Christiane Haerlin: Die Frau, die den Archiveinsturz überlebte

Von: Tobias Röber
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Ein Blick zurück: Die 67-jährige Christiane Haerlin hat am 3. März 2009 in letzter Sekunde das einstürzende Kölner Stadtarchiv verlassen. Bei dem Einsturz des Archivs und zweier benachbarter Wohnhäuser waren zwei Menschen getötet und zahlreiche historische Dokumente verschüttet und beschädigt worden. Foto: Tobias Röber

Köln. Dass ihr Leben in großer Gefahr ist, weiß Christiane Haerlin an diesem Mittag des 3. März 2009 nicht. Gebannt blickt sie auf den Bildschirm ihres Laptops. Sie speichert schnell die letzten Änderungen an ihrem Buch auf einem USB-Stick und will dann endlich in die Mittagspause.

Plötzlich rennt ein Bauarbeiter mit großen Schritten über das Glasdach des Historischen Stadtarchivs in Köln. Trotzdem arbeitet sie ruhig weiter. Ganz in Gedanken versunken. Selbst ein lauter Knall lässt sie lediglich kurz aufhorchen. Zwei Minuten später liegt das siebengeschossige Stadtarchiv in Trümmern - und mit ihm die ganze Arbeit Haerlins.

Christiane Haerlin, 67 Jahre alt, begreift erst jetzt, dass sie ungeheures Glück hatte. Nur einen Tag später wird sie deutschlandweit bekannt: Ihr Laptop wird samt USB-Stick unversehrt geborgen, ihre Geschichte in Zeitungen, Fernsehen und im Radio verbreitet.

Was wäre passiert, wenn...?

Christiane Haerlin kommt seit dem 3. März, als das 1971 erbaute Kölner Stadtarchiv einstürzte, nur noch selten in die Severinstraße. Wenn, dann aber immer auch in die Bar im Hotel Mercure. Dort hat sie immer ihre Mittagspause verbracht - mit einem Milchkaffee, Butterbroten und der englischen Zeitung „Herald Tribune”. Und immer ziemlich genau ab 13.30 Uhr. Nur eben an diesem 3. März nicht.

„Ich war so glücklich an diesem Morgen”, erinnert sie sich. Das Buch mit dem Titel „Berufliche Beratung psychisch Kranker” ist fertig, lediglich die Inhaltsangabe fehlt noch. Christiane Haerlin legt am Morgen des 3. März die rund 40 Minuten von ihrem Zuhause in Porz bis in die Kölner Innenstadt wie immer mit dem Fahrrad zurück.

Irgendwie ist alles wie immer an diesem Tag. Bis etwa 13.50 Uhr.

An genaue zeitliche Abläufe kann Christiane Haerlin sich nicht erinnern. Zuerst reißt ein Mann eine Tür, die nach vorne aus dem Archiv führt, auf. Kurz danach brüllt eine Frau durch eine hintere Türe. Christiane Haerlin schaut sich um. Einige der etwa 20 Gäste beeilen sich, andere bleiben gelassener. Sie klemmen ihre Laptops unter den Arm und verlassen das Archiv.

Christiane Haerlin folgt ihnen durch den Hinterausgang - ohne ihren Laptop. Sie ist erst wenige Sekunden und rund 200 Meter von dem großen Gebäude entfernt, da sieht sie nur noch eine riesige Staubwolke. Ab dann geht alles drunter und drüber. Feuerwehr und Polizei rücken an, Reporter und Kamerateams belagern Christiane Haerlin und die anderen, die sich retten.

Irgendwann findet sie sich im Hotel Mercure wieder. Gedanklich hat sie sich da von ihrem Buch, an dem sie über ein Jahr lange gearbeitet hat, längst verabschiedet. Und dennoch ist sie natürlich froh. Was passiert wäre, wenn sie nur wenige Sekunden länger im Archiv geblieben wäre, will sie sich gar nicht ausmalen.

