Köln - Das „Friedhofsmobil” fährt Senioren an die Gräber ihrer Angehörigen

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Das „Friedhofsmobil” fährt Senioren an die Gräber ihrer Angehörigen

Von: Axel Keldenich
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Mit dem „Friedhofsmobil” holt Godehard Bettels Waltraud Bischoff zu Hause ab, bringt sie bis zum Grab ihrs Mannes auf dem Kölner Südfriedhof und begleitet sie auch wieder nach Hause. Foto: Keldenich

Köln. Ganz langsam rollt der weiße Renault über die verschneiten Wege des Kölner Südfriedhofs. Am Steuer sitzt Godehard Bettels. Und neben ihm Waltraud Bischoff. Die 84 Jahre alte Dame wohnt gute vier Kilometer entfernt vom Friedhof. Seit ihr Mann vor über zehn Jahren starb, besucht und pflegt sie sein Grab regelmäßig.

Anfangs kam sie zu Fuß, aber bepackt mit Gießkanne, Gartenschaufel und Harke geht das längst nicht mehr. Da war es für sie ein echter Glücksfall, als sie vom „Kölner Friedhofsmobil” hörte, das die Fahrgäste kostenlos zu den Friedhöfen und zurück fährt. Und das dank einer Sondergenehmigung sogar bis an jedes Grab.

Lob von allen Seiten

Die Einrichtung der Genossenschaft Kölner Friedhofsgärtner hat seit ihrer Premiere im Jahr 2002 nur Lob erhalten. Und zwar sowohl von den Fahrgästen als auch von Politikern und Verbänden. Dabei ist die Idee, auf die der Geschäftsführer der Genossenschaft, Josef Terfrüchte, ein Jahr vorher gekommen war, im Grunde simpel.

Im Alltag seiner Branche erfuhr er immer wieder von älteren Leuten, die von ihrer körperlichen Statur her nicht mehr die Möglichkeit haben, ohne Hilfe zu den Gräbern ihrer Verwandten zu kommen. Ihnen wollte er einen kostenlosen Transport bieten. Obwohl er von Anfang an von seiner Idee überzeugt war, ist er heute selber noch oft überrascht, wie positiv sich dieser Gedanke in der praktischen Umsetzung bis heute entwickelt hat. Aber wie bei allen guten Ideen stand auch hier viel Vorarbeit an, ehe sie praktisch umgesetzt werden konnte.

Zunächst wurde der Verein Seniorenservice gegründet, dem alle Mitglieder der Genossenschaft der Kölner Friedhofsgärtner mit einem ahresbeitrag von 100 Euro beitraten. Das reichte aber bei weitem nicht, um die beiden notwendigsten Schritte zu finanzieren: Ein passendes Auto musste her und ein Fahrer eingestellt und bezahlt werden. So wirbt Terfrüchte bis heute um Spenden, die bisher ausreichend fließen. Nach intensivem Studium der verschiedenen Modelle war dann das Auto gefunden, und auch die vielen kleinen, aber nervigen behördlichen Hürden wurden überwunden.

Eine Entscheidung war derweil längst gefallen. Unter 40 Bewerbern für den Fahrer fiel die Wahl auf Godehart Bettels, der auch tatsächlich rund vier Monate wartete, um dann endlich die Stelle antreten zu können, die er bis heute inne hat. Für seine Fahrgäste ist er inzwischen ein vertrauter Helfer, dessen Einsatz oft genug weit über die dienstlichen Pflichten hinausgeht.

Da werden auf der Anfahrt oder auf dem Heimweg auch schon einmal Besorgungen gemacht, Arzttermine wahrgenommen, Medikamente in der Apotheke geholt. Sogar bei Umzügen ins Altenheim hat er schon assistiert. Von Terfrüchte hat Bettels die generelle Einwilligung, für solche Umwege im Dienste der Klienten auch das Friedhofsmobil einzusetzen.

Die Termine für die Friedhofsbesuche werden telefonisch abgestimmt, wobei auch der Anruf für die älteren Leute kostenlos ist. Godehard Bettels kennt sich inzwischen in der Millionenstadt Köln bestens aus. Vor allem dürfte es niemanden geben, der die 59 verschiedenen Kölner Friedhöfe besser kennt als er. Immerhin muss er nicht nur dorthin, sondern auch noch den Weg bis an jedes Grab finden.

Dort angekommen steigt sein Fahrgast entweder aus und beginnt mit der Grabpflege oder er bittet Bettels um Hilfe. Manchmal geht es dabei nur um ein paar Handgriffe, manche können aber auch selbst gar nicht Hand anlegen und wollen nur ein stilles Gedenken am Grab halten. Derweil entsorgt Bettels Verblühtes, pflanzt Blumen oder setzt Schalen ab und platziert Grablichter. „Wir bieten unseren Fahrgästen nicht nur den Transport, sondern holen manchen auf diesem Wege auch aus der Einsamkeit”, sagt er. Kein Wunder, dass das Friedhofsmobil ständig ausgebucht ist und rund 40.000 Kilometer pro Jahr absolviert.

Josef Terfrüchte erläutert bildhaft: „Herr Bettels umrundet praktisch jedes Jahr einmal die Erde und ist dabei Taxifahrer, Helfer, Psychologe und Mutmacher.” Wie Bettels hilft Terfrüchte selbst auch an anderer Stelle. So fanden schon öfter nach Dienstschluss Notar-Termine der älteren Kunden in seinem Büro statt.

Er weiß auch, dass 92,9 Prozent der Klienten Frauen sind, die wiederum im Durchschnitt 82,9 Jahre alt sind. „Für diese Menschen ist oft das Grab ihrer Angehörigen der Mittelpunkt des Lebens. Und deshalb helfen wir ihnen gerne, dorthin zu kommen.”
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