Aachen - „Blitz-Marathon”: Show oder Abschreckung?

„Blitz-Marathon”: Show oder Abschreckung?

Von: Sarah Sillius
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Im Visier: Verkehrspolizist Ha
Im Visier: Ein Verkehrspolizist peilt die Autos über eine Distanz von 500 bis 1000 Metern an - je nachdem, wie klar die Wetterverhältnisse sind. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Carsten Stieler hatte es an diesem Morgen gar nicht besonders eilig. Er ist auch nicht der Typ Mensch, den man als Raser bezeichnen würde. Seit 20 Jahren ist er nicht mehr „geblitzt” worden. Aber an diesem Freitagmorgen erwischt es ihn, auf dem Adalbertsteinweg, kurz vor der Josefskirche in Aachen.

„Das war die CD schuld, die mir meine Frau geschenkt hat”, sagt er, als er aus dem Auto steigt. „Ich war einfach in Gedanken.” Hätte Carsten Stieler anstelle der „Gotje”-CD Radio gehört, hätte er am Morgen die Zeitung gelesen oder am Abend vorher Fernsehen geschaut, so wäre er gewarnt gewesen.

Schließlich hatte die Polizei viele der insgesamt 1400 Kontrollstellen in Nordrhein-Westfalen über verschiedene Medien bekanntgegeben, auch Stationen in der Region.

Stieler aber hat die Info verpasst und tappt deshalb mitten rein in den 24-Stunden-Blitzmarathon, genauer gesagt in die Kontrolle von Franz-Josef Rübben und seinen Kollegen von der Verkehrspolizei der Städteregion Aachen. Sie gehören zu den 3000 Beamten in NRW, die Innenminister Ralf Jäger (SPD) für die Aktion „Brems Dich - rette Leben” abgestellt hat.

Unzählige Ausreden

Rübben ist seit neun Jahren bei der Verkehrspolizei. Er kann gar nicht sagen, wie viele Raser ihm in dieser Zeit ins Netz gegangen sind und wie viele Ausreden er sich schon angehört hat. „Darüber könnte ich ein Buch schreiben”, sagt er. Die Begründung von Carsten Stieler ordnet Rübben in die Schublade „geschmeidig” ein. Es gibt auch weniger angenehme Reaktionen. „Oft heißt es: Alles Abzockerei, und die Polizei ist das Ventil für den Ärger”, erzählt Rübben, der es an diesem Morgen zum Großteil mit friedlichen Zeitgenossen zu tun hat.

„Die meisten sagen, sie waren in Gedanken, haben sich mit dem Beifahrer unterhalten oder mussten ihr Kind pünktlich zum Arzt oder zur Schule bringen.” Wie nachvollziehbar die Begründung auch sein mag - wer sein Zeitmanagement nicht im Griff hat und deswegen aufs Gaspedal tritt, muss zahlen. Ausnahmen gibt es keine.

Stieler hat an diesem Tag Glück im Unglück. Er ist nur zehn Stundenkilometer zu schnell gefahren. Das kostet ihn 15 Euro. Bei Jürgen Paulus muss Stieler direkt mit der EC-Karte zahlen. Paulus sitzt im Polizei-Bully, vor ihm liegt eine Tabelle mit Temposünden und den entsprechenden Verwarn- und Bußgeldern. Wer zu Paulus in den Wagen muss, der soll aber nicht einfach nur zahlen.

Autofahrer, die die Geschwindigkeitsgrenze erheblich überschritten haben, werden von Paulus wachgerüttelt. „Wir erklären ihnen, dass sie bei 50 km/h noch bremsen könnten, wenn ein Kind vor ihr Auto läuft. Fahren sie 30 km/h zu schnell, verlängert sich ihr Bremsweg und es könnte zu spät sein”, sagt Paulus. „Das Blitzen soll vor allem dazu führen, dass sich die Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und wieder bewusster fahren.”

Besonders einen Fahrer müssen die Beamten an diesem Morgen sensibilisieren. Er ist mit 79 Stundenkilometern durch die 50er Zone gerast und damit der „Spitzenreiter” zwischen acht und zehn Uhr. Übertroffen wird er etwa zur gleichen Zeit von einem Raser in Duisburg, der mit Tempo 100 bei vorgeschriebenen 50 Stundenkilometern in die Blitzkontrolle gerät.

Wer über 20 Stundenkilometer innerorts zu schnell fährt (Toleranz abgezogen), dem droht ein Bußgeldverfahren und mindestens ein Punkt in Flensburg. Wäre der Aachener Raser nur fünf Stundenkilometer schneller gefahren, hätte man ihm auch ein einmonatiges Fahrverbot erteilen können.

14 Autofahrer werden innerhalb von zwei Stunden vom Laser auf dem Adalbertsteinweg „geblitzt”. Also fährt dort rund alle zehn Minuten jemand zu schnell. Im Kreis Düren gibt es bis zum Mittag nur 15 kleinere Verstöße. Grobe Temposünden werden von der Polizei ingesamt nur wenige aufgedeckt. Stellt sich die Frage, wie effektiv eine derart groß angelegte Kontrollaktion ist.

Ist das Ganze nur eine Riesenshow des Innenministers oder kann der größte Blitzmarathon des Landes wirklich dauerhaft Druck auf Raser ausüben? Die Opposition kritisiert die Kontrollen als „Farce” und „PR-Gag”. Jäger verteidigt sie. „Ziel sind nicht mehr Knöllchen, sondern weniger Verkehrstote”, erklärt er und kündigt weitere Kontrollaktionen im Frühjahr und Herbst dieses Jahres an.

Franz-Josef Rübben plädiert für ein konsequentes Vorgehen: „Wir müssten uns permanent irgendwo blicken lassen, die Leute müssten überall mit uns rechnen.” Er befürchtet, dass die Sensibilisierung sonst schnell wieder verfliegt. Den Polizeibeamten ist bewusst, dass sie die Zahl der Verkehrstoten durch Geschwindigkeitskontrollen nur geringfügig beeinflussen können.

Ein Fahrer wie Carsten Stieler wird mit Sicherheit nicht mehr so schnell wegen einer neuen CD seinen Tacho aus den Augen verlieren. Aber Jürgen Paulus denkt auch an den Raser, der im November den Unfall am Ortsausgang Aachen-Brand mit fünf Toten verursacht hatte. Hätte er sein Fahrverhalten wegen eines Blitzmarathons dauerhaft geändert? Paulus zweifelt daran. Er meint: „Ein Restrisiko im Straßenverkehr bleibt immer.”
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