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Bei der Freiwilligen Feuerwehr hat Anja Meißner die Hosen an

Von: Daniel Gerhards
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Sie kann sich ein Leben ohne Sirene, Blaulicht und Wasserschläuche kaum vorstellen: Oberbrandmeisterin Anja Meißner. Foto: Daniel Gerhards
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Sie kann sich ein Leben ohne Sirene, Blaulicht und Wasserschläuche kaum vorstellen: Oberbrandmeisterin Anja Meißner. Foto: Daniel Gerhards

Aldenhoven. Ein Leben ohne Sirene, Blaulicht und Wasserschläuche kann sich Anja Meißner kaum vorstellen. Das Aldenhovener Feuerwehrhaus ist für sie so etwas wie ein Zuhause. Und die Wehrleute sind fast schon die zweite Familie. Schon als kleines Mädchen sah Meißner die großen roten Autos täglich. „Ich bin im Feuerwehrhaus aufgewachsen. In der alten Feuerwache gab es eine Hausmeisterwohnung, darin hab ich mit meinen Eltern gewohnt“, sagt sie.

Was es bedeutet, in der Feuerwehr zu sein, hat Anja Meißner also schon ganz früh erlebt. Und das nicht nur wegen des außergewöhnlichen Orts, an dem sie als Kind mit ihren Eltern wohnte. Die Bindung zur Wehr war bei den Meißners schon immer eng. Vater, Großvater – eigentlich hat die ganze Verwandtschaft Feuer gelöscht. Und im April 1993 will Anja Meißner dann auch richtig dazugehören. Sie wird Feuerwehrfrau. Los geht es damals in der Jugendfeuerwehr. „Ich bin damals so reingerutscht. Das war für mich etwas ganz Normales“, sagt sie.

Beim Feuerwehrnachwuchs ging es erst einmal spielerisch los. Aber Anja Meißner wollte mehr. „Wenn man Interesse an technischen Dingen und theoretischem Wissen zum Beispiel zu Bauweisen von Häusern hat, kann man in den Lehrgängen viel dazulernen. Das Interesse wächst dann immer weiter.“ Aber es ist nicht nur dieser Wille, fachlich zu lernen, der dafür sorgt, dass die 32-jährige Oberbrandmeisterin der Wehr seit 20 Jahren treu ist. Für sie geht es auch darum zu helfen.

Einsätze sind für Meißner niemals Routine. Selbst beim „Klassiker“, dem Wohnungs- oder Kellerbrand, könne man „nie wissen, was einen erwartet“. Sind Menschen in den Räumen? Sind sie bewusstlos? Könnte das ganze Gebäude einstürzen? Bei solchen Einsätzen sind die Räume meist voller Rauch. „Das Schlimmste ist, dass man nichts sieht“, sagt Meißner. Denn Atemschutz und die Einsatzkleidung helfen gegen toxische Dämpfe und 800 bis 1000 Grad Celsius Hitze.

Im Rauch ist es so dunkel, dass auch Lampen nicht viel ausrichten. „Wir kriechen über den Boden oder gehen in der Hocke. Man kann sich nur vorantasten“, sagt Meißner. Dabei ist Vorsicht geboten, denn wenn man eine Treppenstufe übersieht, könne man leicht stürzen und sich verletzen. Das alles trägt zur „Ungewissheit“ bei, die Meißner bei solchen Einsätzen hat: „Wir wissen vorher nie, was passiert und ob man wieder aus dem Gebäude rauskommt.“ Das richtige Verhalten trainiere man zwar ständig. Aber ein echter Einsatz sei mit den Übungen überhaupt nicht zu vergleichen.

Deshalb müsse man im Ernstfall auch immer wachsam sein. „Die Gefahren sind an jeder Einsatzstelle gegenwärtig. Man muss sie immer im Auge haben“, sagt Meißner, die auch häufig die Einsätze der Aldenhovener Wehr leitet. Mut gehört für sie zur Arbeit bei der Feuerwehr dazu. Aber man müsse auch zu seinen Ängsten stehen. „Wenn man vor etwas Angst hat, dann muss man das sagen. Dann bekommt man eine andere Aufgabe. Man sollte keinen falschen Stolz haben.“

Wenn man mit Wilfried Thelen, dem Leiter der Aldenhovener Feuerwehr, über Anja Meißner redet, dann könnte man meinen, dass sie gar keine Angst kennt. Er lobt sie in den höchsten Tönen. „Sie geht vorne rein und löscht das Feuer. Oder führt die Gruppe“, sagt Thelen. Gerade bei der Einsatzleitung müsse man viele Dinge gleichzeitig beachten. So zum Beispiel vor einigen Wochen: ein Unfall auf der nahen A 44. Anja Meißner ist an diesem Tag Gruppenführerin und damit für den Einsatz verantwortlich.

