Das Fleischermesser immer in der Aktentasche

Von: Stephan Mohne
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Musste sich gleich zu Prozessa
Musste sich gleich zu Prozessauftakt heftig beleidigen lassen: Vorsitzender Richter Gerd Nohl. Foto: Meyer

Aachen. Hans-Peter K. hat eine Tasche dabei. Gefüllt ist sie mit Schriftsätzen, Akten, Protokollen - vermeintliche Beweise für Verschwörungen gegen seine Person. Aachener Richter, Staatsanwälte, Finanzbehörden - sie alle gehören in seinen Augen einer Art Mafia an, einer „kriminellen Vereinigung”, wie er seinen Anwalt Andreas Fleuster verlesen lässt.

Ein Wort der Entschuldigung oder des Mitleids für sein Opfer hat Hans-Peter K. jedoch nicht mit in den Gerichtssaal gebracht.

Es geht an diesem Mittwochmorgen vor der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Gerd Nohl - dem K. als mutmaßlichem Mitglied jener kriminellen Vereinigung Befangenheit vorwirft - um die Aufarbeitung einer blutigen Tragödie. Der heute 44 Jahre alte K. hatte am 2. November 2009 in einer Aachener Rechtsanwaltskanzlei eine 34-jährige Angstellte mit, so Staatsanwalt Albert Balke, mindestens zehn Messerstichen lebensgefährlich getroffen. Und das alles nur, weil K. ein Termin bei seinem Anwalt abgesagt worden war.

Gleichzeitig geht es auch um eine Attacke auf seine Tante mit einem Jagdmesser im Jahr 2005. Dieser Fall hätte als gefährliche Körperverletzung schon damals vor Gericht gehört. Doch die Ermittlungsakte ging der Polizei verloren, wie sich durch Vorwürfe von Angehörigen des Täters und Recherchen unserer Zeitung herausstellte. So schwebt über dem Saal 20 des Landgerichts auch die Frage: Hätte die Tat von 2009 verhindert werden können, wenn es nach der Attacke 2005 einen Prozess gegeben hätte?

Nach allem, was man binnen der ersten Stunden insbesondere vom Beschuldigten selbst zu hören bekommt, drängt sich diese Frage umso mehr auf. In einer mehr als 20 Minuten dauernden Rede skizziert der Alsdorfer, warum und wann Aachener Behörden in Verfahren, die meist er selbst gegen Banken und andere Dienstleister anstrengte, Straftaten wie Rechtsbeugung begangen hätten. Ärzten in psychiatrischen Kliniken, in denen er bereits mehrfach untergebracht war, wirft er Körperverletzung und Freiheitsberaubung und seinem früheren Arbeitgeber organisierten Steuerbetrug vor.

Weil er sich derart drangsaliert fühlt, drehte er nach Absage des Termins in der Kanzlei durch und ging auf die wehrlose Angestellte los. Das so bekundet er, sei „Notwehr” gewesen. Die Tatwaffe, ein 20 Zentimeter langes Fleischermesser, habe er immer in seiner Aktentasche gehabt.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass K. die beiden Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen hat, weil er unter „paranoider Schizophrenie” leide. Weil er eine Gefahr darstelle, solle er dauerhaft in die Psychiatrie. Sowohl die Krankheit wie auch die Gefährlichkeit, so hatten die Angehörigen kurz nach der Tat 2009 bereits gesagt, seien längst bekannt gewesen.

Da ist sie wieder die Frage, ob hier ohne die schwere Panne um den Verlust der Akte aus 2005 Schlimmeres hätte verhindert werden können. Besagter Verfolgungswahn, so ist nach den neuesten Einlassungen des 44-Jährigen zu vermuten, wäre wohl auch bei einem früheren Verfahren offen zutage getreten.

Dass die 34-jährige Angestellte schließlich zum Opfer wurde, stellt K. denn auch eher als Zufall dar. Ein Wort habe das andere gegeben, da habe er eben so gehandelt. Es sei letztlich nur eine Frage der Zeit gewesen, „es hätte auch schon früher geschehen können”. Das Opfer selbst wird wohl nicht aussagen. K. lehnt es ab, sie und ihren Arbeitgeber von der Schweigepflicht zu entbinden. Da es hier um Vorgänge in einer Anwaltskanzlei geht, wäre dies die Voraussetzung.

K. sitzt derzeit in der Psychiatrie in Essen. In den Zeugenstand treten an diesem ersten Tag unter anderem Verwandte - darunter seine in Tränen aufgelöste Mutter, die von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht. K. würdigt sie keines Blickes. Der Prozess wird am 3. Mai fortgesetzt.

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