Aachen/Nideggen - Auf dem Weg zum guten Pflegeheim

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Auf dem Weg zum guten Pflegeheim

Von: Christoph Velten
Letzte Aktualisierung:
Die Suche nach dem richtigen P
Die Suche nach dem richtigen Pflegeheim soll durch Benotungen erleichtert werden. Doch sie dienen bestenfalls zur groben Orientierung - und kosten den Steuerzahler trotzdem 105 Millionen Euro pro Foto: imago/imagebroker

Aachen/Nideggen. Wenn man wissen möchte, wie man sich als Schwarzes Schaf so fühlt, dann könnte man Doris Schröteler-Rommerskirchen fragen. Auch wenn der Ärger mittlerweile verflogen ist, kann die Betreiberin einer familiengeführten Seniorenresidenz in Nideggen-Schmidt nahe des Rursees sich noch genau erinnern.

Auf offener Straße sei sie damals angesprochen worden, sagt sie. „Mich kennt ja hier jeder, und da wollen die Leute schon wissen, was denn los ist bei uns.” Eigentlich hatte sich ja nichts verändert, nur das: Doris Schröteler-Rommerskirchens Altenheim war das einzige in der Region, das nach einem neuen Gesetz vom Mai 2008 zur Transparenz von Pflegeeinrichtungen nach einer Überprüfung mit der Note „mangelhaft” bewertet wurde.

Kein Wunder also, dass sie sich umgehend in der Presse wiederfand. Ein Umstand den die geschäftige 52-Jährige nicht auf sich sitzen lassen konnte. „Das hat ganz schön genagt”, sagt sie heute. Vor allem, weil sie wusste, dass ja im Großen und Ganzen alles in Ordnung gewesen sei in ihrem Pflegeheim. Trotzdem hat sie die Bewertung zum Anlass genommen, einiges in Frage zu stellen. Es hat Umstrukturierungen gegeben, ein paar Renovierungen sind abgeschlossen und vor allem die schriftliche Dokumentation über den Umgang mit ihren Bewohnern entspricht in Form und Umfang den geltenden Richtlinien.

Kosten: 105 Millionen pro Jahr

Jetzt, ein halbes Jahr später ist Schröteler-Rommerskirchens Welt wieder in Ordnung. Die Prüfer waren in der Zwischenzeit ein zweites Mal da. Das Ergebnis: 1,1, Bestnoten nun auch für das kleine Seniorenheim in Schmidt.

Damit reiht sich die stationäre Pflegeeinrichtung mit ihren 32 Bewohnern nun also in die lange Liste von Altenheimen, die vom Medizinischen Dienst mit guten Noten bewertet worden sind. In einem Umkreis von 50 Kilometern zählt man in und um Aachen 209 Pflegeeinrichtungen, die eine vollstationäre Pflege anbieten. Davon sind mittlerweile 171 mit Bewertungen im Internet veröffentlicht. 144 sind mit Noten zwischen 1,0 und 2,0 gewertet worden, 24 mit Noten zwischen 2,1 und 3,0, lediglich drei Einrichtungen zwischen 3,1 und 4.

Was hatte es im Vorfeld des ja noch jungen Bewertungsgesetzes nicht alles für Bedenken gegeben: Zum Teil wurde gar der öffentliche Pranger heraufbeschworen. Kein anderer Berufszweig, so die Behauptung, würde in Deutschland derart öffentlich vorgeführt wie die Pflegeeinrichtungen. Und jetzt? Alles eine große Luftnummer! Wenn eine Klassenarbeit mit einem derart guten Durchschnitt ausfallen würde, müsste sich der Lehrer jedenfalls die Frage gefallen lassen, ob die Anforderungen an die Schüler nicht ein wenig zu niedrig ausgefallen sind.

Ulla Schmidt lässt sich davon nicht irritieren. Auf Anfrage unserer Zeitung lässt die ehemalige Bundesgesundheitsministerin wissen, dass sie sich über die guten Ergebnisse freue. „Transparenz ist geschaffen worden. Ohne die Einführung der Richtlinien wäre bis heute gar nichts passiert”, sagt Schmidt. Man könne es offenbar nicht allen Recht machen. „Sind viele Einrichtungen gut bewertet, glaubt man es angesichts mancher Skandale, aber auch mancher reißerischen Berichterstattung nicht. Sind viele schlecht bewertet, dann heißt es: „,Warum sind die nicht schon längst geschlossen?”

