Köln - Blind die Großstadt entdecken: Eine Stadtführung der besonderen Art

Blind die Großstadt entdecken: Eine Stadtführung der besonderen Art

Von: Deborah Schmidt, dapd
Letzte Aktualisierung:
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Die Teilnehmer können die Großstadt Köln fühlen, riechen, hören - aber eben nicht mehr sehen: Rhythmische Klänge eines Xylofons vermengen sich mit den quietschenden Stahlrädern heranfahrender Züge. Gelächter, Wortfetzen, Motorengeräusche kommen hinzu. Foto: dapd

Köln. Hände greifen zaghaft um sich, suchen nach Halt. Der Körper schwankt, bevor die ersten kleinen Schritte folgen. Eine Augenmaske hat gerade aus strahlendem Sonnenlicht tiefstes Schwarz werden lassen - und aus Orientierung ein Gefühl von Hilflosigkeit.

Der Rucksack der Vorderfrau allein ist es, der noch Halt gibt. In Zweierreihen stolpert die sechsköpfige Gruppe durch die Kölner Innenstadt. Es ist der erste offizielle „Blindwalk” in Deutschland.

Die Teilnehmer können die Großstadt Köln fühlen, riechen, hören - aber eben nicht mehr sehen: Rhythmische Klänge eines Xylofons vermengen sich mit den quietschenden Stahlrädern heranfahrender Züge. Gelächter, Wortfetzen, Motorengeräusche kommen hinzu.

Genau hier, zwischen den Musikern auf der Domplatte und dem Hauptbahnhof, ist Stadtführer Axel Rudolph in seinem Element. „Solche Geräusche kann man nicht nachmachen, das ist die echte Welt”, schwärmt er. Sehenden Auges sei man dafür oft blind, nehme die Prägnanz der Laute nicht wahr.

Axel Rudolph ist der Erfinder der „Unsichtbar”

Der 55-jährige Künstler beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit Tönen, Geräuschen und Akustik in der Finsternis. Unzählige Veranstaltungen hat er in so einem Rahmen bereits realisiert. Seine wohl bekannteste Idee: Das Dunkelrestaurant, die „Unsichtbar”. Ein Konzept, das sich in die ganze Welt verkauft hat. Allein 20 Niederlassungen gibt es in Deutschland. „Es ist ein großes Erlebnis, die Wahrnehmung einmal völlig anders zu kanalisieren”, sagt er.

Zu Beginn des „Blindwalks” zumindest ist es ein beklemmendes Gefühl, das die Wahrnehmung der zugigen Windstöße an den Hängen des Doms, die hallenden Worte im Innern des Gebäudes kaum zulässt. Und das noch verstärkt wird, als Rudolph im Anschluss einen Bummel durch die Einkaufsstraße ankündigt. Doch Axel Rudolph besänftigt: „Keine Sorge, ich vermeide unterwegs alles, was Angst macht.”

Musternde Blicke von Passanten liegen auf der Gruppe, als sie sich mit den Füßen über die Domplatte und schließlich durch die Fußgängerzone tastet. „Die Menschen sind erstaunt, aber durchaus mit Sympathie”, berichtet Rudolph den Teilnehmern.

Witzelnde Kommentare einer Schülergruppe sind ohnehin schnell vergessen, als sich die Eindrücke überschlagen: Hektische Schritte ziehen vorüber, Plastiktüten schwingen durch die Luft. Popsongs dröhnen aus den Geschäften, es duftet nach Gegrilltem und Gebackenem. „Wenn es wärmer ist, riecht man hier sogar das Kölsch”, sagt Rudolph, der die rund 1,2 Kilometer lange Strecke vor allem nach prägnanten Geräuschen und Gerüchen ausgewählt hat.

Am Heinzelmännchen-Brunnen sind die Sinne geschärft

Spätestens an diesem Punkt sind die verbliebenen Sinne geschärft. Nun sollen die Teilnehmer allein den Weg zum Heinzelmännchen-Brunnen finden - ganz ohne den haltgebenden Rucksack - und dabei dem Plätschern des Wassers folgen. Der Körper schwankt, das Gehör führt. Mit Erfolg. Und auch der Tastsinn darf sich dann noch unter Beweis stellen. Die Skulptur am Heinrich-Böll-Platz - die Maalot - ist das Ziel. Ein begehbares Kunstwerk aus Granit und Eisen.

„Bei diesem Rollenwechsel vom Sehenden zum Blinden wird etwa so ein Kunstwerk ganz anders erfahrbar”, sagt Axel Rudolph. Und das sei das Besondere: Die Bilder, die im Kopf nur mit den verbleibenden Sinnen entstehen, wie diese sich neu ausrichten. „Damit gewinnt man eine Wahrnehmungsebene hinzu.”

Das Ziel des „Blindwalks” ist die bebende Hohenzollernbrücke über den Rhein. Die Züge rattern dem Hauptbahnhof entgegen, erzeugen dabei ein Geräusch ähnlich dem Herzschlag, das jedes andere dominiert. Das Geländer ist dabei noch einmal ein Genuss für die Hände: Unzählige kleine und große Liebesschlösser säumen die Brücke und lassen sich geduldig ertasten, von einigen Profis gar ihre Aufschriften entziffern.

Am Rheinufer darf dann noch den vorbeifahrenden Schiffsmotoren, dem Strom des Flusses gelauscht werden, bevor die Augenmaske nach knapp zweieinhalb Stunden „Blindwalk” erstmals wieder gelüftet wird: Die letzten Sonnenstrahlen des Tages stechen ins Auge. Blinzeln. Ein farbenfroher Abschluss eines Ausflugs in Schwarz.
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