Heerlen - Bergmann singt seinen Hit noch einmal

Bergmann singt seinen Hit noch einmal

Von: Christina Merkelbach
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Heerlen. Es ist 1960, der deutsche Schlager erlebt seine fetten Jahre. Freddy Quinn ist ein Held. Und dann kommt „Laila”. Ein Tango, auf Deutsch gesungen von einem 24-jährigen Niederländer mit polnischen Wurzeln, der in Alsdorf als Bergmann unter Tage arbeitet.

Bruno Majcherek besingt eine glutäugige Schöne, die unerreichbar in einem Harem in Algier lebt. „Küsse mich und quäle mich” - eine der Textzeilen, die Majcherek zum nur bruchstückhaft erhaltenen Original aus den 1920er Jahren hinzugedichtet hat. Die neue Version schlägt ein wie eine Bombe. Die Jugend liebt „Laila”, Kirchenvertreter verfluchen es. Von Sünde ist die Rede. Davon, dass das Lied Prostitution und sexuelle Perversion verherrlichen würde. „Laila” stürmt die Hitparaden in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Österreich, Frankreich und in der Schweiz. Die Platte wird 1961 mit Gold geadelt.

Fast 50 Jahre später: Die Goldene Schallplatte hängt neben dem Schrank im Flur. Nicht, dass Bruno Majcherek, 74, keinen Wert auf die Auszeichnung legen würde. An der Wand im Wohnzimmer sei bloß kein Platz mehr dafür, sagt er. Dort, in der siebten Etage eines Appartmenthauses in Heerlens Stadtmitte, empfangen er und seine Frau Yvonne ihren Besuch. Der Anlass ist, natürlich, „Laila”.

Nach einem halben Jahrhundert ist der einstige Hit als CD neu eingespielt worden. Der Nürnberger Produzent Chris Mike, 49, hatte schon seit Jahren mit dem Gedanken gespielt, Bruno Majcherek ausfindig zu machen und zu fragen, ob er mit ihm ins Studio gehen wolle. „Ich bin ,Laila’-Fan, seit ich denken kann”, sagt Chris Mike. Schon als Kleinkind im Laufstall habe er mitgekräht, wenn die Eltern die Platte auflegten. Von da an habe ihn das Lied immer begleitet. „Chris ist einer meiner jüngeren Fans”, sagt Bruno Majcherek und lächelt. Die meisten seien ja inzwischen über 60.

Bruno zu finden, sagt Mike, sei nicht leicht gewesen. „Ich war mir ja noch nicht einmal sicher, ob er überhaupt noch lebt”, sagt Chris Mike. Hilfe gab es schließlich im Internet: Seit Ende letzten Jahres ist brunomajcherek.nl online. Als er Bruno zum ersten Mal getroffen habe, habe er den Sänger mit seiner lockeren Art auf Anhieb symphatisch gefunden. Und im Studio sei schnell klar gewesen, dass es sich bei dem 74-Jährigen um einen Vollprofi handelt. „Ich habe selten einen erfolgreichen Künstler getroffen, der so bodenständig ist.”

Auch Hollywood hat bei Bruno Majcherek angeklopft: „Laila” gehört nun zum Soundtrack für den Spionagethriller „The Debt” mit Helen Mirren in der Hauptrolle. Er soll im Herbst in die Kinos kommen. Der Film spielt in den 1960er Jahren, unter anderem in Berlin. Während einer Szene in einer Bar ist im Hintergrund Bruno Majchereks sehnsuchtsvoller Gesang zu hören.

Ist er stolz? „Sicher”, sagt er. Trotz des großen Erfolgs mit „Laila” hat er damals nicht auf eine Karriere als Schlagerstar gesetzt. Bis zur Rente ist er Bergmann geblieben, war lange Steiger in der Alsdorfer Grube Anna. „Die Musikbranche ist knochenhart. Meine feste Stelle wollte ich nie aufgeben.” Ein Hit sei kein Garant für die große Karriere, das habe er immer gewusst. „Wenn Du nicht immer wieder mit etwas Neuem kommst, bist Du schnell raus”, sagt Yvonne Majcherek, die ihrem Mann seit 47 Jahren bei allen Auftritten zur Seite steht. Aufgetreten ist er immer. Vor einer Handvoll Leuten, ebenso wie vor Hunderten von ihnen. Mit der gleichen Leidenschaft, sagt er, und wer das Leuchten in seinen Augen sieht, glaubt ihm sofort.

Gefragt ist er bis heute. Auch wenn nach „Laila” die Riesenerfolge ausblieben. Im Süden der Niederlande gibt es kaum ein Lokal, in dem er noch nicht gesungen hat. Gerne sieht und hört man ihn auch in Ostbelgien und Nordrhein-Westfalen. Einer seiner größten Fans lebt allerdings in den USA. Ein Multimilliardär, ehemals Hundefutterfabrikant. Mehrmals schon hat er die Majchereks einfliegen lassen. Nach Hawaii, Las Vegas, Kalifornien. Auch in einen Mord war „Laila” verwickelt. 1961, in einer Kneipe in Memmingen. Immer wieder hatte ein Gast das Lied in der Jukebox laufen lassen. Bis sich ein anderer beschwerte. Es kam zum Streit. Der „Laila”-Fan zog eine Pistole und erschoss den anderen Gast.

Ansonsten, sagt Majcherek, habe der Song seines Wissens nach aber nur Gutes bewirkt. Er tauscht einen liebevollen Blick mit seiner Frau. „Meine Eltern hatten eine Kneipe in Heerlen, auch dort in der Jukebox gab es ,Laila’”, sagt sie. Selbstverständlich habe sie das Lied gekannt. Den Sänger, obwohl aus der gleichen Stadt, aber nicht. Bis er irgendwann von einem gemeinsamen Freund mitgebracht wurde. Sie war 17, er 24 Jahre alt. „Das ist Mr. Laila”, sagte der Freund.
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