Ist in Deutschlands Pflegeheimen also alles in bester Ordnung? Sind die Skandale um Liegegeschwüre, Übermedikamentierung oder die Unterversorgung Demenzkranker bloß noch Geschichten von gestern?

Beim Institut für soziale Gerontologie an der Technischen Uni Dortmund glaubt man zwar nicht an die plötzliche und allumfassende Heiligsprechung der deutschen Pflegeeinrichtungen durch die überwiegend glänzenden Benotungen; doch sei in der Tat vieles besser geworden in den vergangenen Jahren. Barbara Eifert beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Qualität in der Pflege.

Die Bewertungen, die jetzt im Internet veröffentlicht sind, findet die wissenschaftliche Mitarbeiterin zwar zu undifferenziert, weil immer die Möglichkeit gegeben sei, schlechte Ergebnisse in der Pflege mit guten Noten etwa für das Freizeitangebot auszugleichen. „Aber ohne die Prüfungen gebe es eben nichts”, sagt sie. Und deshalb müsse man wohl damit leben, auch wenn die Qualität der Ergebnisse zu wenig hinterfragt werde.

Auch viele Pflegekassen fordern mittlerweile, dass die Benotung eines Heims nicht besser sein darf, als die Einzelbewertung der sogenannten Risikokriterien wie Ernährungsmängel oder Wundliegen. Weil einige Anbieterverbände seit Monaten die Zustimmung zu diesen Änderungen aber verweigern, hat es noch keine Anpassung gegeben. Und weil die Zustimmung aller Anbieterverbände nach Gesetzeslage zwingend notwendig ist, wird es ohne Gesetzesänderungen wohl auch keine geben.

Auch deshalb könnten die Noten nur zu einer ersten Orientierung dienen, sagt Eifert. Sie ersetzten nicht den Besuch vor Ort, das Gespräch mit Bewohnern und Personal. „Gehen Sie hin, schauen Sie sich um, allein, wie es riecht, sagt meist schon vieles”, sagt die Pflegeexpertin.

Bleibt also die Frage, warum es das neue Gesetzt überhaupt gibt. Zumal die Überprüfung der über 23.000 Pflegeeinrichtungen in Deutschland jedes Jahr rund 105 Millionen Euro kostet. Wohl deshalb, weil es kein besseres Gesetz gibt. „Gesetze müssen auch in der Praxis umgesetzt werde”, sagt Ulla Schmidt. Deshalb ist aus ihrer Sicht eine sinnvolle Beteiligung aller Betroffenen unverzichtbar. Wer das jedoch missbrauche, um Verbesserungen zu blockieren, rufe den Gesetzgeber auf den Plan. „Wenn es umsetzbare bessere Vorschläge gibt, müssen sie auch kommen”, sagt sie.

Zumindest für Doris Schröteler-Rommerskirchen hat sich das Gesetz schon jetzt gelohnt. „Wir haben uns ganz schön auf den Hosenboden setzen müssen”, sagt sie. Jetzt kann jeder kommen, jederzeit. „Wir haben keine Sorge mehr vor einer Überprüfung.”

Die Benotungs-Kriterien sind nicht gewichtet

Basis der Noten sind 82 Einzelbewertungen. Auf „Pflege” entfallen zum Beispiel 35 Kriterien, auf „Soziale Betreuung” zehn. Bei der Pflege wird unter anderem geprüft, ob der „Ernährungszustand angemessen” ist, im Bereich „Soziale Betreuung”, ob es Gruppenangebote gibt. Aus allen Bewertungen eines Bereiches wird der Mittelwert errechnet.

Diese Berechnung steht in der Kritik. Denn der Schutz vor Wundliegen zählt für die Endnote genauso viel wie ein gut lesbarer Speiseplan. Die Kriterien sind nicht gewichtet.

Zudem sind Befragungen von Bewohnern zu ihrer allgemeinen Zufriedenheit nach Meinung vieler Experten wenig aussagekräftig. Denn in der Regel äußerten sich Menschen viel positiver, als es ihrer Situation entspricht. Tatsächlich erhielten 98,8 Prozent der bislang geprüften Heime von den Bewohnern gute Noten.

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