Bei der Integration steht Stadtteilmutter Fatma hilfsbereit zur Seite

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
8018717.jpg
Die Keupstraße in Köln-Mülheim: 49 Prozent der in den Stadtteilen Mülheim, Buchforst und Buchheim lebenden Menschen haben keine deutschen Wurzeln. Hier sind die Stadtteilmütter – selbst Frauen mit Migrationshintergrund – im Einsatz und leisten wertvolle Hilfe bei der Integration. Foto: dpa
7942250.jpg
Für sie bedeutet die Arbeit als Stadtteilmutter in Köln ein großes Stück Selbstständigkeit: Fatma Izci. Foto: Christina Handschuhmacher

Köln. Ein Mittwochvormittag im rechtsrheinischen Kölner Stadtteil Buchforst: In ihrem roten Opel Corsa macht sich Fatma Izci auf den Weg zu ihrem ersten Einsatz an diesem Tag. Die 45-Jährige ist Stadtteilmutter und auf dem Weg zu der bulgarischen Familie Hristeva.

Im Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses aus den 1950er Jahren warten bereits Silviya Hristeva und ihre zweijährige Enkelin. Silviya Hristeva strahlt, als sie ihre Stadtteilmutter sieht. Zur Begrüßung gibt es ein paar herzliche türkische Worte. Man spürt sofort: Fatma Izci ist willkommen.

Im September 2011 sind die Stadtteilmütter in Köln gestartet. In den Stadtteilen Buchforst, Buchheim und Mülheim, dort, wo der Anteil an Migrantenfamilien hoch ist und gelungene Integration selten, sind 34 Stadtteilmütter im Einsatz. Sie stammen unter anderem aus Kamerun, Marokko, Jordanien und der Türkei. Ursprünglich kommt das Konzept aus dem Berliner Problembezirk Neukölln, wo Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky das Pilotprojekt Stadtteilmütter 2006 ins Leben rief.

Dort, wo für deutsche Sozialarbeiter die Türen fest verschlossen blieben, schafften es arabisch und türkisch sprechende Frauen, einen Zugang zu finden. Ihre Schlüssel waren die gemeinsame Sprache und der gleiche kulturelle Hintergrund. „Mein Kopftuchgeschwader“ nennt Buschkowsky die Stadtteilmütter liebevoll. Mittlerweile hat das mit mehreren Preisen ausgezeichnete Projekt Nachahmer in vielen anderen Städten gefunden. Unter anderem in Essen, Bochum und Dortmund gibt es Stadtteilmütter genauso wie auch in Aachen und eben in Köln.

Oft sind die Stadtteilmütter – wie in Aachen – ehrenamtlich tätig. In Köln ist das Projekt Teil des Strukturförderprogramms Mülheim 2020. Die Stadtteilmütter arbeiten 35 Stunden pro Woche und sind sozialversicherungspflichtig beim Träger des Projekts, der Christlichen Sozialhilfe Köln, angestellt. „Nur auf Grund dieser Basis können unsere Stadtteilmütter so effektiv arbeiten“, sagt Projektleiterin Senzena El-Djouini. „Uns war es wichtig, dass die Stadtteilmütter fest angestellt sind und nicht nur eine Ehrenamtspauschale erhalten. Die Familien brauchen eine konstante Unterstützung, und die ist nur so möglich.“

Zurück zu den Hristevas: Die Familie hat Post von der Ausländerbehörde bekommen – für Silviya Hristeva ist der Brief ein Buch mit sieben Siegeln. Zwar besucht sie seit ein paar Monaten einen Alphabetisierungskurs, aber davon in deutscher Sprache lesen und schreiben zu können, ist sie noch weit entfernt. Fatma Izci überfliegt den Brief, erklärt und übersetzt.

Für Silviya Hristeva, die mit ihrem Mann, zwei Kindern und einem Enkelkind in einer kleinen und spärlich möblierten Zweizimmerwohnung lebt, ist Fatma Izci der Schlüssel zur Integration.„Durch die Hilfe von Fatma hat unser Leben hier in Deutschland erst angefangen“, sagt Silviya Hristeva auf Türkisch. Hristevas Sohn besucht eine Schulvorbereitungsklasse, die Enkelin hat für nächstes Jahr einen Kindergartenplatz sicher. Die Hristevas sind noch nicht ganz in Deutschland angekommen, aber sie sind auf einem guten Weg – dank der Hilfe von Ìzci.

„Abla Fatma“ nennen ihre Familien sie. „Abla“ ist türkisch und bedeutet übersetzt „ältere Schwester“. Die 45-Jährige lächelt stolz, wenn sie davon erzählt. Als Stadtteilmutter betreut sie seit zwei Jahren Familien mit Migrationshintergrund. Zuvor hat sie ein Jahr lang einen Qualifizierungskurs bei der Volkshochschule absolviert. „Ich möchte, dass die Familien sich hier anpassen. Deutschland ist unsere neue Heimat“, sagt Ìzci, die in der Türkei geboren wurde.

Izci kam mit sieben Jahren nach Deutschland. Sie lernte in der Schule ganz selbstverständlich die deutsche Sprache, während die Erwachsenen weiterhin nur türkisch sprachen. „Ich musste schon als Kind meine Eltern oder Tante und Onkel bei Arztbesuchen oder Behördengängen begleiten.“ Die Arbeit als Stadtteilmutter bedeutet für Izci ein großes Stück Selbstständigkeit, nicht nur weil sie so ihr eigenes Geld verdient. „Es ist einfach schön, gebraucht zu werden“, sagt sie. So abgedroschen die Floskel von der „klassischen Win-win-Situation“ mittlerweile auch ist: Auf Izci und ihre Familien trifft sie zu.

Knapp 1000 Familien haben die Stadtteilmütter seit Projektbeginn im September 2011 betreut. Dreimal so viele Menschen wurden über Eltern- und Infocafés erreicht. So sehen die bloßen Zahlen aus. Doch was die Stadtteilmütter mit ihrer Arbeit wirklich erreichen, lässt sich nicht nur in Zahlen messen. Zum 30. September läuft die Förderung des Projekts aus. Wie und ob es danach weitergeht, ist ungewiss. „Der feste Wille bei der Stadt Köln ist da. Wir sind guter Dinge, dass wir das Projekt weiter finanzieren können, aber in einem deutlich kleineren Rahmen“, sagt Petra Schall von der Geschäftsstelle Mülheim 2020. Der Rat entscheidet im September. „Die Stadtteilmütter sind extrem fit und haben sich ein enormes Wissen angeeignet. Das Potenzial sollte man weiterhin nutzen“, sagt Senzena El-Djouini. Sie geht davon aus, dass nach Projektende neun Frauen weiter als Stadtteilmütter angestellt sein werden.

Fatma Izci weiß noch nicht, ob es für sie weitergeht. Aber sie hat ein festes Ziel: „Wenn ich dann mit meiner Arbeit aufhöre“, sagt die zierliche Frau mit den braunen Augen, „sollen alle meine Familien selbstständig genug sein, um in Deutschland auch ohne mich zurecht zu kommen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert