Interviews nüchtern, als er von der neuen Entwicklung erfuhr. Aber innerhalb der Phantasialand-Belegschaft gab es auch ganz andere Reaktionen.

Was das Kenter nun mit den 18 zusätzlichen Hektar anfangen wird, die Bezirksregierung und Regionalrat ihm Ende des Jahres aller Voraussicht nach zugestehen werden, steht noch nicht fest. Kenter sagt, die Überlegungen würden nun von Neuem beginnen. Bis Herbst will er der Bezirksregierung konkrete Pläne vorstellen. Bis die anschließenden Veränderungen dann nach Gebietserschließung und Bauarbeiten für die Gäste tatsächlich auch sichtbar werden, können allerdings noch Jahre vergehen.

Der schönste Ort im Park

Kenter, 42, hat in den 80ern schon als Schüler im Phantasialand ausgeholfen, am liebsten als Gärtner. Nach dem Ingenieurs-Studium holte ihn der Gründer Anfang der 90er zurück ins Unternehmen, seitdem hat er so ziemlich alles mal gemacht. Jetzt ist er eben Parkdirektor und Erweiterungsbeauftragter. Fragt man Kenter nach seinem Lieblingsort im Phantasialand, dann gibt er zu, erst mal überlegen zu müssen. Am Ende will ihm nichts einfallen als der Garten des 2003 eröffneten Themen-Hotels Ling Bao. Kenter lacht verlegen, während draußen, vor dem Fenster, die Gondel der Black Mamba einmal mehr in den Looping einfährt und die Menschen vor Freude jubeln.

Vielleicht ist es gar keine schlechte Idee gewesen, einen so nüchternen Menschen wie Kenter mit dem Projekt Erweiterung zu betrauen. Auch die kleinste Erweiterung, glauben Verwaltungsfachleute, sei in der schwierigen Lage des Phantasialandes ein großer Erfolg. Die größten Freizeitparks
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