Aachen/Düren - Besuch in der Eckkneipe: Nicht nur der Qualm verschwindet

Besuch in der Eckkneipe: Nicht nur der Qualm verschwindet

Von: Manfred Kutsch
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Die letzten Züge aus der Zigarette in ihrer kleinen Stammkneipe „Zeppelin-Eck“ am Rande des Aachener Ostviertels: Haustechniker Gerd S. (54) und Rentner Gerd S. (64). Foto: Manfred Kutsch
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„Zur Freiheit“ heißt das Lokal von Ulrich Meuters (re.) im Dürener Arbeiterviertel Grüngürtel. Manche wollen es in „2um Knast“ umtaufen.
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Der letzte „Tanz in den Mai“ im 115 Jahre alten „Zum Treffpunkt“: Gastwirtin Elisabeth Mommer und Hausbesitzer Josef Mehsen, der 30.000 Euro investierte, um den alten Nichtraucherschutz-Auflagen gerecht zu werden.

Aachen/Düren. Seit 30 Jahren zapft Ulrich Meuter (57) das Bier in seiner legendären Dürener Arbeiterkneipe mit dem klangvollen Namen „Zur Freiheit“. Damit ist es ab 1. Mai vorbei, wenn das rot-grüne Nichtraucherschutzgesetz in NRW greift – meint der überwiegende Teil der Kundschaft des stämmigen Gastwirtes. Die Kneipe müsse umgetauft werden. „Zum Knast“ lautet einer der Vorschläge.

„Die Zukunft ist völlig offen. Ich rechne mit mindestens 25 Prozent Umsatzrückgang“, sagt Meuter und ist sicher: „Mit dem Rauchverbot stirbt die Kneipenkultur jetzt endgültig aus.“ An seinem Holztresen, gleich neben drei flackernden Spielautomaten, herrscht Aufruhr – „die Zeitung ist da!“ ruft einer. Endlich können die Raucher auch verbal Dampf ablassen, „die Zeitung“ schreibt den Mix von Wut und Zynismus mit: „DDR-Verhältnisse!“ „Wir werden gnadenlos in die Ecke gedrängt!“ Und: „Wir werden entmündigt.“ „Wohin geht die Tabaksteuer? In die Krankenkassen? Oder nach Griechenland?“ „Was ist das für eine Demokratie, in der andere Meinungen nichts mehr zählen?“

Outlaws moderner Zeiten

Stimmen von Outlaws moderner Zeiten. Zudem spüren die Betroffenen: Bald droht mit dem Rauchverbot auch der jähe Verlust eines der letzten männlichen Hoheitsgebiete – der Theke, des Stammtisches. „Rund 70 Prozent meiner Gäste sind Raucher“, sagt Meuter. Sein Gast Horst R. und dessen Tresenkumpel mit den Tattoos und der roten Baseballkappe sind davon überzeugt: „Spätestens im Winter, wenn wir uns vor der Tür den A….. abfrieren sollen, ist hier Schluss.“ Und sowieso: „Das ist hier ein reines Wohngebiet. Was sagen die Nachbarn? Was denken die Kinder, wenn sie die Erwachsenen draußen nur am Rauchen sehen?“ Leiden würde auch der Nachbarbetrieb, der Imbiss „Josefs Schnitzelpfanne“ mit Sky-Angebot, das gesellschaftliche Herz des roten Backsteinviertels ist infarktgefährdet.

Mit argen Folgen für Menschen, die – oft irgendwie an den Rand der Gesellschaft gespült – ihr soziales Netz in der Gaststätte finden, so löchrig es auch sein mag. Viele von ihnen sind alleinstehend. Wie „der Hans“, 80 Jahre alt, von dem Elisabeth Mommer, Wirtin des „Forster Treffpunkt“ am Rande des Aachener Ostviertels, berichtet. „Als er mal drei Tage nicht da war, bin ich zu ihm hin und habe an seiner Wohnungstür geklopft.“ Dahinter rief „der Hans“ um Hilfe. „Der lag am Boden mit einem Gehirnschlag. Ohne seine Kneipe wäre er da verfault“, sagt die 48-Jährige, deren Gaststätte anno 1898 nunmehr nach dem 1. Mai 2013 und nach 115 Jahren das Aus droht.

