Aachen - Bewährungshelferin: „Geschmack an der Normalität finden“

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Bewährungshelferin: „Geschmack an der Normalität finden“

Von: Claudia Schweda
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Brigitte Vorhagen, Leiterin der Ambulanten Sozialen Dienste im Landgerichtsbezirk. Foto: Griese
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„Die JVA ist die Ultima Ratio. Die macht die Menschen nicht besser“: Brigitte Vorhagen über ihre Erfahrungen als Bewährungshelferin. Foto: dpa

Aachen. Wenn Brigitte Vorhagen gefragt wird, was sie beruflich macht, dann hat sie schnell das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. Die Diplom-Sozialarbeiterin (53) ist seit 27 Jahren Bewährungshelferin und leitet den Ambulanten Sozialen Dienst der Justiz im Landgerichtsbezirk Aachen.

In dieser Zeit hat sie oft unseren Rechtsstaat verteidigt, in dem Menschen nach der Entlassung aus der Haft – egal, was sie getan haben – ein Recht darauf haben, wieder ein normales Leben in Freiheit zu führen. „Diese menschliche Freiheit muss uns sehr, sehr viel wert sein“, sagt Vorhagen.

Sie fordert ihre Gegenüber dann dazu auf, sich mit dem allgemeinen Lebensrisiko auseinanderzusetzen. Denn trotz des Gefahrenpotenzials im Straßenverkehr fahre fast jeder Auto. Im Interview erzählt sie von der Arbeit der Bewährungshelfer in der Region und den Umgang mit der Gefahr in ihrem Beruf.

Ein Bewährungshelfer für 80 bis 90 Klienten: Besteht Ihr Alltag vorwiegend aus Aktenarbeit?

Vorhagen: Nein, das ginge am Auftrag vorbei. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt ganz klar im persönlichen Kontakt zum Klienten. Wenn ein Gerichtsbeschluss nichts anderes vorsieht, verlangt unser Qualitätsstandard, dass wir die Klienten mindestens einmal im Monat sehen. Wir führen lange Gespräche, machen dann kurze Aktenvermerke und müssen regelmäßig an das aufsichtsführende Gericht berichten. Aktiv berichten wir dann, wenn Weisungs- oder Auflagenverstöße auffallen, wenn ein Klient aus dem Ruder läuft oder sich die persönliche Lebenssituation verändert. Und unsere Klienten wissen, was wir melden oder in die Akten schreiben.

Unbescholtene Bürger möchten mit Ihren Klienten möglichst wenig zu tun haben. Spüren Sie, dass Ihr Arbeitsbereich von der Gesellschaft ausgeblendet wird, so weit es geht?

Vorhagen: Diese Ausblendung ist für unsere Arbeit ein Schutz. Es ist sehr positiv, dass wir nicht im Rampenlicht stehen. Es schützt uns und unsere Klienten.

Wenn man so viel Erfahrung hat wie Sie, sieht man da nicht den Menschen an der Nasenspitze an, ob die Mühe sich lohnt?

Vorhagen: Es gibt sicher aufgrund der Berufserfahrung abgespeicherte Erfahrungswerte. Nur dürfen sie nicht Maßstab unseres Handelns werden, sonst sind wir in der Vorurteilsfalle.

Würden Sie sagen: Böse sein will niemand?

Vorhagen: Ich denke, dass die allermeisten Menschen, die Straftaten begehen, kurz vor oder während der Tat spüren, dass sie Unrechtes tun. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eigentlich keinen Menschen gibt, der nur böse ist. Es gibt Menschen, die haben Facetten in ihrer Persönlichkeit, mit denen sie anderen erheblichen Schaden zufügen. Lässt sich das nicht heilen, dann muss die Gesellschaft tatsächlich vor ihnen geschützt werden. Das ist ganz klar. Ich halte nur nichts davon, Menschen generell abzuschreiben.

Haben Sie durch das „Kurs“-Projekt für rückfallgefährdete Sexualstraftäter eine Klientel hinzubekommen, die Sie zu sehr fordert?

Vorhagen: „Kurs“ fordert uns anders, aber nicht mehr. Jeder anderen Argumentation liegt ein Denkfehler zugrunde: Genau diese Klienten hatten wir ja vorher auch. Da gab es nur noch nicht „Kurs“. Durch diese Konzeption ist nun die Polizei mit ins Boot geholt worden. So haben wir jetzt noch weitere Profis an der Seite, die uns an bestimmten Punkten helfen. Die Beamten können unsere Klienten zum Beispiel unangemeldet kontrollieren, wenn wir das Gefühl haben, er sagt uns nicht die ganze Wahrheit.

