Auf den Spuren eines deutschen Soldaten

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
8196495.jpg
Hugo Luijten auf den Spuren seines Verwandten: Der Großneffe seines Urgroßvaters, Heinrich Josef Ohlenforst, starb 1914 als Soldat. Ausgangspunkt des Militäreinsatzes war die Gelbe Kaserne in Aachen. Luijten und sein Kameramann drehen deshalb Szenen für den Dokumentarfilm im Kennedypark, wo die Kaserne einst stand. Foto: Stephan Rauh
8196578.jpg
Die Gelbe Kaserne in Aachen an der Elsassstraße auf einer kolorierten Postkarte. Heute stehen von ihr nur noch einzelne Säulen im dortigen Kennedypark. Archiv: AKV/Sammlung Crous
8196620.jpg
Hugo Luijten wandelt auf den Spuren eines Verwandten: Der Großneffe seines Urgroßvaters, Heinrich Josef Ohlenforst, starb 1914 als Soldat. Ausgangspunkt des Militäreinsatzes war die Gelbe Kaserne in Aachen. Luijten und sein Kameramann drehen deshalb Szenen für den Dokumentarfilm im Kennedypark, wo die Kaserne einst stand. Foto: Stephan Rauh

Aachen. Die kleinen Metallkiste ist ein Familienerbstück, Hugo Luijten erbte sie von seinem Vater, als dieser starb. „Er hat die Kiste stets bei sich getragen, und das mache ich jetzt auch“, sagt der belgische Historiker, während er das verbeulte silberne Kästchen aus seiner Hosentasche holt und etwas wehmütig anschaut.

In der Kiste fand er Todesanzeigen vieler Familienmitglieder, eine aber war anders: die von Heinrich Josef Ohlenforst.

„Ich kannte ihn nicht, aber wenn mein Vater seine Todesanzeige stets bei sich trug, musste er ihm ja etwas bedeutet haben. Sie müssen sich gekannt haben“, sagt Luijten. Also begann er, der Geschichtsdozent, zu recherchieren. Am 26. September 1914 fiel Heinrich Josef Ohlenforst während eines Angriffes der deutschen Armee auf Souain, ein winziges Dorf in der Nähe von Reims. „Er war ein Großneffe meines Urgroßvaters, und die Geschichte dieses Vorfahren fand ich inspirierend für ein multimediales Projekt“, sagt Luijten. Er hat sich viel vorgenommen: Buch schreiben, Dokumentarfilm drehen, einen Comic zeichnen.

Und nun steht er im Aachener Kennedypark, wo bis in die 60er Jahre die Gelbe Kaserne stand. Ohlenforst gehörte zum Infanterie-Regiment von Lützow (l.Rheinische) Nr. 25. Das startete gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges von der Gelben Kaserne aus zum Angriff in Lüttich. Den Weg aus Aachen bis nach Souain, wo Ohlenforst gefallen ist, wird Luijten nun selbst begehen.

Diese zweimonatige Reise bis zum 26. September, dem Todestag, hält er mit einer Kamera fest, an einigen Knotenpunkten stößt ein Kameramann dazu, der einige Szenen filmt. Finanziert wird das alles durch Spenden. „Ich möchte mich mit dem Dokumentarfilm auf die Spur meines Verwandten begeben“, sagt Luijten. Es sei eine Art Jakobsweg. Los geht es am 4. August am Dreiländereck. Dank genauer Aufzeichnungen kennt er die zweimonatige Route seines Vorfahren ganz genau. Da beinahe alle Regimente Bücher über ihr taktisches Vorgehen im Ersten Weltkrieg geschrieben haben, kann Luijten den Weg von Dorf zu Dorf nachverfolgen. „Ich kann sogar beinahe auf den Quadratmeter genau angeben, wo Ohlenforst gefallen ist.“ Es war ein Angriff, der auf ein begrenztes Gebiet beschränkt war. „Das hat mich auch erstaunt, wie präzise das alles nachvollziehbar ist“, sagt Luijten.

