Auch nach 25 Jahren: Nur 99 Besucher dürfen rein

Von: Jenny Schmetz
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„Wir sind eine Wundertüte”: Jutta Kröhnert und Manfred Hammers präsentieren Kostüme im Foyer des Aachener Theaters 99, das nun seinen 25. Geburtstag feiert. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Zwischen Sex-Kino und Disco führen 16 Stufen in den Untergrund. Muffig riecht’s, noch immer nach Kartoffelkeller. Doch unten eröffnen sich nach jedem Abstieg andere Welten: Mal darf der Besucher als Galeerensklave mit Ben Hur eine Viertelstunde rudern, mal muss er die Witzchen von Komiker Mario Barth ertragen, mal kann er Zauberern, Clowns oder Jongleuren beim Schwitzen in die Poren blicken.

Seit bald 25 Jahren ist im Keller am Aachener Gasborn das kleine Theater 99 zu finden. Rund 500 verschiedene Programme sind dort in 2500 Aufführungen über die Bühne gegangen.

Im Herbst 1984, in der Aachener Kneipe „Molkerei”, zwischen Studenten in selbst gestrickten Norwegerpullis und Kakao-mit-Sahne-Trinkern, da schlug Manfred Hammers plötzlich mit der Faust auf den Tisch. „Lass uns doch einfach mal was anpacken!” Zuvor hatte er wohl schon stundenlang mit Kumpel Jürgen Bootsmann über die blühende freie Kulturszene in Aachen philosophiert.

Unter Einfluss von viel Bier

Aber mit dem „wenn, hätte, sollte, könnte” musste Schluss sein. „Wahrscheinlich unter Einfluss von zu viel Bier überflügelte uns die Fantasie”, erinnert sich der 53-Jährige heute. Es gab viele Gruppen, aber sie waren nicht vernetzt. Man brauchte einen Verein. „Gemeinsam sind wir stark!”

Schon kurz darauf gründeten im Februar 1985 rund 30 Gruppen die Aachener Kultur- und Theaterinitiative (AKuT), als richtigen Verein mit Satzung, Vorstand, allem Pipapo. Aber anders sollte er sein. „Damals war das Alternative ja unheimlich trendig”, sagt Hammers, der „Fleddermäuse”-Kabarettist und Moderator des ebenfalls alternativen Strunx-Karnevals. Und muss dabei doch etwas schmunzeln.

Anders als das Stadttheater wollte man arbeiten, ergänzt Jutta Kröhnert, die 1987 zu AkuT stieß. „Gegen das Etablierte. Im Stadttheater gab es ja noch Operetten.” Mitbestimmung, Unabhängigkeit, Friedensbewegung, das waren wichtige Vokabeln. Aber weil AKuT-Vollversammlungen dann oft nicht unter fünf Stunden dauerten, war die Basisdemokratie laut Hammers dann doch eine „basisdemokratische Diktatur”. Einer musste ja entscheiden und anpacken.

„Gaudimax im Audimax”

Und so stemmte man dann auch das erste Kulturfestival „Gaudimax im Audimax”. Äußerst erfolgreich. Nun fehlte nur noch eine eigene Spielstätte.

Eine Treppe, ein kleines Foyer, der Theater- und ein Nebenraum - zusammen gerade mal 220 Quadratmeter. Zum Vergleich: Alleine die Hauptbühne des Stadttheaters ist 300 Quadratmeter groß. Architekt Hammers erinnert sich noch, wie er „500 Meter Tapetenbahnen rundherum” gezogen und ein „Klöchen” eingebaut hat. Früher war da ein Handwerksbetrieb, welcher, das weiß heute keiner mehr so genau. „Technik auf Neandertaler-Niveau”, „handgestrickte” Requisiten. Aber eine eigene Spielstätte! Die Möglichkeit zu proben, sich gegenseitig - etwa mit der Lichtanlage - auszuhelfen.

Die Konkurrenz in Aachen war am 11. April 1986 groß: Herbert Grönemeyer machte „Sprünge” durchs ausverkaufte Eurogress. Die Alemannia fegte auf dem Tivoli den Zweitligaspitzenreiter aus Köln mit 3:0 vom Platz und träumte vom Aufstieg. Trotzdem wagten 90 Zuschauer am Gasborn den Abstieg, um das Theater Bohème mit „The Family” von Lodewijk de Boer zu sehen: Drei unangepasste Geschwister besetzen ein Abbruch-Haus. Ein programmatischer Auftakt? Die erste Vorstellung im Theater 99.

