Bei Parkour wird die ganze Stadt zum Sportplatz

Von: Andreas Gabbert und Amien Idries
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Tiefflug: Alper Isik aus Düren
Tiefflug: Alper Isik aus Düren eifert seinem Vorbild Jackie Chan nach. Zum Parkour gehört für ihn auch ein wenig Nervenkitzel. Er betont aber, dass viel hartes Training hinter dieser Leichtigkeit steckt. Foto: Andreas Gabbert

Aachen/Düren. Kurz bevor Florian Bader losläuft hält er einen Moment lang inne. Er schließt die Augen und scheint in sich hineinzuschauen. Als sich seine Lider nach ein paar Sekunden wieder heben, hat sich sein Blick verändert. Es wirkt, als habe er nur noch das etwa zehn Meter entfernt liegende Ziel und den Weg dorthin im Blick.

Bader läuft los und ist mit drei raumgreifenden Schritten an und über der Mauer, hinter der ein zwei Meter tiefer Treppenschacht wartet. Den überspringt er katzengleich und landet präzise auf dem nur 20 Zentimeter breiten Vorsprung gegenüber. Durchatmen.

„Das war der Katze-Präzi”, ruft er dem Beobachter zu, der die Aktion mit einem unguten Gefühl verfolgt hat. Bader betreibt „Parkour”. Bei dieser Sportart, die vom Franzosen David Belle entwickelt wurde, geht es darum, möglichst schnell und effizient von A nach B zu kommen. Und zwar in der Stadt und zu Fuß. Mauern, Brunnen oder Geländer werden dabei weniger als Hindernisse, sondern als Möglichkeiten begriffen, als Chancen.

Wie bei jeder neuen Sportart sieht sich der Uneingeweihte auch bei Parkour einer Fülle von Fachbegriffen gegenüber, deren Sinn sich nicht auf Anhieb erschließt. „Katzen-Präzisionssprung” heißt das Kunststück, das der 17-jährige eben vorgeführt hat, mit vollen Namen. Doch hier sagen alle nur „Katze-Präzi”. Das geht schneller und spart Atem. Hier, das ist der Innenhof des Karman Auditoriums in Aachen. Unter den Blicken angehender Soziologen und Germanisten treffen sich dort regelmäßig zehn bis 20 Jünger des relativ neuen Sports, die sich „Traceure” nennen. Das stammt aus dem Französischen und bedeutet so viel wie „der den Weg ebnet”.

Im Gespräch mit diesen Wegebnern wird schnell klar, dass Parkour für sie weit mehr ist, als einfach nur eine Sportart. Da ist von einem Lebensgefühl die Rede und von der großen Parkourfamilie. Und es fällt häufig das Wort Verantwortung, was angesichts der halsbrecherischen Stunts, die vorgeführt werden, verwundert. Um die zu sehen, kann man sich beispielsweise die atemberaubende Eröffnungssequenz des Bond-Films „Casino Royale” anschauen. Diese zeigt Sébastien Foucan, ebenfalls ein Pionier des urbanen Trends, und ist mitverantwortlich dafür, dass der Sport einen großen Popularitätsschub erlangte. Oder man klickt sich durch diverse Youtube-Videos.

Leichtsinn ist fehl am Platz

Gut möglich, dass man dort auf Aufnahmen von Alper Isik stößt. Hoch oben in der Krone eines mächtigen Baumes schwingt sich der 18-Jährige mit den langen dunklen Haaren von Ast zu Ast, um anschließend auf einem Dach zu landen. Wieder unten auf dem Boden angekommen, geht es auch schon wieder hinauf. Isik erklimmt auch gerne mal ein Parkhaus. „Das ist Freiheit”, sagt der junge Dürener. Waghalsige Aktionen, gefährliche Sprünge und das Überwinden schwieriger Hindernisse fordern ihn heraus, der Nervenkitzel gehört dazu. „Ich denke immer positiv”, sagt Isik. Kratzer und Beulen bleiben dabei nicht aus, richtig verletzt hat er sich aber noch nie. Auch wenn es manchmal so aussieht, leichtsinnig ist Alper nicht. Wichtig sei, nichts zu überstürzen, man müsse sich eben langsam an die Herausforderungen herantasten, erklärt der junge Mann. Auch hier gilt: „Übung macht den Meister.”

