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Chemie-Unfall: Immer wieder am Aachener Westbahnhof

Von: Ulrich Simons
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Dienstag am Güterbahnhof Aachen-West: Feuerwehrleute in Schutzanzügen sichern einen tropfenden Gefahrgut-Kesselwagen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Alles deutet auf menschliches Versagen hin. Ein Fehler beim Beladen eines Kesselwagens in Italien hat nach dem Stand der Dinge zum jüngsten Großeinsatz der Aachener Berufsfeuerwehr am Westbahnhof geführt.

Ein Mitarbeiter der Bahn hatte am Dienstagmorgen gegen 4.20 Uhr an einem in der Nacht abgestellten Güterzug einen unangenehmen Geruch bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Der Kesselwagen war auf dem Weg nach Antwerpen.

Es war der zweite Einsatz dieser Art innerhalb weniger Wochen, und auch im vorigen Jahr musste der ABC-Zug der Aachener Feuerwehr mehrmals tropfende Waggons mit brisantem Inhalt auf dem Aachener Güterbahnhof abdichten. Probleme mit dem rollenden Material? Grund zur Sorge?

„Sicherheit nimmt sogar zu“

„Wir können derzeit keine Häufung solcher Einsätze beobachten“, sagt Bernd Küppers, Pressesprecher der Bundespolizei in Linnich. „Definitiv: nein“, sagt auch ein Sprecher der Bahn. Im Gegenteil: Die Sicherheit auf der Schiene nehme entgegen allen subjektiven Eindrücke sogar zu. Wenn man die steigende Anzahl von Güterzügen berücksichtige, gehe die Fehlerquote sogar zurück. Wie viele Gefahrguttransporte täglich auf der Schiene durch Aachen rollen, darüber hüllt sich die Bahn allerdings in Schweigen. „Zu Zügen mit Gefahrgut geben wir generell aus Sicherheitsgründen keine Auskunft“, teilte die Bahn-Pressestelle in Düsseldorf am Donnerstag auf Anfrage mit.

Wie es zu dem Vorfall vom Dienstagmorgen kommen konnte, scheint inzwischen weitgehend geklärt. Offenbar waren nach der Befüllung des Kesselwagens in Italien die drei Absperrhähne im Einfüllstutzen unter dem Tank in der falschen Reihenfolge geschlossen worden, was am Donnerstag auch die Bundespolizei auf Anfrage bestätigte.

Normalerweise wird dieses Zu- und Ablaufrohr nach dem Befüllen des Wagens kontrolliert entleert. Dazu wird zunächst der Hahn, der dem Kessel am nächsten ist, geschlossen. Dann wird die verbliebene Flüssigkeit aus dem Stutzen zurückgepumpt, und die beiden anderen Absperrhähne werden nacheinander geschlossen. Erst dann darf der Schlauch abgenommen werden. Zum Schluss kommt ein Deckel drauf. Wird das in der richtigen Reihenfolge gemacht, ist danach der Stutzen leer.

Bei dem Waggon am Dienstag soll das leicht entzündliche und reizende Methylmethacrylat nach Informationen unserer Zeitung allerdings im kompletten Rohr bis zum Verschlussdeckel gestanden haben, was auf einen Fehler beim Betanken hinweisen würde. Verhindern lässt sich so etwas im Prinzip nur mit einer Vorrichtung, die ein Schließen der Hähne in der falschen Reihenfolge ausschließt. Die gibt es allerdings noch nicht.

Dass von Italien bis Aachen niemand etwas bemerkt hat, führen die mit der Untersuchung befassten Experten auch auf die physikalischen Eigenschaften der Flüssigkeit zurück, deren Flammpunkt bei zehn Grad Celsius liegt. Auf der Fahrt durch die Nacht und auch beim Lokwechsel in der Schweiz sei alles unauffällig gewesen. Erst am Morgen habe sich bei steigenden Temperaturen der Inhalt des Stutzens ausgedehnt, den Raum zwischen letztem Verschluss und Deckel geflutet, und es habe begonnen zu tröpfeln.

Nicht bei jedem Lokwechsel

Hinzu kommt, dass ein Zug nach Angaben eines Bahn-Insiders nicht bei jedem Lokwechsel kon­trolliert wird, sondern nur nach längerer Standzeit, wenn die entlüftete Bremsanlage wieder „scharf“ gemacht wurde. Das erklärt auch, weshalb derartige Störfälle vorzugsweise in Aachen-West entdeckt werden: Hier werden vor oder nach dem Grenzübertritt häufig die Loks getauscht, längere Standzeiten inklusive. In der letzten Station vor Aachen, dem Containerbahnhof Köln-Eifeltor, war dagegen nur der Lokführer gewechselt worden, dann war der Zug gleich weitergefahren.

Der Verlader in Italien, der in diesem Fall haftet, dürfte demnächst jedenfalls ein paar dicke Rechnungen in seiner Post finden. Alleine bei der Bahn hatten sich die Verspätungen auf rund 2000 Minuten addiert.

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