Chorhallenjubiläum: Vom Lastenkran, der ohne Diesel läuft

Von: Thomas Vogel
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Beim Liften des 200 Kilogramm schweren Steinblocks kommt Angela Schiffer, Mitarbeiterin in der Dombauleitung, kaum ins Schwitzen: Dombaumeister Helmut Maintz übernimmt die wichtige Aufgabe an der Bremse, damit seine Kollegin nicht ins Rotieren kommt. Foto: Thomas Vogel

Aachen. 1398, Chorhalle des Aachener Doms: Knarzendes Holz ist die Musik, zu der ein Knecht Meter um Meter läuft und doch keinen Schritt vorwärts kommt. Er bewegt sich in einem großen Holzrad, das sich am höchsten Punkt der unfertigen Chorhalle befindet. Aufpassen muss er, sich vom Gemurmel der vielen Handwerker nicht ablenken zu lassen – sonst kommt er ins Rotieren.

Der Knecht ist kein Dieb, kein Strolch oder Halsabschneider, er hat keine mittelalterliche Foltermethode zu erleiden. Der Knecht ist ein Windenknecht und soll mit dem Holzgerät, dem Tretradkran, schwere Lasten auf die Baustelle heben: Steinquader, bis zu einer Tonne schwer, und große Werkzeuge.

2014, Kreuzgang des Aachener Doms: Ob ein Tretradkran beim Bau der Chorhalle an der Schwelle zum 15. Jahrhundert tatsächlich im Einsatz war, ist nicht nachgewiesen. Die Wahrscheinlichkeit indes ist hoch. „Bei den großen gotischen Bauten im Mittelalter wurden sie in den Dachstuhl eingebaut um damit schwere Lasten nach oben zu transportieren“, erklärt Helmut Maintz, Dombauleiter in Aachen. Dabei ist der Tret­radkran selbst ein Schwergewicht. Allein das Rad, das vor einer Woche im Quadrum des Kreuzgangs gehoben und in das Gestell gesetzt wurde, wiegt 800 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 3,60 Meter.

Zum 600-jährigen Jubiläum der gotischen Chorhalle des Doms war lange geplant, etwas zu präsentieren. Maintz dachte gleich an „Lasten heben“. Den Tretradkran seiner Kollegen aus Bamberg hat er in einer Fachzeitschrift entdeckt. Keiner Fachzeitschrift zum Thema Tretradkräne, sondern Restauration für Steinmetze und ähnliche Gewerke.

Die Bamberger haben den Kran selbst im Hänger nach Aachen gefahren und sich um den Aufbau gekümmert. Nach vier Stunden war der Kran einsatzbereit. Viel schneller sind manche Liebhaber einer schwedischen Möbelkette mit ihrem Regal sicher auch nicht. Der größte Unterschied zwischen beiden: Mit einem Inbusschlüssel und einer bebilderten Anleitung war der Aufbau in Aachen nicht zu schaffen. Viel Holz – sogar Nägel und Verzapfungen sind daraus gefertigt – und ein bisschen Eisen sind der historisch-genaue Materialmix. Ohne Fachwissen und die Hilfe eines – diesmal modernen – Autokrans sind die Teile nicht zu einem Tretradkran zusammenzusetzen.

Jahrhunderte zuvor...

Das Vorbild war vor 800 Jahren im Einsatz, die Technik bereits in der Antike bekannt. Um aber nicht nur die Arbeit der Windenknechte im Ansatz nachempfinden, sondern vielleicht sogar ein bisschen das Flair der Zeit spüren zu können, steht der Kran in historischem Ambiente: dem im Mittelalter erbauten Quadrum, umschlossen vom Kreuzgang des Doms. Wer 2014, 600 Jahre nachdem die Chorhalle fertiggestellt wurde, in den Tret­radkran steigt, wird von derselben Musik knarzenden Holzes begleitet wie die Windenknechte im 14. Jahrhundert.

Ausprobieren kann das in Aachen ab Samstag jeder. Und Besucher werden sicher erkennen: Erstaunlich leicht lässt sich die Last am Seil durch die eigenen Schritte bewegen. Es bereitet nahezu keine Mühe – zumindest solange man nicht länger als zehn Minuten im Hamsterrad unterwegs ist. Für echte Windenknechte war das natürlich ein Witz: Um eine Last 20 Meter „nach oben zu laufen“, mussten sie – je nach Durchmesser des Rades – 300 bis 400 Meter darin zurücklegen.

Gefahr droht im Tretradkran des Jahres 2014 nicht. Das Gerät verfügt über eine Bremse und – mindestens genauso wichtig – jemanden, der sie bedient. Anleitung und Aufsicht gibt es obendrauf. Außerdem kann das große Rad fixiert werden, und das ist ein entscheidender Vorteil gegenüber dem historischen Vorbild. Das Halten und Ablassen von schweren Lasten war anstrengend und konnte sehr gefährlich werden, wenn den Knecht die Kraft verließ. Dann rasten 1000 Kilogramm oder mehr Richtung Erdgeschoss und wirbelten alles im Kran umher, was sich darin befand.

Der Tretradkran wird bis zum Ende des Chorhallenjubiläums am 14. September im Quadrum bleiben.

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