Belgisch-Limburg erfasst alle Kennzeichen von Autos

Von: Ulrich Simons
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Was die Niederländer auf ihren Autobahnen bereits seit Jahren praktizieren (hier die Anlage am Grenzübergang Vetschau bei Aachen), wollen die Belgier ab dem Sommer auf den Einfallstraßen nach Limburg einführen: Rund um die Uhr werden Autokennzeichen fotografiert und diese dann mit unterschiedlichen „Sündenregistern“ abgeglichen. Foto: Andreas Herrmann

Lanaken/Maasmechelen. Lächeln Sie, wenn Sie demnächst mit dem Auto nach Belgien fahren! Sie werden fotografiert! Mithilfe automatischer Kameras will die Polizei in Belgisch-Limburg ab dem Sommer zwischen Maasmechelen und Lanaken die Autobahn und die Hauptverkehrsstraßen an der Grenze zu den Niederlanden überwachen.

Hierzu werden die Kennzeichen aller einreisenden Autos rund um die Uhr erfasst und landen in einer zentralen Datenbank, wo sie mit hinterlegten Datensätzen verglichen werden. Entsprechende Pläne hat jetzt Johnie Nijs, Sprecher der Polizei Lanaken-Maasmechelen, bestätigt.

Auf diese Weise hofft die belgische Polizei, schneller als bisher gestohlene, unversicherte oder aus anderen Gründen gesuchte Fahrzeuge aus dem Verkehr ziehen und zum Beispiel die Reisewege vagabundierender Einbrecherbanden nachvollziehen zu können. Auch für deutsche Verkehrssünder, die in Belgien noch Knöllchen offen haben, dürfte es dann unangenehm werden. Vor allem, weil die Belgier beim Inkasso nicht ganz so feinfühlig vorgehen wir ihre deutschen Kollegen.

Auch nachts gute Fotos

Zwei der sogenannten ANPR-Kameras („Automatic Number Plate Recognition/Automatische Kennzeichenerkennung“) sind in Limburg bereits im Einsatz, eine davon über der A 76/E314 (Aachen-Heerlen-Leuven) am Grenzübergang zwischen Stein (Niederlande) und Maasmechelen (Belgien). Die gehört allerdings den Niederländern, die auch am Aachener Autobahn-Grenzübergang Vetschau (A 4) eine solche Anlage betreiben.

Die einzige „belgische“ Kamera, die bereits in Betrieb ist, steht auf dem Rijksweg zwischen Maasmechelen und Lanaken an der Autobahnanschlussstelle. 13 weitere Kameras sollen bis zum Sommer montiert werden, darunter eine auf der A76/E314 in Höhe der Grünbrücke „Ecoduct“ bei Maasmechelen. Provinzgouverneur Herman Reyn­ders hat vier zusätzliche Kameras bestellt, die demnächst über der A76/E314 bei Halen westlich von Hasselt den Verkehr beobachten sollen. Auch die Polizei in Tongeren will zwei Kameras installieren.

Die gescannten Autofahrer bekommen vom „Fotoshooting“ am Tag überhaupt nichts mit. Bei Dunkelheit feuert die Anlage eine Kaskade von Infrarotlicht ab, wenn ein Kennzeichen im Sucher auftaucht. Ein spezieller Filter in der Software rechnet die Blendung durch die Scheinwerfer aus dem Bild heraus – übrig bleibt ein einwandfrei lesbares Kennzeichen.Treffer beim Datenbankabgleich zeigt das System auf einem Monitor im Kontrollzentrum sofort an. Dort kann der Beamte dann über die weiteren Maßnahmen entscheiden, zum Beispiel, ob er einen Streifenwagen hinterherschickt.

Wer in Oostende sein Knöllchen nicht bezahlt hat, muss allerdings nicht damit rechnen, nach Passieren der ANPR-Kameras in Lanaken von der Polizei rausgewunken zu werden, sagt Michel Carlier, Mitarbeiter der Provinzregierung in Hasselt. Vielmehr würden solche Daten normalerweise nur in lokalen, allenfalls regionalen Listen gespeichert. Heißt konkret: Der Parksünder darf weiterhin überall im Lande hinfahren, nur in Oostende und Umgebung sollte er sich besser nicht mehr blicken lassen – und darauf hoffen, dass die Belgier eventuelle Änderungen des Verfahrens rechtzeitig mitteilen.

Während diese in Limburg mit den automatischen Kameras Neuland betreten, sind die Systeme zur Kennzeichenerfassung in den Niederlanden bereits im Einsatz. Je nach Quelle schwankt die Zahl der dort verwendeten Kameras allerdings erheblich. Das Internet-Lexikon Wikipedia schätzt, dass Ende 2011 landesweit rund 200 ANPR-Kameras im Einsatz waren, zwei Drittel davon in der Region Rotterdam/ Rheinmündung. Auf sargasso.nl, einem der ältesten Weblogs der Niederlande, ging man dagegen im März 2013 davon aus, dass „mit Sicherheit 1625 ANPR-Kameras“ an den Straßen stehen oder hängen. Da die Anlagen nicht nur von der Polizei, sondern auch von Kommunen betrieben werden, ist ihre tatsächliche Zahl kaum herauszubekommen. In Amsterdam, Utrecht und Den Haag nutzt man die Kameras zudem dazu, Umweltzonen in den Innenstädten zu überwachen. Wer ohne entsprechende Plakette fotografiert wird, bekommt das Knöllchen nach Hause geschickt.

Vor allem die acht Kameras an der Ijsselbrücke bei Zwolle machen der Polizei viel Freude. Im ersten Jahr nach der Montage wurden 174 gestohlene Fahrzeuge wiedergefunden, drei Einbrüche aufgeklärt, 13 Drogenkriminelle gefasst sowie 78 Fälle von Menschenhandel, sieben Ladendiebstähle und zehn Raubüberfälle aufgeklärt.

Ob die belgische Polizei sich damit zufrieden geben wird, gesuchte Fahrzeuge aufzuspüren, bezweifeln Skeptiker. Dafür sind die weiteren Einsatzmöglichkeiten der Kameras für Datensammler zu verlockend. Deutschen Datenschützern dürften sie die Haare zu Berge stehen lassen. Neben dem Kennzeichenabgleich kann man sie für Geschwindigkeitskontrollen einsetzen oder zur Überwachung von Überholverboten. Man kann Lastwagen aus dem Verkehr ziehen, die offensichtlich zu schwer beladen sind, Drängler zur Ordnung rufen, Verkehrszählungen durchführen oder feststellen, ob ein Auto in kurzer Zeit in mehreren Gemeinden gesichtet wurde. Für die belgische Polizei wäre das ein mögliches Indiz für das Dienstfahrzeug einer mobilen Einbrecherbande. Wenn es nicht zufällig ein harmloser Handwerker oder Vertreter war. In den Niederlanden werden die Bilder maximal zwei Wochen gespeichert und danach gelöscht. In Belgien müssen die Bilder erst nach einem Monat gelöscht werden.

„Die Kameras sollen Kriminelle davon abhalten, nach Belgien zu kommen“, sagen die Verantwortlichen. Es wäre keine Überraschung, wenn sich künftig auch unbescholtene Zeitgenossen einen Besuch des Landes überlegten. Zyniker verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass man Belgien von Niederländisch-Limburg kommend weiterhin zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit einem Paddelboot über die (Grenz-)Maas unbeobachtet erreichen könne.

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