Im Viertel mit den ungezählten Mietskasernen und Innenhöfen, angrenzend an die „Stadtautobahn“ Trierer Straße, ist der „Forster Treffpunkt“ eine Säule verbliebener Strukturen – erst Recht nach dem Aus für die anderen Kneipen um die Ecke, dem „Forster Eck“ und der „Forster Quelle“. Ungezählte Karnevalsorden an den Wänden, Dartspiele, hölzerne Sparfächer sowie über dem Tresen baumelnde Dekobänder mit silbernen Zahlen „60“ und eine goldene Glocke legen stumme Zeugnisse ab: Von der Heimat für die beiden Karnevalsgesellschaften „KK Aachen Funkengarde“ sowie „KG Fidele Freunde“, für einen Dartclub, einen Sparverein – und für Geburtstagskinder, die eine Lokalrunde geben.

Kleine gesellschaftliche Keimzellen, die Hausbesitzer Josef Mehsen erhalten wollte: „Um den früheren Auflagen zu genügen, habe ich einen zweiten Nichtraucher-Raum geschaffen, der auch für Beerdigungskaffees, Kinderkommunionen oder Elferratssitzungen und Mariechen-Training genutzt werden kann.“ 30.000 Euro hat das den 63-jährigen ehemaligen Postbeamten gekostet. Sein Fazit: „Alles für die Katz! Die Kraft soll mir nicht über den Weg laufen!“

Elisabeth Mommer will „den Mai noch abwarten“, ist sich aber ziemlich sicher, dass der kleine Betrieb nicht überleben wird: „80 Prozent meiner Gäste sind Raucher“, sagt sie. „Im Übrigen rauche ich selber. Soll ich auch vor die Tür gehen?“ Ihre Tageskundschaft sind überwiegend ältere Männer, etliche alkoholkrank, aber alle mit schmalem Geldbeutel (Bier 1,20 Euro) und eigener Geschichte. Jeder von ihnen hadert mit dem Zeitgeist. Der will in anderen sozialen Welten qualmfreie System-Erlebnisgastronomie, auch wenn deren Wirtin nicht „Elisabeth“, sondern „Franchise“ heißt.

Da sitzen sie um den braun gekachelten Tresen, vor ihren gestrichelten Bierdeckeln: Die letzten rauchenden Kneipen-Mohikaner, in ihrem urlaubslosen Alltag, daheim zumeist in keiner digitalen Welt unterwegs, kulturwissenschaftlich nur noch „Nutzer der Nische Kneipe“. Aber auf die seien sie angewiesen, sagt die Wirtin: „Denn nur hier können sie sich über ihre Wehwehchen genauso auslassen wie über Politik.“ Und fügt hinzu: „Das ist ihre Welt.“

Der Hausbesitzer hat die Miete schon auf 500 Euro heruntergesetzt, dennoch fallen monatlich weitere 1500 Euro Fixkosten an, sagt Mommer: „Ich werde zum Sozialamt gehen.“ Ihr „Tanz in den Mai“ am 30. April, so fürchtet sie, wird zum „Totentanz“ für den „Treffpunkt“. Beim Abschied ruft die Wirtin uns hinterher, was sie zu erzählen vergaß: „Der Hans“, sagt sie, „ist wenig später gestorben.“ Er war Nichtraucher.

Endzeitstimmung herrscht auch im „Zeppelin-Eck“ schräg gegenüber, der zweiten verbliebenen Kneipe des Viertels. Heftig knallt der Würfelbecher auf die Theke, mit letztem Elan „meiern“ ein paar rauchende Gäste, einer mit Arm im Gips. Abwehrend hält er sein Bierglas in Richtung Kamera: „Kein Foto! Ich bin krankgeschrieben.“ Okay, okay.

Dafür lassen sich Gerd S. (54), Haustechniker in einem Altenheim, und Rentner Rolf D. (64) qualmend ablichten: „Ich darf schon bei der Arbeit nicht rauchen“, sagt Steffens. „Hier raucht doch auch das Personal. Wenn man in einer Chemiefabrik arbeitet, ist es ja auch nicht gesund“, meint Deutz.

Hinter ihnen sitzt der Ex-Wachmann und Frührentner Heinrich I. (60) und arbeitet daran, sein tägliches Päckchen Zigaretten zu verqualmen. „Der Staat verdient doch super an unserer Sucht. Gleichzeitig werden wir ausgegrenzt“, schüttelt I. den Kopf. Gastwirt Banasik Slawazuic rechnet damit, „dass ich zumachen werde“. Und dann? Heinrich I. verzieht sein fahles Gesicht. „Dann bleibe ich zu Hause.“ Er lebt alleine.

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