Cro: Der zweite Streich vom netten Pandabären

Von: Amien Idries
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Der Weg geht nach oben: Auch das zweite Studioalbum von Cro enthält den einen oder anderen Sommerhit. Die erste Single „Traum“ ist schon mal ein würdiger „Easy“-Nachfolger. Foto: dpa

Region. Die Demaskierung von Cro schlägt fehl. Damit ist nicht die Pandamaske gemeint, die zum süßen und mysteriösen Markenzeichen des neuen Megasellers im deutschen Hip-Hop geworden ist. Die trägt er beim Interview gar nicht – zumindest solange der Journalist die Kamera in der Tasche lässt.

Nein, es geht um die Maske der Freundlichkeit, der Entspanntheit und der Nettheit, die sich der Schwabe mit dem Hit „Easy“ aus der Sicht mancher Cro-Kritiker imagewirksam aufsetzt.

Es ist der Beginn eines dreitägigen Interviewmarathons, zu dem Cro mit dem Chef seiner Plattenfirma Chimperator nach Köln gereist ist. Er hat wegen eines Videodrehs nicht geschlafen und empfängt im Halbstundentakt in der Suite eines Fünf-Sterne-Hotels, die bereits ein wenig nach Internet-Nerd-Hauptquartier aussieht: Essens-Häppchen, Laptops und eine teure Kamera, die während des Aufladens auf dem Fußboden liegt. Cro ist sichtbar müde und ein wenig fahrig, weil er unbedingt noch vor Ladenschluss ein bestimmtes Kamera-Objektiv in Kölns gut sortiertem Einzelhandel kaufen will. Gute Gründe also, um Star-Allüren raushängen zu lassen. Doch nichts dergleichen passiert.

Der Pandamasken-Mann ist im Rahmen seiner Müdigkeit fokussiert, freundlich und zugewandt. Nett eben.

Anlass des Gesprächs ist „Melodie“, Cros zweites Studioalbum, das am Freitag erscheint und das der Urheber als „nächsten logischen Schritt“ in seiner Karriere bezeichnet. „Ich will nicht sagen, dass es reifer ist, aber es geht halt nicht mehr nur um Sommer, Freibad und Strandtuch“, sagt Cro, der im bürgerlichen Leben Carlos Waibel heißt.

Tatsächlich kommt „Melodie“ erwachsener daher als das Debüt „Raop“ aus dem Jahr 2012, das inzwischen mehr als 500 000 Mal verkauft wurde. Das liegt vor allem daran, dass es im Leben des Um-die-20-Jährigen, der um sein genaues Alter ein ebenso großes Geheimnis wie um sein Gesicht macht, in den vergangenen zwei Jahren einiges zu verarbeiten gab. Was passiert ist, seit das im November 2011 hochgeladene Youtube-Video zu „Easy“ für Deutschlands ersten netzbasierten Hip-Hop-Star sorgte, bezeichnet Cro als „Megaschnelldurchlauf“. Millionen von Clicks innerhalb kürzester Zeit, hohe Mixtape-Download-Zahlen, plötzlicher Teenieschwarm mit extremem Kreischfaktor und schließlich der Ritterschlag durch Jan Delay, der die „Zukunft des Deutschraps“ (Delay) mit auf Tour nahm.

Selbstreflexion will Cro es nicht nennen, aber wenn er „Egal was passiert, ich greif nach Papier und schreibe_SSRq mir mein Leben ins Gedächtnis“ („Erinnerung“) rappt, klingt es fast so, als blicke er bereits mit einer gewissen Wehmut auf sein Leben im Schnelldurchlauf.

Dazu gehört auch der Neid eines Teils der Rapszene, für den Cro zu seicht, zu gehaltlos, eben zu nett ist. Mit „Melodie“ wird er diese Kritiker wohl kaum besänftigten, aber er reagiert auf sie im Opener „I Can Feel It“ mit der Gelassenheit desjenigen mit den deutlich besseren Verkaufszahlen: „Ich weiß, Du bist wütend, denn Du rappst schon viel länger als ich. Ich weiß, es ist unfair, denn Du ziehst die Silben schneller als ich.“

Druck des zweiten Albums

Doch keine Angst, „Melodie“ ist kein abgeklärtes Alterswerk, sondern dürfte die angestammten Fans alles andere als enttäuschen. Er habe zwar ab und zu den berühmten Druck des zweiten Albums gespürt, sagt Cro. Aber im Prinzip sei alles wie beim ersten Album gewesen. Er und sein Laptop: Beats und Samples ausprobieren, Textideen entwickeln, verwerfen, neu entwickeln. Ganz organisch. „Ich habe nichts verändert, nicht versucht mich besonders anzustrengen. Anstrengung passt nicht zu meiner Musik“, sagt Cro.

Angestrengt klingt „Melodie“ beileibe nicht. Das liegt zum einen an Cros zurückgelehnter Art zu rappen, zum anderen an seiner Fähigkeit, Samples zu verwenden, die man irgendwann schon mal gehört zu haben glaubt. So wie bei „Nett Flenders“, für das The Jackson Five Pate gestanden haben, oder bei „Cop Love“, bei dem eine Querflöte entspannte Easy-Listening-Akzente setzt.

Keine Lust auf große Plattenfirma

„Ich bin ein krasser Michael-Jackson-Fan“, sagt Cro, der im elterlichen Haushalt alles an Musik aufgesogen hat, was er kriegen konnte. Beatles, Sam Cooke, Jimi Hendrix über die Eltern und US-Hip-Hop über seinen älteren Bruder: Warren G, Eminem, Dr. Dre, das Übliche halt. Cro, der Klavier und Gitarre spielt, bewegt sich auf „Melodie“ zielsicher durch die Musikgeschichte und bedient sich so, wie er es gerade braucht. Verpasst dem Uptempo-Stück „Jetzt“ ein Rockschlagzeug oder motzt „Wir waren hier“ mit einem schmissigen Independent-Gitarrenriff auf, das ein wenig nach The Cure klingt.

Apropos independent. Cro schreibt Unabhängigkeit ganz groß. Sein Album „Melodie“ erscheint wieder bei dem vergleichsweise kleinen Label Chimperator. An Angeboten von großen Plattenfirmen hat es definitiv nicht gemangelt, aber „ein Major ist heutzutage einfach nicht mehr notwendig. Du brauchst nur Ideen, ein Laptop und ein paar Kontakte“, sagt Cro.

Mehr als zwei Millionen Kontakte hat er mittlerweile über Facebook, die er mit seinem Team regelmäßig über Neuigkeiten informiert. Wer einen solch direkten Draht zu seinen meist ziemlich jungen Fans hat, benötigt keine Major-Plattenfirmen oder Starschnitte in Teeniemagazinen.

Auch dieser direkten Fanbindung ist es wohl zu verdanken, dass die erste Single „Traum“ direkt auf Platz eins stürmte und den besten digitalen Single-Start seit drei Jahren hinlegte. Das gibt einen Vorgeschmack auf den zu erwartenden Erfolg des Albums. Auf die Frage, ob es ihn stört, dass seine Fans so jung sind, reagiert Cro mit Unverständnis: „Das ist doch gut. Die leben länger.“ Wie gesagt, er ist nett. Doof ist er nicht.

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