Der ältesten freien Bühne Aachens folgte schon zwei Monate später das Theater K, im Jahr darauf eröffnete dann das DasDa Theater. Gefeiert wird der 25. Geburtstag des Theaters 99 jetzt zwischen den Daten von AKuT-Gründung und Theatereröffnung: Das Datum 9..9. passt einfach so gut zum Namen. In der freien Szene sieht man das halt etwas lockerer.

Der Name erklärt sich so: Maximal 99 Zuschauer dürfen rein. Einer mehr - und nach der Versammlungsstättenverordnung wären höhere Auflagen etwa beim Brandschutz fällig. Nach Hoch-Zeiten mit Studententheater Ende der 80er, Anfang der 90er nahmen zuletzt 4000 bis 5000 Zuschauer pro Jahr auf den ausrangierten Kinoklappstühlen Platz. Von dem Theater-99-Zuschauer könne man nicht sprechen, erklärt Jutta Kröhnert. Jede einzelne Gruppe habe ihr Publikum. Zurzeit sind 16 Gruppen AKuT-Mitglied, vom Theater Ausbruch bis zum Wall Street Theatre, rund 80 Einzelmitglieder, überwiegend Amateure. Zudem wird der Raum auch an andere Künstler vermietet.

„Fluch und Segen des Vereins” nennt Hammers die AKuT-Eigenheit: Man biete eine Plattform für verschiedene Gruppen, neue könnten so schnell etwas auf die Beine stellen. Aber manchmal existiere eine Gruppe auch nur zwei Jahre. „Es fehlt die Kontinuität.” Anders als das DasDa Theater oder das Theater K habe man kein eigenes Ensemble, kein scharfes Profil. „Da weiß man, was man bekommt”, sagt Jutta Kröhnert. „Und wir sind eine Wundertüte.” Positiv gesagt: Der Zuschauer hat die vielfältige Möglichkeit, Neues zu entdecken. „Eine Anfängeraufführung, aus der man schreiend rauslaufen möchte”, sagt Kröhnert, „oder jemanden, der später berühmt wird.” Wie Mario Barth, Volker Pispers oder die Missfits.

Neben dem Image-Problem kämpft man wie alle Freien mit dem Geld. Mit einem Sockelbetrag von rund 10.000 Mark pro Jahr startete die städtische Förderung für AKuT Anfang der 90er Jahre, inzwischen erhält der Verein 18.300 Euro pro Jahr mit einer Zusage für drei Jahre. „Damit zahlen wir nicht mal die Miete”, sagt Jutta Kröhnert, die seit 1998 AKuT-Vorsitzende ist. Von einer Unternehmensberatung kommend, ist sie aber stolz auf „solide Bilanzen”. Neun Mitarbeiter beschäftigt das Theater 99, mit Hilfe der Arge und sehr viel ehrenamtlichen Engagements. Da ist publikumswirksamer Mainstream bei der Hausproduktion am Jahresende ein Muss. Diesmal: „Die drei Musketiere”, „komplett in 3D”. Jutta Kröhnert schreibt, führt Regie, spielt mit und hat den finanziellen Überblick: „Was da reinkommt, geht in Reparaturen.”

2003 war der bisher letzte Tiefpunkt: Entweder aufhören oder einen Schritt nach vorne wagen, hieß es da. Und es wurde investiert. Seit 2004 gibt es ein größeres, ebenerdiges Foyer, zwei neue Toiletten, ein Schaufenster, ein Büro mit Tageslicht und ein neues Schild, eine weiße 99 auf Knallorange. „Es hat funktioniert”, sagt Jutta Kröhnert.

Die Szene schrumpft

Aber die 48-Jährige weiß auch: „Die Kleinkunst hat längst nicht mehr den Stellenwert, den sie mal hatte.” Die Szene schrumpft. Weniger Geisteswissenschaftler in Aachen, weniger Bereitschaft zum Idealismus, zur Selbstaufgabe bei Jüngeren. Die Schultheatertage, die AKuT mitorganisiert, geben zwar Anlass zur Nachwuchshoffnung. Doch Kröhnert meint: „Die Schüler und Studenten von heute haben Terminkalender wie ein Manager. Die müssen sich überlegen, ob sie ihre Zeit so vertrödeln wie wir damals.”

Und auch die Umgebung rund um das Theater 99 ändert sich. Schon Mitte der 80er sei es ein „Nachtjackenviertel” gewesen, sagt Hammers. Welchen Einfluss wird die geplante Kaiserplatzgalerie auf das Rotlicht- und Drogenmilieu haben? Steigen die Mieten? Schwindet das Verruchte? Vielleicht droht ein Verlust an Flair, bedauert Jutta Kröhnert. „Manche Zuschauer fühlen sich hier besonders alternativ.”
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