Im vorigen Jahr ist ein Bewährungshelfer von einem 69-Jährigen Klienten mit einem Messer schwer verletzt worden, als der Klient zu einem Besichtigungstermin in einem Seniorenstift gebracht werden sollte. Ist das dann nicht doch ein Schock?

Vorhagen: Das war für uns alle ein absoluter Schock. Es ist die absolute Ausnahme, dass einer von uns bei der Arbeit persönlich gefährdet wird. Natürlich haben wir nachher in Ruhe den Vorfall analysiert. Aber er war nicht vorhersehbar. Unseren Kollegen hat keine Schuld getroffen. Er hat weder nachlässig noch fahrlässig gehandelt – und er hat dann psychisch sehr große Kraft bewiesen und ist quasi fast sofort wieder arbeiten gekommen.

Haben Sie manchmal Angst?

Vorhagen: Es gibt Situationen vor allen Dingen bei psychisch kranken Klienten, die völlig außer sich hereingestürmt kommen, da müssen wir gut überlegen, wie wir reagieren, um zu deeskalieren.

Arbeiten Sie dann zu zweit?

Vorhagen: Wenn wir feststellen, dass ein Klient durchgehend aggressiv ist und Kollegen bedroht, dann bekommt er in der Dienststelle Hausverbot und die Gespräche finden im Justizzentrum statt. Da wird er vorher in der Sicherheitsschleuse nach Waffen durchsucht und bei den Gesprächen ist es möglich, einen bewaffneten Justizbeamten dazuzuholen.

Welches Sicherheitsnetz haben Sie in den Büros der Dienststellen?

Vorhagen: Unsere Telefone haben zum Beispiel einen Notrufknopf. Und zum Standard gehört, dass kein Kollege alleine in der Dienststelle sein darf. Wir achten aufeinander: Wenn Klienten kommen, die gefährlich werden können, ist die Tür offen und nebenan sitzt ein aufmerksamer Kollege. Die Toiletten werden kontrolliert, damit sich niemand verstecken kann. Und die Klienten müssen eine Selbstverpflichtung unterschreiben, dass sie keine Waffen mitbringen. Aber wir dürfen uns auch nicht knebeln. Wir müssen handlungsfähig bleiben. Und zu unserer Sicherheit trägt sicher bei, dass wir hier nichts entscheiden. Wir entscheiden nicht über einen Widerruf der Bewährung und wir drehen den Klienten nicht den Geldhahn ab.

Geben Sie dem Gericht auch keine Empfehlung?

Vorhagen: Natürlich. Wir müssen das auch. Aber wir reden mit dem Klienten, um vielleicht ein fehlendes Drogenscreening doch noch kurzfristig den Unterlagen beizufügen, um Konsequenzen zu verhindern. Wir zeigen ihm den Weg auf, wo er noch einmal abbiegen kann, um eine Haft zu vermeiden. Die JVA ist die Ultima Ratio. Die macht die Menschen nicht besser. Aber irgendwann ist man an dem Punkt, wo es keine andere Alternative mehr gibt. Und dann spricht das Gericht die Freiheitsstrafe ohne Bewährung aus. Nicht wir.

Von den „Kurs“-Probanden sind in unserer Region seit 2010 vier rückfällig geworden. Sie haben erneut – und oft mehrfach – Kinder sexuell missbraucht. Fühlen Sie sich mitschuldig, wenn Sie das erfahren?

Vorhagen: Ja, auch wir haben Selbstzweifel und manchmal die ganz menschliche Angst, etwas übersehen zu haben und fragen uns, ob und wie es möglich gewesen wäre, eine schlimme Rückfalltat zu verhindern? Um solche Gedankengänge zu klären, gibt es die regelmäßige Beratung unter Kollegen. Letztlich bleibt aber das schwerwiegendste Argument: Schuld trägt der Täter.

Gibt es Klienten, denen Sie am liebsten 24 Stunden nicht von der Seite weichen würden?

