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Autorenlesung: Norbert Blüms Kampf für ehrliche Arbeit

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
„Aus Hungerlöhnen entstehen
„Aus Hungerlöhnen entstehen später Hungerrenten”: Norbert Blüm (2.v.r.) im Gespräch über die Thesen seines neuen Buches mit Chefredakteur Bernd Mathieu (r.) und Lesern unserer Zeitung im Zeitungsverlag Aachen. Foto: Jaspers

Aachen. Wenn es um die Sache mit der Rente geht, läuft Norbert Blüm zu großer Form auf, immer noch. „Natürlich ist die Rente sicher”, ruft er mehr, als dass ers sagt, aber „aus Hungerlöhnen entstehen später Hungerrenten.” Und ist damit auch schon beim Thema.

Dieser Tage liest Norbert Blüm viel aus seinem neuen Buch vor, am Donnerstagabend war er zu Gast im Zeitungsverlag Aachen. Das Buch heißt „Ehrliche Arbeit: Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier”, der Titel ist die treffende Zusammenfassung von Blüms Anliegen: „Man kann mit Geld mehr Geld verdienen als mit Arbeit.” Das passt Blüm nicht, und deswegen hat er eine Botschaft: „Die Quelle des Wohlstandes ist die Arbeit, nicht das Kapital.” Und: „Der Kapitalismus geht zugrunde, weil er die Arbeit nicht würdigt. Warum lassen wir uns das gefallen?” Herr Blüm probt den Aufstand, den Aufstand für die ehrliche Arbeit.

Norbert Blüm, der im Juli 76 wird, war von 1982 bis 1998 Helmut Kohls Minister für Arbeit und Soziales. Blüm war, zusammen mit Heiner Geißler, so etwas wie das soziale Gewissen der CDU. Aber die CDU Angela Merkels ist nicht mehr so richtig Blüms CDU, es ist auch keine CDU, in der Geißler oder Blüm noch wirklich zugehört würde. Als Blüm zu Beginn der Großen Koalition bei seinen letzten Parteitagsauftritten gegen Kopfpauschale und den „Ausstieg aus dem Solidaritätsprinzip” wetterte, schauten die Delegierten ihn an wie einen Außerirdischen. Die Zeit, in der Blüm CDU-Parteitagen redend, schwitzend, zeternd, oft auch begeisternd seinen hemdsärmeligen, eigentlich volksnahen Stempel aufdrückte, war vorbei.

Blüms Botschaft aber lebt, davon ist er überzeugt, wie auch am Donnerstagabend ziemlich deutlich zu spüren war. Und weil er für seine Botschaft brennt, hat er sich eben andere Bühnen gesucht, auf denen er sie unters Volk bringt. Sein Buch hat es unter die besten 50 der „Spiegel”-Bestsellerliste gebracht; ein Beleg dafür, dass es außerhalb von CDU-Parteitagen genügend Adressaten für Blüms Botschaft gibt.

Blüm kann seine Thesen mit Dutzenden Beispielen belegen, wenn es sein müsste, wohl auch mit Hunderten. Siemens? „Ein Bankhaus mit angeschlossener Produktion.” BMW? Porsche? Auch. Verdienen Geld mit Geld, in erster Linie, und nicht mit Arbeit. Geld vermehrt sich aus sich selbst heraus, für Blüm ist das so nicht in Ordnung. 99,6 Prozent allen Geldes, sagt er, habe keinen materiellen Gegenwert, sondern sei Spekulationsmasse, eine Blase. „Dieses Finanzsystem wird die nächsten 20 Jahre nicht überstehen. Ich wette mein Vermögen darauf, Herr Chefredakteur, nehmen Sie mich beim Wort - weil die Menschen es sich nicht länger gefallen lassen.”

Der „Herr Chefredakteur” unserer Zeitung, Bernd Mathieu, fasste im Interview nach und moderierte die Fragen aus dem Publikum, das Blüm mehrfach mit zustimmendem Applaus bedachte.

Blüm, der immer auch Pragmatiker war, glaubt an Finanztransaktionssteuern, die Angela Merkels CDU ablehnt, die FDP sowieso. Blüm ruft dazu auf, in Parteien einzutreten und diese zu verändern. Blüm ruft dazu auf, sich von der Industrie „nicht zum Schnäppchenjäger konditionieren zu lassen”, denn wenn alle ein Schnäppchen machen, dann ist es keines. Schon gar nicht, wenn es auf unethische Weise produziert ist. Und Blüm ruft dazu auf, Regionalwährungen in Anspruch zu nehmen, und Tauschringe auch.

Ein futuristischer Trip

Mathieu: „Ich glaube nicht, dass die Parteien es noch hinbekommen, Ihre Forderungen durchzusetzen.” Blüm: „Was soll denn die Alternative zu meinen Forderungen sein?” Mathieu: „Herr Blüm, sind Sie auf einem nostalgischen Trip?” Blüm: „Ich glaube eher, ich bin auf einem futuristischen.”

Man mag Blüm als Sozialromantiker belächeln, doch sollte man das nicht tun, ohne sich mit seinen Thesen auseinandergesetzt zu haben, die er durchaus nicht allein vertritt. Mit der zum Beispiel, dass nur eine gebildete Gesellschaft sich wirklich verändern kann, eine auch herzensgebildete, eine empathische Gesellschaft. „Durch das Internet”, sagte Blüm am Ende, „wissen wir alles. Aber wir haben vergessen, was wichtig ist.”
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