Doch ganz und gar nicht präzise ist das Bild von seinem Ahnen, auf dessen Spuren er nun wandelt. Ein Name, die Todesanzeige, die Militäraufzeichnungen – das war es dann auch schon. Heinrich Josef Ohlenforst ist für den Filmemacher nicht greifbar. „Ich weiß sehr wenig von dem Jungen, im Zweiten Weltkrieg ist leider so viel Archivmaterial verlorengegangen“, sagt Luijten mit einem verzweifelten, beinahe genervten Tonfall. „Ich habe Ohlenforst in dem dreiviertel Jahr, in dem ich mich mit ihm beschäftige, auch schon gehasst.“

Könnte Luijten dem Soldaten nur eine Frage stellen, dann wäre es die zermürbende nach dem Warum. Denn Ohlenforst meldete sich 1914 freiwillig zum Dienst – und zwar an vorderster Front. „Er war schon 34 alt, alle anderen Soldaten in seinem Regiment waren höchstens 20“, sagt Luijten. „Was hat so ein für die Zeit alter Mann da gemacht?“ Auf diese Frage habe er noch keine Antwort gefunden. Die jungen Leute hätten ja in den Dienst gehen müssen, aber ältere hätten doch die Chance gehabt, in den Landsturm oder die Landwehr zu gehen. „Stattdessen kämpft er ganz vorne mit.“

Die Soldaten im Infanterie-Regiment Lützow gingen schwer bepackt 40 Kilometer am Tag. Die ersten starben bereits nach 24 Stunden im Einsatz. „Die hatten noch nicht einmal einen Schuss abgegeben“, sagt Luijten. Das habe sogar ihn als Militärhistoriker getroffen. „Mich beschäftigt, wie Ohlenforst diesen Krieg erlebt hat.“ Das versucht er nachzufühlen.

Ein bisschen angenähert hat er sich diesem unbekannten Mann schon, schließlich hat Luijten bereits den Roman „Opfer“ geschrieben. „Das ist aber eher eine Handlung vor dem Hintergrund der Geschichte“, sagt er. Alle Fakten stimmen, der Historiker hat sie penibel nachrecherchiert, aber man dürfe den Leser nicht mit Militärmanövern überfordern. Während der Recherchen war Luijten auch in Ohlenforsts Heimatdorf Selfkant­Saeffelen. Menschen, die Ohlenforst persönlich kannten, konnte er nicht mehr antreffen, zu viel Zeit ist vergangen. Aber in jedem Dorf gibt es Geschichten der Bewohner, die weitergetragen werden. Eine davon besagt, dass Ohlenforst ein Mädchen kennengelernt habe, das nicht standesgemäß war. „Das hätte Ärger gegeben.“ Deshalb sei er freiwillig in das Regiment gegangen, so erzählen es ihm ältere Dorfbewohner. Doch das ist nur eine mögliche Erklärung: Die Figur bleibt nach wie vor vage, verschwommen. „Ich merke aber, dass er ein Teil von mir wird, weil ich so viel Zeit mit ihm verbringe.“

Luijten interessiert, was Ohlenforst wohl vom Krieg gehalten hat, kurz vor seinem Tod. „Die sind ja alle enthusiastisch in den Krieg gezogen, ob das am Ende auch noch so war?“ Ohlenforsts Regiment hat grausame Dinge getan. Was man den Soldaten erzählt habe, um sie dazu zu bringen, das möchte der Belgier ergründen. Er besucht auf seiner Route durch die Ardennen auch ein Dorf, in dem sein Vorfahre mit den Kameraden Kinder, Frauen und alte Menschen erschossen hat – einfach so. Kriege seien nie ehrlich, in ihnen sei nichts unmöglich, sagt Luijten. Deshalb wolle er einen Film und ein Buch gegen den Krieg machen. „Ich bin überzeugter Pazifist.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert