Bürgernähe pur: 47 Leserinnen und Leser beim Bundespräsidenten

Von: Manfred Kistermann
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Tafelder Demokratie
Zum Festmahl bei Bundespräsident Horst Köhler (rechts) und seiner Frau: Mit 1500 ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern aus Deutschland, darunter auch 47 Leserinnen und Leser unserer Zeitung, hatte die Initiative „Werkstatt Deutschland” in Berlin zur „Tafel der Demokratie” eingeladen. Foto: Manfred Kistermann

Berlin/Aachen. Näher kann ein Staatsoberhaupt nicht am Bürger sein. Fast eine Stunde dauert es, bis Bundespräsident Horst Köhler die 200 Meter zu seinem Auto, das direkt unter dem Brandenburger Tor parkte, zurücklegt. Und dann, kurz vor Mitternacht, ist immer noch nicht Schluss mit Bürgernähe.

Spontan entschließt sich der erste Mann im Staat noch zu einem Abstecher an die Absperrung eines Volkslaufes. Händeschütteln, Autogramme schreiben, sich kleine Sorgen und so manchen Monolog anhören, das ist an diesem Abend die vornehmliche Aufgabe des Staatsoberhauptes.

Mit 1500 ausgewählten Bürgerinnen und Bürgern aus Deutschland, darunter auch 47 Leserinnen und Leser unserer Zeitung, hatte die Initiative „Werkstatt Deutschland” in Berlin zur „Tafel der Demokratie” eingeladen. Die Idee für diese Bürger-Tafel geht auf die griechische Antike zurück, als die Wahl eines Staatsoberhauptes mit einem festlichen Mahl begangen wurde. Schon vor fünf Jahren hatte eine ähnliche Veranstaltung stattgefunden, jetzt war es quasi ein Amtseinführungsessen zur zweiten Arbeitsperiode Köhlers.

Festlich gedeckt stehen lange Tafeln auf dem Pariser Platz, eine prächtige Kulisse vor dem Brandenburger Tor. Schon Stunden vor dem Erscheinen des Ehrengastes warten viele der geladenen Gäste brav in der Reihe, lassen lästige Einlasskontrollen über sich ergehen. Das schwüle Wetter verführt zu einem Bier am Rande. Derweil leidet auf den Tischen die Vorspeise, Havelzander-Sülze im Weckglas.

TV-Moderator Jörg Thadeuzs versucht sich als Massenbändiger, bittet immer wieder zu Tisch, spricht von „der großen Sause mit dem Bundespräsidenten”.

Diese Wortwahl ist daneben gegriffen. Es geht sehr gesittet zu an diesem wunderschönen Sommerabend in Berlin. Zwar lassen mit und mit die Gäste Scheu und Jacken fallen, doch der Respekt vor dem Ehrengast ist groß. Horst Köhler und seine Frau Eva Luise gehen artig durch die Reihen, umringt von einen Tross Leibwächter, grüßen freundlich recht und links, um dann an einem Tisch in der Mitte Platz zu nehmen. Neben Köhler sitzt die Vertreterin des Berliner Regierenden Bürgermeisters, die Senatorin Ingeborg Junge Reyer. Und neben der Gattin darf ­ Dr. Hermann Bühlbecker Platz nehmen.

Der in den bunten Blättern gern „Aachener Printenkönig” genannte Unternehmer gehört neben TV-Moderator Ulrich Meyer, Model Yvonne Hölzel oder dem Humor-Arzt Dr. Eckhart von Hirschhausen zu den auserwählten Ehrengäste, die unmittelbar neben dem Präsidentenpaar sitzen dürfen.

Ansonsten ist der Pariser Platz an diesem Abend nahezu Promifreie- Zone. Hier hat „Otto Normalverbraucher” seinen Auftritt. Na ja, nicht so ganz, denn auch an dieser Tafel der Demokratie ist eine Zweiklassen-Gesellschaft spürbar. Mancher möchte eben mehr als die anderen sein und führt sich so auf. Der Ehrengast trägt es mit Fassung, wechselt während des Essens mehrfach die Tische und hört sich Wünsche, Anregungen, aber auch Kritik an. In seiner kurzen und spontanen Ansprache verspricht Köhler, dass er „alle Wünsche in die Politik tragen werde„. Und er bekennt: „Meine Frau und ich, wir fühlen uns hier pudelwohl.”

Zuvor hörte der Bundespräsident auch Grußbotschaften, die mit Hoffungen verbunden waren. Humor-Arzt Hirschhausen behauptet, die Deutschen hätten neben ihrem Stirnlappen auch noch einen Jammerlappen im Kopf, den es zu verbannen gelte. „Wir sind eine der reichsten Nationen der Welt, stehen bei der Zufriedenheit aber nur an 35. Stelle. Herr Köhler, mindestens Platz 34 müsste doch in ihrer Amtszeit möglich sein.”

Johann Lafer, der bekannte Koch, fordert, dass „in Deutschland jedes Kind ein gesundes und schmackhaftes Essen erhält”. Essen und Trinken gibt es an diesem Abend reichlich. Als Hauptgericht hat sich die Familie Köhler Erbseneintopf mit Kalbstafelspitz gewünscht. Für das bescheidene Mahl schafften 40 Köche aus dem Nobelhotel Adlon . 800 Liter der pikanten Suppe kamen auf die Tische, dazu ein Wein mit dem Namen R8, einer Kreation von acht jungen Winzern aus acht Regionen Deutschlands. Und als der Nachtisch, Kirschstreusel mit Vanille-Schlagsahne auf getafelt wird, atmet Adlon-Chefkoch Christian Müller auf: „Das war ganz nach Köhlers Geschmack, die Köhlers lieben einfache, unkomplizierte Küche.”

Ganz nach dem Geschmack der aus allen Teilen der Republik angereisten Gäste ist auch der Aufritt des Präsidentenpaares. „Ach ist der lieb, der schenkt mir sogar ein Autogramm”, schwärmt Margrit Schütterlie und drückt die mit einem Schriftzug versehene Speisekarte an ihre Brust. Herbert Behle steht am Rande des roten Teppich, auf dem Horst Köhler und sein Tross versuchen, ,sich voranzubewegen. „Ist das nicht schön”, fragt der Hamburger, „das ist Bürgernähe, er nimmt sich für jeden Zeit.”

Feierabend ist an diesem Abend für den sonst gewissenhaft seinen Zeitplan beachtenden Bundespräsidenten kein Thema: „Ich bleibe bis ich Müde bin”, lacht er in die gezückten Kameras der Gäste. Als der Ehrengast im Brandenburger Tor verschwindet um den Heimweg anzutreten, verlassen die anderen Gäste den Pariser Platz in entgegengesetzte Richtung. Jeder bekommt noch eine Tüte mit einem süßen Gruß mit auf den Weg: Aus Aachen, Knuspergebäck vom „Printenkönig”.

Nicht auf Kosten des Steuerzahlers

Die „Tafel der Demokratie” wird veranstaltet von etwa 20 Förderern und Unterstützern aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Einer der Hauptsponsoren ist „Lambertz Printen” aus Aachen. Die „Tafel” unter dem Brandenburger Tor kostet den Steuerzahlern keinen Cent. Die geschätzten 200.000 Euro für Organisation und Durchführung werden ausschließlich durch Spenden finanziert.
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