Oder man könnte sagen: Übung gehört zur Verantwortung des Traceurs. So sehen es zumindest Lukas Oßmann, Bastian Schnitzler und Dirk Schmitt, wie Florian Bader Mitglieder der Aachener Parkourgruppe, die sich „PACour” nennt. „Jeder Traceur ist für sich und seinen Körper verantwortlich”, sagt Oßmann, der das Rhein-Maas-Gymnasium besucht. Im Gegensatz zum Skateboarden, bei dem man einen Trick durch Versuch und Irrtum solange probiert bis er klappt, tastet man sich beim Parkour langsam an die Bewegung ran. „Deshalb holt man sich deutlich weniger blaue Flecken als beim Skaten”, sagt der Physikstudent Schnitzler. Es komme selten vor, dass sich jemand überschätze, auch weil der Wettbewerbsgedanke dem Parkour fremd sei. „Als Traceur vergleicht man sich nicht mit anderen, sondern mit sich selbst”, erklärt Dirk Falken, der erst seit einem halben Jahr Parkour betreibt.

Wie eine Familie

Auch in Aachen sind die Unterschiede groß. Während Bader mühelos Salti schlägt, trainiert Peter Schmitt, der erst seit zwei Monaten dabei ist, das Überspringen einer niedrigen Mauer. Und trotzdem fühlt auch er sich als Teil der Parkourfamilie. Und wie es sich für eine Familien gehört, achtet der eine auf den anderen. „Wir passen auf, dass jeder nur die Technik macht, die er auch beherrscht”, sagt Bader, den Parkour bereits vor drei Jahren gepackt hat. Auch das sei Teil der Verantwortung.

Trotz des Familiengedankens sind Traceure Individualisten. Trainingszeit ist immer und der Sportplatz ist die ganze Stadt. Auch deswegen hat sich der Trendsport weiterentwickelt. Es gibt neben Parkour auch Freerunning, bei dem die Bewegung nicht Mittel zum Zweck der Fortbewegung, sondern Selbstzweck ist. Und es gibt das sogenannte Tricking, das Anknüpfungspunkte zum Kampfsport hat und noch mehr auf Show setzt.

Das ist die Welt von Alper Isik. Seit seiner Kindheit träumt er davon zu sein wie der Stuntman, Kampfsportler und Schauspieler Jackie Chan. Früh versuchte er ihm nachzueifern. Irgendwann entdeckte er Parkourvideos und war begeistert. Heute jagt Alper selbst mit Tempo durch die Stadt. Bänke, Blumenbeete, Mülltonnen oder Mauern sind kein Hindernis für ihn - sie werden einfach übersprungen. Aber keine Sorge, der junge Mann ist nicht auf der Flucht, er trainiert lediglich. Den doppelten Vorwärtssalto beherrscht er mittlerweile perfekt. Täglich ist er bis zu fünf Stunden an der frischen Luft unterwegs. Mit seinen Freunden trifft man ihn in den Dürener Parks und überall da, wo es Geländer und Stangen gibt, die als Hindernisse taugen oder an denen sie Stunts und akrobatische Kunststücke üben können.

Dabei werden die Sportler nicht selten kritisch beobachtet. Doch die Sorge mancher Passanten ist unbegründet. Die Sportler wollen nichts zerstören oder gar stehlen. „Wir hier in Aachen wollen nichts Illegales tun und respektieren das Eigentum anderer, weil wir auch eine Verantwortung gegenüber dem Sport haben”, betont Oßmann. Wenn ein Traceur negativ auffällt, falle das auf den ganzen Sport zurück und mache ihn kaputt. „Wir wollen nicht, dass hier in ein paar Jahren Parkour-Verbotsschilder stehen”, schiebt Bader hinterher.

Denn Parkour habe viel zu bieten, sei eine Art Schule fürs Leben. „Es geht um das gute Gefühl, sich Herausforderungen zu stellen und sie zu bestehen”, sagt Isik. Eine Fähigkeit, die auch außerhalb des Sports wichtig ist. „Durch Parkour habe ich meine Grenzen besser kennengelernt”, schlägt Falken in dieselbe Kerbe. Er habe gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen, aber wisse, dass „viele Sachen nicht prinzipiell unmöglich sind, sondern derzeit noch nicht machbar”.

Darüber hinaus verändere Parkour den Blick auf die Welt. „Wenn ich beispielsweise das hier sehe”, sagt Bader und zeigt auf das historische Tor am Karman Auditorium, „dann ist das für mich erstmal kein Tor, sondern in erster Linie ein Objekt, an dem ich arbeiten kann.” Spricht’s, läuft die drei Meter hohe Mauer hoch und ist mit einem Satz wieder unten. Und bei so etwas soll man sich nicht verletzen?

Endlich gesteht Bader: „Ich habe mir schon einmal den Fuß gebrochen”, sagt er, bevor er eine Kunstpause einschiebt: „Beim Müll raustragen.”
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