Das Gedächtnis Kölns „ist nicht tot”

Von: Christoph Driessen, dpa
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Köln / Stadtarchiv / Einsturz
In der Grube an der Einsturzstelle des Kölner Stadtarchivs arbeiten Statiker und Ingenieure. Foto: dpa

Köln. Nun habe die Stadt Köln ihr Gedächtnis verloren, hieß es vor einem halben Jahr nach dem Einsturz des Stadtarchivs. Doch am Donnerstag verkündete Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia: „Das Gedächtnis Kölns ist nicht tot, es ist teilweise komatös, teilweise schon in der Rekonvaleszenz.”

85 Prozent der Bestände sind geborgen, aber praktisch jedes Stück muss restauriert werden. Wie lange wird das dauern? „Tja”, sagt die Restauratorin Nadine Thiel. „Ich möchte versuchen, bevor ich in Rente gehe, das letzte Stück restauriert zu haben.” Sie ist 28 Jahre alt.

Thiel hat den Einsturz am 3. März miterlebt - sie konnte sich retten, ebenso wie alle anderen Archivmitarbeiter. Zwei Anwohner dagegen wurden unter den Trümmern begraben. Thiel erinnert sich: „Ich dachte damals: Das Archiv gibt es nicht mehr, da holen wir nicht ein Stück mehr raus.” Zum Glück irrte sie sich. Inzwischen sind 85 Prozent der Bestände geborgen. Davon weisen nach Schätzungen 35 Prozent schwerste Schäden auf, 50 Prozent schwere und mittlere Schäden und 15 Prozent leichte.

Die restlichen 15 Prozent des Gesamtbestands liegen noch tief in der Trümmergrube im Grundwasser, darunter vermutlich auch das Privatarchiv Heinrich Bölls. Zehn Prozent davon werden wohl noch geborgen werden können, fünf Prozent müssen als verloren gelten. Ob darunter auch besonders wertvolle Stücke sind, lässt sich nicht sagen - denn alle Stockwerke des Archivbaus mit den Handschriften, Urkunden, Testamenten und Ratsprotokollen aus tausend Jahren schriftlich fixierter Stadtgeschichte sind bei dem Einsturz durcheinandergewirbelt.

Nach dem Einsturz haben die Helfer die geborgenen Dokumente hastig in Containern verstaut und auf 20 Asylarchive verteilt. „Wir werden frühestens in drei Jahren einen Überblick darüber gewinnen können, was genau ist noch da und in welchem Zustand”, sagt der Kölner Kulturdezernent Georg Quander. Für die Restaurierung bräuchte man 30 Jahre lang 200 Restauratoren. Das Archiv selbst hatte fünf! Die Gesamtkosten schätzt Quander auf 350 Millionen Euro.

Für die restaurierten Bestände will Köln bis spätestens 2015 auch noch das sicherste und modernste Kommunalarchiv Europas bauen - geschätzte Kosten: noch einmal um die 100 Millionen. „Eine gigantische Aufgabe”, sagt Quander. Deshalb soll nun endlich eine Stiftung gegründet werden, in die nicht nur die Stadt Köln und private Spender einzahlen sollen, sondern vor allem auch das Land Nordrhein-Westfalen und der Bund. Einen Teil der Kosten werden vielleicht irgendwann auch mal diejenigen übernehmen müssen, die für den Einsturz verantwortlich waren. Doch die Ermittlungen dazu dauern. Als sicher gilt, dass der Einsturz mit dem Ausbau der U-Bahn zu tun hatte.

Die unendliche Kleinarbeit der Restaurierung hat unterdessen begonnen, die ersten Stücke sind fertig. Nadine Thiel öffnet einen weißen Pappkarton und zeigt ein filigran beschriftetes Pergament von 1256. Es ist ein Friedensvertrag zwischen Erzbischof Konrad von Hochstaden - dem Grundsteinleger des Kölner Doms - und dem Bischof von Paderborn. Kein Knick, kein Riss ist zu sehen, und untendran hängen wie Teppichfransen die Siegel der Kirchenfürsten. Thiel lächelt. „Als ich das jetzt gesehen habe - das war für mich der schönste Moment des letzten halbes Jahres.”
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