Vorhagen: Ja, es gibt Klienten, bei denen wir befürchten, da passiert wieder etwas. Aber es gibt keine Möglichkeit, sie vorsorglich einzusperren. Das ist unser Rechtsstaat. Auch „Kurs“ garantiert keine absolute Sicherheit. Wenn wir es auch nur versuchen würden, etwa mit einem Aufgebot, wie es damals bei Karl D. in Randerath war, bleibt die Frage: Ist es das, was wir wollen? Mit Sicherheit nicht. Das ist ein Überwachungsstaat. Und er hat nicht nur das Leben des Entlassenen eingeschränkt. Er hat eine ganze Familie ruiniert.

Ihr Vertrauen in den Rechtsstaat ist immens.

Vorhagen: Wollen Sie Verhältnisse wie in den USA, wo Menschen fünf Mal lebenslänglich als Strafe erhalten, und damit nie wieder eine Chance auf Freiheit haben? Das wäre nicht mein Staat. Selbst die Sicherungsverwahrung wird in Deutschland regelmäßig überprüft. Diese sehr hohe Hürde ist besser, als den Klienten vor eine Wand laufen zu lassen. Das muss eine freiheitliche Gesellschaft aushalten. Und bisher ist es ja auch so, dass die Mehrzahl der Sicherungsverwahrten im Landgerichtsbezirk Aachen nicht entlassen wurde, weil die Hürden so hoch sind.

Wie ruhig geht man nach Hause, wenn man weiß, dass ein Klient andere Menschen gefährden kann?

Vorhagen: Wir gehen beunruhigt nach Hause. Das war zum Beispiel unmittelbar nach der Entlassung der nachträglich Sicherungsverwahrten der Fall. Wir haben versucht, ein sehr eng geknüpftes Netz der Betreuung und Kontrolle zu spannen. Wir waren über die ersten Tage telefonisch in ständiger Bereitschaft. Und der letzte Gedanke der betroffenen Kollegen, wenn sie selbst ins Bett gingen, war sicher: Was mag er wohl gerade tun? Aber das Telefon ist glücklicherweise nicht gegangen. Das sind Ausnahmesituationen. Aber Sie sehen: Wir geben unser Bestes.

Würden Ihnen Fußfesseln an den Klienten die Arbeit erleichtern?

Vorhagen: Nein. Der Klient weiß dann zwar, dass er überwacht wird. Und die gespeicherten Daten wären für die Aufklärung des Falles hilfreich. Aber eine Tat verhindern Sie damit nicht.

Jeder Dritte wird rückfällig. Ist das nicht frustrierend?

Vorhagen: Das ist eine statistische Zahl. Als ich angefangen habe, war die Rückfallquote geringer, weil vor 30 Jahren schwierigere Klienten schneller in Haft kamen. Heute werden viel mehr Strafen zur Bewährung ausgesetzt. Die Frage ist aber auch, wie ich einen Rückfall definiere. Wenn ein schwerer Alkoholiker, der schon eine Vorstrafe hat, eine Flasche Wodka klaut, geht der unter Umständen für diese Flasche wieder ins Gefängnis. Diese Statistik muss man sehr differenziert betrachten.

Wie definieren Sie für sich Erfolg?

Vorhagen: Der Erfolg ist, wenn eine Bewährung regulär zu Ende geht ohne neue Straftaten. Aber das ist es nicht alleine. Ein Erfolg ist auch dann gegeben, wenn ein Mensch in der Bewährungszeit die Erfahrung macht, dass sich ein straffreies Leben lohnt. Um die Straffreiheit erreichen zu können, muss die Lebensqualität des Klienten erhöht werden, sei es durch Arbeit, durch neue Beziehung, durch sinnvolle Beschäftigung, durch ein Nachdenken über sich selbst und über Handlungsalternativen. Wir haben drei bis fünf Jahre Zeit, über die ganz vielen positiven Facetten des Lebens zu reden. Einer hat mir dieser Tage am Ende der Bewährung gesagt, er fände es so schön, dass er jetzt ohne Angst schlafen könnte. Ohne die Angst, am nächsten Tag verhaftet zu werden. Ja, wunderbar! Er hat Geschmack an etwas bekommen, das für uns vollkommen normal ist. Geschmack an einem schönen Leben zu finden, das ist auch ein Erfolg. Menschen brauchen ein Ziel, eine Perspektive, um ihr Verhalten zu ändern. Sonst wird‘s ganz schwierig.

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