„Man macht sich auf dem Weg seine Gedanken und fragt sich, wie viele Leute verletzt oder eingeklemmt sind“, sagt sie. Aber so richtig sehe man erst am Ort des Geschehens, was passiert ist. In diesem Fall sind sechs Autos beteiligt. „Man macht sich ein Bild von der Lage. Man muss sich immer zuerst um die größte Gefahr kümmern, dann um die nächstgrößte und so weiter.“ Der Druck ist immens hoch. Jetzt bloß keinen Fehler machen. Eine Frau ist schwerst verletzt, sie muss mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden, eine Person ist eingeklemmt, die Feuerwehr holt sie raus. „Betriebsmittel“ – also Benzin, Diesel und Öl – laufen aus. Und das bei fünf von sechs beteiligten Fahrzeugen. „Die Autobahn war eine halbe Stunde gesperrt. Ein Auto haben wir komplett eingeschäumt“, sagt Meißner.

Wenn sie im Einsatz Entscheidungen trifft, dann müssen die Männer nach ihrer Pfeife tanzen. Gibt es da keine Probleme? „Die müssen ja auf mich hören“, sagt sie. Anja Meißner hat die Hosen an. Trotzdem: Die Feuerwehr ist noch immer eine Männerdomäne. In der Aldenhovener Wehr gibt es vier Frauen. Zwei gehen derzeit mit in Einsätze. „Vor 20 Jahren gab es noch so gut wie gar keine Frauen in der Feuerwehr. Damals war das sicher schwierig. Heute gehört es dazu“, sagt Meißner. Im Einsatz wollen die Frauen auch nicht zurückstecken. „Wir machen alles, was die Männer auch machen. Das ist gar kein Problem. Wir stehen auch unseren Mann.“ Oder die Frau – ganz, wie man will.

Nach all der Anspannung ist Meißner jedes Mal froh, wenn sie helfen konnte, vielleicht sogar ein Leben gerettet hat. „Das ist schon ein gutes Gefühl. Man ist stolz auf die Leistung. Und als Gruppenführerin ist man stolz auf seine Leute“, sagt sie. Manchmal bekomme man eine Rückmeldung von den Leuten oder einen Dank. Aber das sei selten. Trotzdem sei die Anerkennung für die ehrenamtliche Arbeit im Ort hoch. Denn alles, was die Retter von der Feuerwehr in Aldenhoven machen, tun sie freiwillig. „Ein Berufsfeuerwehrmann in Aachen macht das Gleiche wie freiwillige Feuerwehrleute“, sagt Thelen. Sie stehen unter dem gleichen Druck, begeben sich in die gleichen Gefahren und sollen auch keine Fehler machen. Denn egal, ob die Vollzeitwehr oder der Freizeitlöschtrupp kommt, im Zweifel geht es um Menschenleben. „Ich glaube, dass unsere ehrenamtlichen Kräfte die besseren Feuerwehrleute sind, weil sie das alles noch neben ihrem Beruf machen“, sagt Thelen.

Anja Meißner ist Bürokauffrau in einem Installateurbetrieb in Setterich. Bei größeren Einsätzen fährt sie auch während der Arbeitszeit nach Aldenhoven. So viel Verständnis hat nicht jeder Arbeitgeber. Auch das sei eines der Probleme, mit dem die freiwillige Feuerwehr zu kämpfen habe.

Viel einfacher ist es für Meißner sowieso, wenn sie der Notruf zu Hause erreicht. Sie wohnt zwar nicht mehr im Feuerwehrhaus, aber kaum 300 Meter von der Einsatzzentrale entfernt. Damit die Feuerwehr im Zweifel noch rechtzeitig kommt, um Leben zu retten, gibt es eine Vorgabe: Sie müssen in acht Minuten am Einsatzort sein. Hose, Jacke, Helm, Handschuhe und Stiefel ziehen die Wehrleute in der Wache an. Und dann geht es los. Wer weiß, was am Einsatzort auf die Feuerwehr wartet.

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