Bachverein: Ein außergewöhnlicher Chor

Von: Bernd Mathieu
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Bachverein
Proben in der Turnhalle einer Schule: Die Sängerinnen und Sänger des Aachener Bachvereins sind konzentriert auf ihre Noten und ihren Künstlerischen Leiter Georg Hage – der sitzt auf einem erhöhten Stuhl. Foto: Harald Krömer

Region. Bereits 100 Jahre wird dieser außergewöhnliche Chor. Dieser außergewöhnlich gute. Als Heinrich Boell, der Gründer des Aachener Bachvereins, 1913 aus der Bachstadt Leipzig nach Aachen kam, hatte der Kantor einen Traum: selbst ein Bach-Oratorium aufführen!

Das war die Geburtsstunde, die dem Jubiläum zugrunde liegt, wenn auch die eigentliche Verwirklichung, seit 1914 durch den Ersten Weltkrieg beeinflusst, um einige Jahre verschoben wurde. 1919 kamen über 120 Frauen und Männer zu Gründungsversammlung. Das ist exakt die Zahl, die der Bachverein heute an Sängerinnen und Sängern hat.

Heute: Der Künstlerische Leiter des Aachener Bachvereins, Georg Hage, sagt: „100 Jahre Aachener Bachverein: ein herausragendes Stück Tradition mit Resonanz weit über die Aachener Musikwelt hinaus.“ Und: „Das sind 100 Jahre ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft.“ Ein Verein mit beachtlichem Potenzial: Schüler und Studenten, Alleinstehende und junge Familien, Jung und Alt. Auch darauf ist Georg Hage stolz. Träger dieses herausragenden Vereins ist die Evangelische Kirchengemeinde. Und die Aachener J.S. Bach-Stiftung fördert ebenfalls das hohe Niveau dieses Chors. Hinzu kommen Gönner, Förderer und Sponsoren.

Der Künstlerische Leiter erfährt besonders in diesen Jubiläumstagen höchstes Lob. Da hört man auch die – nicht gesungene – Stimme der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. „Der Dirigent und Leiter des Aachener Bachvereins ist ganz offenbar eine der Kraftquellen, aus der die Gemeinschaft ihre Motivation schöpft.“ Und sie zitiert einen schönen Satz von Johann Sebastian Bach: „Wem die Kunst das Leben ist, dessen Leben ist eine große Kunst.“ Den Bachverein nennt sie kurz das, was er ist: „Ein kulturelles Juwel.“

Und die Sängerinnen und Sänger? Was haben die zu sagen, wenn sie nicht singen? „Singen baut Stress ab und produziert Glückshormone“, weiß Rauke Xenia Bornefeld. Und beschreibt ihren Seelenzustand bei und nach der Probe: „Ärger bei der Arbeit? Daran denke ich jetzt nicht. Sorgen um die Kinder? Auch das darf sich setzen. Ich bin geschafft, aber glücklich und zufrieden.“

Die Proben mit Georg Hage sind für einen Außenstehenden gewöhnungsbedürftig, weil zunächst gar nicht „richtig“ gesungen wird. Da sitzt der hohe Herr der Musik tatsächlich auf einem Hochstuhl, Marke Ikea. Positioniert ist dieser Dirigenten-Thron in der Turnhalle der Annaschule. Der Umbau ist in allen logistischen Kleinteilen präzise organisiert, notfalls wird subjektiver organisatorischer Skepsis per Aufschrift nachgeholfen: „Dieser Wagen passt vor die Glastür.“ Also – hin damit!

Auch die ganz kurzen Bleistifte, mit denen Hage arbeitet, sind von Ikea. Damit markiert er Notenblätter. Langsam trudeln „Hages Leute“ ein. Um Fünfnach-halbacht geht es los. Klatschen, atmen, strecken. Anweisungen: Richtet die Körper auf! Lacht! Tretet auf der Stelle! Legt jetzt einen Montagsabendlauf ein! Werdet schneller! Ausatmen! Spannung in die Schultern legen! Hände in den Nacken! Dann folgen eine kleine Selbstmassage, leises Summen, mal klingt das wie bei einem Wolfsrudel, mal wie Wind.

Ah: Jetzt geht der Meister zum Flügel. Aber er entlockt ihm zunächst nur wenige Töne, die sich dem Summen anpassen, genießerisch. Dann, plötzlich: „Schüttelt euch alle.“ Dann müssen sie (als würden sie sich auf einen Wahlkampf vorbereiten) nur „bla, bla, bla“ singen. Und der Chor wird immer lauter, heller, höher. Vorbereitung beendet. Die „richtige“ Probe beginnt mit einem Choral aus der Matthäus-Passion. Jeder gute Chor beginnt seine Probe mit einem Choral. Georg Hage ist nicht schnell zufrieden, wen überrascht das? „Da ist noch eine kleine Lücke, die wollen wir nicht.“ Oder: „Diesen Takt dürfen wir nicht wie vor einer roten Ampel auslaufen lassen, richtig durchsingen!“ Und irgendwann, gar nicht mal Stunden später, sagt er: „Das war sehr schön.“

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