Was genau passiert ist, liest sie selbst erst später. Als um 13.58 Uhr der erste Notruf bei der Feuerwehr eingeht, klafft in der Kölner Südstadt schon ein tiefer Krater. Auf der Severinstraße sieht es aus wie nach einem Bombeneinschlag. In unmittelbarer Nähe des Historischen Stadtarchivs bauen die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) die neue unterirdische Nord-Süd-Bahn. Als Auslöser des Einsturzes gilt inzwischen ein Wasser- und Erdeinbruch in die Baugrube in etwa 28 Metern Tiefe. Dadurch ist vermutlich das Erdreich unter dem Archivgebäude abgesackt. Das Fundament verliert seinen Halt und die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Sekunden später sind 65.000 Urkunden, 104.000 Karten und eine halbe Million Fotos verschüttet. Auch zahlreiche Nachlässe, darunter der des Schriftstellers Heinrich Böll, sind darunter. 85 Prozent der Bestände sind geborgen. „Geborgen heißt aber nicht gerettet”, sagt Archivleiterin Bettina Schmidt-Czaia. 35 Prozent weisen schwerste Schäden auf, jedes zweite Stück gilt als schwer bis mittelschwer beschädigt. Fünf Prozent der Archivalien gelten als Totalverlust.

Für Christiane Haerlins Laptop gilt das nicht. Einen Tag nach dem Unglück ruft die Feuerwehr bei ihr an. Haerlin kann es erst kaum fassen. Ihr Mann holt den kleinen Computer ab. Er funktioniert wie vor dem Einsturz.

Dennoch mischt sich auch Trauer unter die Freude. In den Trümmern sterben zwei junge Männer - 17 und 24 Jahre alt. Es gleicht einem Wunder, dass nicht mehr Menschen sterben. „Viele Schulkinder gehen hier lang, Busse, Autos und Fahrräder fahren vorbei”, sagt Christiane Haerlin.

Voraussichtlich dauert es noch bis zum Frühjahr, bis die genaue Einsturzursache geklärt ist. Dann wird das letzte Archivgut geborgen. Dazu wird ein viereckiger Kasten aus Betonwänden in das große Loch eingebaut. Die 16 mal 22 Meter große Schutzvorrichtung soll ein Abrutschen der Kiesböschungen verhindern - wie es jeder vom Buddeln im Sand kennt.

In den neun Monaten seit der Katastrophe kommen nur häppchenweise immer neue Erkenntnisse zutage. Etwa, dass schon Monate zuvor Risse und Setzungen am Archivgebäude festgestellt wurden. Die Provinzial Rheinland, bei der das Kölner Archiv für maximal 60 Millionen Euro versichert war, zahlt jetzt 61,5 Millionen Euro. Eben jene 60 Millionen und weitere 1,5 Millionen Euro an Zinsansprüchen. Der Gesamtschaden beläuft sich nach Schätzungen jedoch auf 500 Millionen Euro.

Christiane Haerlin beobachtet die Entwicklungen mit großem Interesse - aber aus sicherer Entfernung.

Stationen: Wien, Heidelberg, London, Köln

Christiane Haerlin wurde 1942 in Wien geboren. Die gelernte Ergotherapeutin arbeitete in Heidelberg und London, mit ihrem Mann kam sie schließlich nach Köln. Sie baute berufliche Trainingszentren auf und leitete sie, zuletzt bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2005 eines in Köln.

Kurz darauf besuchte sie erstmals das Historische Stadtarchiv. Sie kam mit den Mitarbeitern ins Gespräch und bot ihnen die Sammlung sozialgeschichtlicher Materialien an, die sie im Lauf ihres Berufslebens gesammelt hatte. Ab diesem Zeitpunkt kam sie in der Regel an drei Tagen in der Woche ins Archiv. Anfang 2008 begann sie mit den Arbeiten für ihr Buch „Berufliche Beratung psychisch Kranker”.
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